Skulptur erzielt Rekordpreis bei Sotheby's: 74 Millionen Euro für den "schreitenden Mann"
VON BERTRAM MÜLLER - zuletzt aktualisiert: 05.02.2010 - 07:48London (RP). Eine Skulptur des Schweizer Bildhauers Alberto Giacometti (1901–1966) ist in London für einen Rekordpreis versteigert worden. Damit gilt diese Plastik eines schreitenden Mannes jetzt als "teuerstes Kunstwerk der Welt". Doch die Statistik ist mit Vorsicht zu genießen.
Die Versteigerung bei Sotheby's dauerte nur acht Minuten. Dann stand fest: Alberto Giacomettis lebensgroße Bronzeplastik eines schreitenden Mannes, "L'Homme qui marche I" von 1961, hatte für umgerechnet 74 Millionen Euro den Besitzer gewechselt und beansprucht nun, wenn nicht den Titel "teuerstes Kunstwerk aller Zeiten", so doch die Bezeichnung "teuerstes Kunstwerk, das jemals versteigert wurde". Bislang belegte diesen Platz Picassos Gemälde "Junge mit Pfeife".
Eigentlich aber führt Jackson Pollocks "No. 5, 1948" die Liste der teuersten Kunstwerke an; nur wurde es nicht versteigert, sondern privat verkauft. Der ebenfalls das jüngste Auktionsergebnis übertreffende Preis von Gustav Klimts "Porträt Adele Bloch-Bauer" ist offiziell nicht bestätigt worden.
Ohnehin befindet sich das wirklich teuerste Kunstwerk der Welt irgendwo in einem Museum, unverkäuflich für alle Zeiten und daher einer Taxierung durch den Kunstmarkt entzogen. Was nicht verkauft wird, hat auch keinen Preis. Vielleicht ist die Nofretete-Büste das teuerste Werk oder die "Mona Lisa", vielleicht aber auch eines jener nur 37 Gemälde, die Jan Vermeer van Delft verfertigte und denen die Kunstwelt höchsten Rang bescheinigt. Im Übrigen gilt es zu bedenken, dass schon allein die Inflation über Jahrzehnte hinweg die Preise in die Höhe treibt.
1. Jackson Pollock: „No. 5, 1948“, 140 Millionen Dollar (privat, nicht in einer Auktion verkauft)
2. Gustav Klimt: Porträt Adele Bloch-Bauer, 135 Millionen Dollar (nicht bestätigt)
3. Alberto Giacometti: L’Homme Qui Marche I“, 102,6 Millionen Dollar
4. Pablo Picasso: Junge mit Pfeife, 92,2 Millionen Dollar
5. Gustav Klimt: Porträt der Adele Bloch-Bauer II, 87,9 Millionen Dollar
6. Vincent van Gogh: Porträt Dr. Gachet, 82,5 Millionen Dollar
7. Pierre-Auguste Renoir: Bal Au Moulin de la Galette, 78 Millionen Dollar
8. Peter Paul Rubens: Das Massaker der Unschuldigen, 76,7 Millionen Dollar
9. Vincent van Gogh: Porträt des Künstlers ohne Bart, 71,5 Millionen Dollar
10. Paul Cézanne: Rideau, Cruchon et Compotier, 60,5 Millionen Dollar
Diese Bemerkungen sollen keinesfalls den Rang von Giacomettis "Schreitendem" schmälern. Die Skulptur ist die bekannteste des Schweizer Bildhauers und außerdem eine Zierde der 100-Franken-Banknote. Anfang der 1980er Jahre hatte die Dresdner Bank das Werk erworben. Nach der Übernahme des Kreditinstituts durch die Commerzbank war es in deren Sammlung übergegangen. Der neue Besitzer ersteigerte sein feingliedriges Prunkstück telefonisch und blieb für die Öffentlichkeit anonym. Man vermutet, dass es sich eher um eine Privatperson als um ein Museum handelt. Der Erlös der Versteigerung soll der Stiftung der Bank und ausgewählten Museen zugute kommen.
"L'Homme qui marche I" gilt als verfremdende Darstellung von Bewegung: Ein massiger Fuß wirkt dem Schreiten entgegen.
Nach einer Ausstellung in New York machte sich der in Paris lebende Künstler rasch einen Namen als Bildhauer des französischen Existenzialismus. Seine kargen, in die Länge gezogenen Figuren, die sich in einem leeren Raum zu bewegen scheinen, verkörpern die Einsamkeit des Menschen in der Moderne.
Begonnen hatte Giacomettis künstlerische Laufbahn im Kreis der Surrealisten und ihrer Freunde in Paris – im Umfeld von Louis Aragon, Jean-Paul Sartre und Samuel Beckett. Wie er die Kunstwelt bereicherte, lässt sich zurzeit in einer Ausstellung des Duisburger Wilhelm-Lehmbruck-Museums beobachten: "Alberto Giacometti: Die Frau auf dem Wagen. Triumph und Tod". Der zweite Untertitel umreißt, worum es bei Giacometti geht: um Höhen und Tiefen des Menschseins – vielleicht auch um den späten Triumph des Auktionsrekords und die Zeit, die der Künstler in Paris auf Pump verbrachte.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum






