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Bonn
Bundeskunsthalle zeigt Werke aus dem "Kunstfund Gurlitt"

Bonn: Bundeskunsthalle zeigt Werke aus dem "Kunstfund Gurlitt"
Die Kuratoren der Ausstellung bei der Pressekonferenz anlässlich der Eröffnung in der Bundeskunsthalle. FOTO: ap, mm
Bonn. 2013 bewegte der "Kunstfund Gurlitt" nicht nur die Kunstszene. Die Sammlung, die teils aus NS-Raubkunst stammt, umfasst Werke von Dürer, Monet oder Picasso. In Bonn und Bern wird sie nun der Öffentlichkeit präsentiert.

Jedem Kunstliebhaber könnte in der neuen Schau der Bonner Bundeskunsthalle schlicht das Herz aufgehen: Gemälde von Renoir, Munch oder Manet, Skulpturen von Rodin und Degas, Zeichnungen von Dürer - diese und weitere Werke weltberühmter Künstler sind dort ab Freitag zu bewundern. "Bestandsaufnahme Gurlitt. Der NS-Kunstraub und die Folgen" ist jedoch keine Ausstellung wie jeder andere. Sie widmet sich dem "Schwabinger Kunstfund" von Cornelius Gurlitt und den Verbindungen zwischen Kunsthandel und NS-Gewalt.

Im November 2013 war bekannt geworden, dass in einer Münchner Wohnung über 1200 Kunstwerke beschlagnahmt worden waren. Bis heute gibt es daran - und am folgenden Verhalten von Behörden und Journalisten - auch Kritik. Am Donnerstag sorgte Ekkehart Gurlitt, Großcousin von Cornelius, in Bonn mit der Frage für Aufsehen, warum bislang "nur sechs" Werke aus dem Fund eindeutig als NS-Raubkunst identifiziert werden konnten - und warum der Familienname dennoch weiterhin in diesen Kontext gerückt werde.

Bislang nur sechs Werke als NS-Raubkunst identifiziert

Die Bundeskunsthalle bemüht sich um Differenzierung. Die Ausstellung beleuchtet den Werdegang von Cornelius' Vater Hildebrand Gurlitt, der Kunsthändler unter den Nationalsozialisten war. Parallel dazu werden die Schicksale von Zeitgenossen, oftmals jüdischer Künstler und Sammler, vorgestellt. Gleich zu Beginn weist eine Tafel zugleich darauf hin, dass Hildebrand Gurlitt "ein leidenschaftlicher Vertreter der Moderne" gewesen sei - und dass bei den meisten gezeigten Werken offen sei, wie sie einst in seinen Besitz gelangten. Eine Collage aus Schlagzeilen spielt zudem auf die "regelrechte journalistische Hetzjagd" an, der Cornelius Gurlitt sich nach dem Kunstfund ausgesetzt sah.

Der Titel "Bestandsaufnahme" sei bewusst gewählt, sagte der Intendant der Bundeskunsthalle, Rein Wolfs, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Er solle klar machen, "dass es eine Momentaufnahme der Forschung ist". Diese Forschung werde weitergehen, betonte Andrea Baresel-Brand, die das Projekt "Provenienzrecherche Gurlitt" leitet. Und: "Jeder einzelne Fall von Raubkunst rechtfertigt, dass wir die anderen Werke untersuchen."

Neben mehreren Ausstellungsstücken steht nicht nur eine inhaltliche Einordnung, sondern auch, wie sie mit Gurlitt in Verbindung stehen. Die "Geschichte von Enteignung, Entzug und Translokation" sei den Werken eingeschrieben, heißt es. Der Kunstfund habe vieles auf dem Feld der Provenienzforschung und Restitution in Bewegung gesetzt, so Wolfs: "Ich denke, dass der Fall Gurlitt klar macht, dass man lange zu wenig gemacht hat. Und dass nun vieles in ein schnelleres Fahrwasser geraten ist und Deutschland diesbezüglich wichtige Schritte gemacht hat."

Parallel läuft in Bern eine Ausstellung

Parallel zur Bonner Ausstellung ist bereits seit Donnerstag in Bern die Schau "'Entartete Kunst' - Beschlagnahmt und verkauft" zu sehen, die sich ebenfalls mit dem Nachlass Gurlitt befasst. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) bezeichnete beide Schauen als "wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft". Die Bonner Ausstellung sensibilisiere zudem dafür, wie schwierig es oftmals sei, die Herkunft eines Kulturguts zweifelsfrei zu klären, schreibt sie in einem Grußwort.

Auch die nationalsozialistische Vorstellung von Kunst wird in Bonn thematisiert. So wurden religiöse Werke etwa von Albrecht Dürer oder Hans Holbein dem Jüngeren in der NS-Zeit propagandistisch vereinnahmt. Zwei Exponate sorgten dagegen erst jüngst für Schlagzeilen: Gleich im ersten Raum hängt das "Porträt einer sitzenden jungen Frau" von Thomas Couture, das in der vergangenen Woche als NS-Raubkunst identifiziert wurde. Unauffälliger, als eine von sechs Zeichnungen Adolph von Menzels, wird dessen bereits restituierte Zeichnung "Inneres einer gotischen Kirche" präsentiert.

Im letzten Ausstellungsraum ermöglicht ein Fenster einen Blick zurück in den ersten. Außerdem stehen hier Recherche-Möglichkeiten wie Computer und Bücher über einzelne ausgestellte Künstler, den Kunstfund und den NS-Kunsthandel zur Verfügung. Eine gute Idee - denn die Schau lädt, ganz im Sinne der "Bestandsaufnahme", zur Vertiefung zahlreicher Fragen ein.

Die Ausstellungen "Bestandsaufnahme Gurlitt - Der NS-Kunstraub und die Folgen" beziehungsweise "'Entartete Kunst' - Beschlagnahmt und verkauft" sind vom 3. November 2017 bis zum 11. März 2018 in der Bonner Bundeskunsthalle und vom 2. November 2017 bis zum 4. März 2018 im Kunstmuseum Bern zu sehen. Am 29. November startet in Bonn eine begleitende Gesprächsreihe. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen (Verlag Hirmer, 29,95 Euro).

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(felt/KNA)
 
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