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Fotokünstler mit 76 Jahren gestorben: Bechers Leidenschaft waren Fördertürme und Hochöfen

VON DOROTHEE ACHENBACH - zuletzt aktualisiert: 25.06.2007 - 10:18

Düsseldorf (RP). Der 76-Jährige gehörte zu den bedeutendsten Künstlern der Gegenwart. Als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf unterrichtete er Kunst-Stars wie Andreas Gursky, Candida Höfer und Thomas Ruff.

Wann immer in Museen in New York, Tokio oder Düsseldorf eine Serie nüchterner Schwarzweiß-Fotografien mit ins Zentrum gerückten Fördertürmen, Hochöfen, Getreidesilos, Lagerhäusern oder Kraftwerken auftaucht, weiß der Betrachter: Das ist eine Arbeit von Bernd und Hilla Becher. Wohl kaum einem anderen Künstler ist es gelungen, ein einziges Thema zu einem Lebenswerk von vergleichbar hoher Konsequenz und Wiedererkennbarkeit zu schaffen.

Das Ehepaar, seit 1959 in untrennbarer künstlerischer Einheit arbeitend, schuf eine Bestandsaufnahme von industriellen Zweckbauten von nahezu enzyklopädischen Ausmaßen. Viele dieser Bauten gibt es heute nicht mehr, sie wurden stillgelegt, abgetragen, gesprengt. Der Untergang dieser Industriekultur war die Motivation von Bernd Becher.

1931 in Siegen geboren, lernte er Dekorationsmaler, studierte dann Kunst und Typographie an den Akademien in Stuttgart und Düsseldorf. Er begann Gruben, Zechen und Fachwerkhäuser in seiner Heimat Siegen zu zeichnen, Fotos sollten ihm zunächst bei der genauen Wiedergabe helfen. Die Zerstörung war jedoch schneller als sein Stift. Mit seiner späteren Frau Hilla Wobeser, einer gelernten Fotografin, wechselte er zum Medium Fotografie. „Es ist ja ein Art nomadische Architektur, sie steht 30, 40, 100 Jahre“, sagte er einmal. „Sie ist eigentlich für das Foto gemacht. Die warten, bis ich komme, dann geht es zu Ende.“

Das Paar bereiste von Düsseldorf aus mit einem VW-Bus Europa, später die USA. Auf der Suche nach Gebäudetypen, die weltweit vorkommen, verewigten sie Fördertürme, Trockenspeicher, Gerbereien, Filz- und Leimfabriken, Wassertürme und Hochöfen. „Das ist einfach eine Sache, die wir nie leid geworden sind. Die Seele der Fotos liegt in den Objekten, deren Funktion man unverkleidet erkennen kann. Das ist der wirkliche Gelsenkirchener Barock“, sagte Bernd Becher. Sein körperlicher Einsatz war enorm: In Bochum stand ein Kühlturm vor dem gewünschten Objekt in der Zeche Hannibal. Becher seilte sich und die Kamera an, kletterte den Turm hoch und machte so die Aufnahme mit unverstelltem Blick.

Immer in diffus grauem Licht, das Hauptmotiv stets vom gleichen Blickwinkel aus in der Mitte, schufen Bernd und Hilla eine Typologie der Industriearchitektur. Durch die serielle Präsentation der Bilder werden die individuellen Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Formenvielfalt der vermeintlich gleichen Bauten deutlich.

Nicht nur als historische Dokumentation einer untergehenden Epoche sind diese Bilder von kulturgeschichtlicher Bedeutung, sie öffnen unsere Augen, indem sie den Bauten stille, zeitlose Schönheit und Erhabenheit verleihen. 1970 zeigt das New Yorker Museum of Modern Art Becher-Arbeiten, es folgen internationale Schauen, Becher-Fotografien sind auf der documenta 1972 und 1977 vertreten, das Paar erhält 1990 auf der Biennale von Venedig den Goldenen Löwen für den deutschen Pavillon. 1976 wird an der Düsseldorfer Kunstakademie die Bernd-Becher-Fotoklasse gegründet. Aus ihr gehen heute weltberühmte Künstler wie Thomas Struth, Andreas Gursky, Candida Höfer, Thomas Ruff, Axel Hütte und Elger Esser hervor.

Auf die kürzlich zur Eröffnung der Jörg-Sasse- Ausstellung im Museum Kunstpalast in Düsseldorf gestellte Frage, ob er stolz sei auf seine Schüler, lächelte der stille Mann. Als habe er es nicht anders erwartet. Bernd Becher, einer der einflussreichsten Fotokünstler unserer Zeit, verstarb, wie jetzt bekannt wurde, am Freitag in einer Rostocker Klinik an den Folgen einer Herzoperation.

Quelle: RP

 
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