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Interview mit der Autorin: Alissa Walsers erster Roman

zuletzt aktualisiert: 14.01.2010 - 08:02

Frankfurt (RP). Die Autorin, Tochter von Martin Walser, hat jetzt ihren ersten Roman geschrieben: "Am Anfang war die Nacht Musik". Darin erzählt die 48-Jährige vom schicksalhaften Leben des schon zu Lebzeiten umstrittenen Arztes Franz Anton Mesmer (1734–1815).

An Anerkennung mangelt es der in Frankfurt lebenden Alissa Walser nicht: Gerühmt wurden ihre Prosabände "Dies ist nicht meine ganze Geschichte" und "Die kleinere Hälfte der Welt"; außerdem wurde sie mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis geehrt. Jetzt ist ihr erster Roman erschienen – ein Buch über den Mediziner und Theologen Franz Anton Mesmer (1734–1815), der mit seinen Heilmethoden wie Magnetismus und Hypnose als Scharlatan und Wunderheiler galt. Alissa Walser, die Tochter von Martin Walser, erzählt von Mesmers dramatischen Versuchen, die blinde Pianistin Maria Theresia Paradis zu heilen.

Warum haben Sie sich für Ihren ersten Roman einen historischen Stoff gewählt?

Walser Grundsätzlich gilt ja: Geschichte muss einen interessieren, weil man ohne sie schließlich nicht existieren würde; sie ist das, was zu uns hinführt. Aber das Historische war es nicht so sehr, was mich an der Begegnung zwischen dem Arzt Mesmer und der Pianistin Paradis gereizt hat, als vielmehr die Tatsache, dass ich viele meiner eigenen Themen darin entdeckt habe.

Welche Motive sind das?

Walser Das Verhältnis zwischen Mann und Frau, der Körper als Spiegel des Zeitgeists, aber auch das Sehen und das Licht – Themen, die mir als Malerin sehr entgegenkommen und die ich in meinen frühen Geschichten mit einer gewissen Härte realisiert habe.

Wie wichtig ist denn die Bildende Kunst für Ihr Schreiben? Sie haben auch Buchcover gestaltet und ein Balladen-Buch Ihres Vaters, "Das geschundene Tier", illustriert.

Walser Die Malerei ist mein Fundament. Ich habe in meinen Büchern immer mit Bild und Text gearbeitet. Zunächst waren es Illustrationen: Das Bild folgte dem Text. In den beiden Prosabänden versuchte ich, durch die Bilder den Texten etwas hinzuzufügen. Sie finden in der Jetzt-Zeit der Texte statt, mit Figuren, die selbst zeichnen. Sie kristallisieren den Text. Diesmal habe ich mich auf den Umschlag beschränkt.

Von der blinden Pianistin Maria Theresia Paradis heißt es im Buch, dass sie sich ans Klavier setzte, wenn ihr die Worte ausgingen. Sind Ihnen während der Arbeit am ersten Roman auch schon mal Worte ausgegangen?

Walser Ich muss gestehen, dass ich – einmal begonnen – flott durchgeschrieben habe. Jede Unterbrechung hätte mich gestört.

Von Ihrem Vater sind umfangreiche Recherchen zu seinen Romanen bekannt. Wie lange hat das bei Ihnen gedauert?

Walser Mir sind die Figuren seit 20 Jahren immer wieder begegnet. Wer vom Bodensee kommt, kennt Mesmer. Ich selbst habe auf der Höri gelebt, wo er geboren wurde. Später studierte ich in Wien; dort hörte ich erstmals von der versuchten Heilung der Paradis. Schließlich begegnete mir Mesmer auch bei meinem Malerei-Studium in New York wieder.

Das ist überraschend.

Walser Ja, als nämlich mein Professor zu mir kam und zu einem meiner Bilder bemerkte, es sei "mesmerising".

Heißt das für die Amerikaner "elektrisierend"?

Walser Eher "faszinierend" oder "fesselnd".

Was ist aus Mesmer nach der Arbeit am Roman für Sie geworden?

Walser Ich lernte, dass er von seinem Selbstverständnis her ein Mann der Wissenschaft war, ein Gelehrter.

Am Ende lassen Sie aber offen, ob sein Magnetismus wirkungsvoll ist. Sie belassen es beim Geheimnis – noch dazu in einer Epoche, in der die Naturwissenschaften zu triumphieren und mit der Vermessung der Welt beginnen.

Walser Die Wirkung des Magnetismus ist unbestritten. Heute gilt Mesmer als Vater der Hypnose. Aber das ist nicht mein Thema. Der Magnetismus war vor 200 Jahren in aller Munde. Für mich ist wichtig, wie ein wirkliches Phänomen derart aus dem Bewusstsein verschwinden kann. Mein Thema sind also nicht die Errungenschaften, die der Menschheit durch den technischen Fortschritt gegeben wurden, sondern das, was durch den Fortschritt auf der Strecke blieb.

Würden Sie Mesmer letztlich als eine tragische Figur beschreiben?

Walser Natürlich hat er darunter gelitten, dass er nicht anerkannt war. Andererseits war er berühmt. Aber mein Thema ist die Beziehung zwischen ihm und der Paradis.

Ihr Roman beginnt am 20. Januar 1777. An diesem Tag zieht bei Büchner auch der Dichter Lenz "durchs Gebirg". War das Absicht?

Walser Büchners Geschichte beginnt am Vorabend des Sturm und Drang, meine beginnt im Winter vor dem Frühling der Romantik. Büchner stellt ein gespaltenes Einzelwesen in den Mittelpunkt. Bei mir steht ein vereintes Doppelwesen im Zentrum, das schon stark der Romantik entgegenfühlt.

Erinnert wird man beim Namen Mesmer – trotz unterschiedlicher Schreibweise – an die "Meßmer"-Figur aus zwei Büchern Ihres Vaters.

Walser Da gibt es keine Verbindung, zumal der "Meßmer" meines Vaters mehr mit ihm zu tun hat als mein Mesmer mit mir; er ist jedenfalls nicht meine Identifikationsfigur.

Hat Ihr Vater denn die Entstehung Ihres Romans in irgendeiner Form begleitet?

Walser Oh Himmel, nein. Ich muss bei meiner Arbeit immer ganz für mich sein. Natürlich wird in unserer Familie viel über Literatur gesprochen. Aber mein Vater ist nicht mein Lektor.

Quelle: RP

 
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