Tag der offenen Tür nach abgeschlossener Restaurierung: Berlin öffnet das Neue Museum
VON FRANK DIETSCHREIT - zuletzt aktualisiert: 06.03.2009 - 19:50Berlin (RP). Auf der Berliner Museumsinsel gibt es wieder einen Anlass zum Feiern: Die Restaurierung des Neuen Museums unter der Leitung des Architekten David Chipperfield ist abgeschlossen. Nicht alle freuen sich darüber. Denn Chipperfield ist betont unromantisch vorgegangen.
Seit Kriegsbeginn war das Neue Museum geschlossen. Von Fliegerbomben und Artilleriebeschuss schwer in Mitleidenschaft gezogen, wurde der von Friedrich August Stüler entworfene und 1855 eingeweihte Kunsttempel auf der Berliner Museumsinsel nie wieder eröffnet. Pläne zur Restaurierung entstanden erst nach der politischen Wende und dem "Masterplan" zur Rettung des Weltkulturerbes.
Nachdem bereits das Bodemuseum und die Alte Nationalgalerie in neuer, alter Pracht glänzen, steht jetzt auch nach mehr als zehnjähriger Plan- und Bauzeit das Neue Museum vor seiner Wiedereröffnung. Gestern fand im Beisein von Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee, Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit und Architekt David Chipperfield die Schlüsselübergabe statt. Bevor Königin Nofretete, der Goldene Hut und der Xantener Bronzeknabe in ihre neue Heimat, bevor die Schätze des Ägyptischen sowie des Museums für Früh- und Vorgeschichte einziehen, darf das Publikum drei Tage lang (bis Sonntag) die noch leeren Räume besichtigen.
Eigentlich könnte die Freude groß sein. Doch das Gegenteil ist der Fall. Denn in Berlin wird wieder heftig gestritten. Aufgewärmt wird eine Debatte, die bereits vor anderthalb Jahren bei der ersten Baustellen-Begehung aufbrandete. In bewährter Unversöhnlichkeit stehen sich die Fronten gegenüber: Das vom britischen Architekten David Chipperfield durchgesetzte Konzept setzt auf "historische Ehrlichkeit". Kriegswunden und Verfall werden nicht überdeckt, sondern konserviert und mit zeitgenössischen Elementen kombiniert.
Im einst prächtig ausgestatteten Treppenhaus hat Chipperfield sein Konzept am sichtbarsten umgesetzt: Wo früher Wandmalereien und Dekor der Antike huldigten, steht nun, von gelben Ziegelstein-Wänden flankiert, ein riesiger Aufstieg aus schlichtem weißen Beton. Ein erster Rundgang zeigt: überall Gewölbe ohne klassischen Zierrat, Wände ohne glättenden Putz. Böden wurden gesäubert, Fresken freigelegt, das Vorhandene wurde vorsichtig erhalten, das Fehlende zurückhaltend ergänzt: "Ergänzende Wiederherstellung" nennt Chipperfield sein Konzept. Dabei gibt es keine gefällig verkleideten Räume mehr, sondern die rissigen, brüchigen Zeit-Schichten und die Architektur selbst werden ausgestellt. "Ich bin nicht der Schinkel des 21. Jahrhunderts", sagt Chipperfield von sich und entgegnet den Kritikern, die gern Preußens Glanz und Gloria in originalgetreuer Rekonstruktion wiederhätten: "Diese Nostalgiker sehen Geschichte als Hollywood-Film und wollen eine scheinechte Wiederherstellung – das ist heute nicht mehr glaubwürdig."
Die sich in der "Gesellschaft Historisches Berlin" sammelnden Gegner, zu denen auch Prominente wie Günther Jauch gehören, verspotten Chipperfield seit Jahren als "Ruinen-Romantiker" und halten die 200 Millionen Euro teure Restaurierung für einen "großen Schildbürgerstreich". In ihren Verlautbarungen prangern sie "künstliche Brutalisierung und totale Zerschlagung" an, sprechen von "Verunstaltung" und "Barbarei". In einer zur Schlüsselübergabe veröffentlichten Erklärung schimpfen sie: "Das Kunstwerk Stülers wurde ohne Not geopfert", die Denkmalschützer stünden nun "vor einem Desaster". Und während der liberale "Tagesspiegel" von einem "Sieg der Architektur" spricht, meint die konservative "Welt", Chipperfields Arbeit sei "zusammengeklebter Trümmerrest". Wo die einen den Briten als Wahlverwandten Stülers loben, kritisieren die anderen, er habe eine "künstliche Ruine geschaffen" und die "Majestät des einstigen Kunstwerks" beseitigt.
Hermann Parzinger, Hausherr und Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sieht das ganz anders. Mit Blick auf die vorsichtig freigelegten Wandmalereien im Bacchussaal, die mit modernen Baustoffen aufgefüllten Gewölbe im Mittelalterlichen Saal und die von den Narben des Krieges angefressenen Säulen des Römischen Saals meinte er bei der Schlüsselübergabe, Chipperfield sei ein "Wunder" gelungen: Er habe das Haus "nicht nur wieder funktionstüchtig gemacht", sondern "als ein Juwel wiedererstehen lassen". In einer Online-Umfrage einer Berliner Zeitung zeigte dagegen Volkes Stimme, was sie von Chipperfields "Flicken-Look" hält: nichts. Über 80 Prozent wünschen sich ein schön verputztes, originalgetreu anmutendes Haus. Nur zehn Prozent fanden Chipperfields Restaurierungs-Konzept "genau richtig".
Als nächstes wird Chipperfield als zentrales Eingangsgebäude die mit 70 Millionen Euro veranschlagte "James-Simon-Galerie" in Angriff nehmen. Bis 2028 wird es dauern, bis alle Sanierungsarbeiten auf der Museumsinsel, auch die im Pergamonmuseum und im Alten Museum, abgeschlossen sind.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum






