kalaydo.de Anzeigen stellen auto immobilien kleinanzeigen tiere ferienwohnungen inserieren
  RP Providing |  RP Shop |  PremiumCard |  RP Reise
         
  Newsletter |  RSS |  Mobil |  Apps
Abo & Service | Anzeigen | ePaper | Schulprojekte  
 
       
 
  Gast
Kommentare ()

Einkaufszentrum in historischem Gewand: Braunschweigs neues Mogelschloss

VON BERTRAM MÜLLER - zuletzt aktualisiert: 07.05.2007 - 14:53

Braunschweig (RP). Mit einem Volksfest feierte die Stadt am Sonntag die Eröffnung ihres rekonstruierten Schlosses. Wer es durch das Hauptportal betritt, erlebt eine Überraschung: Wo einst die Welfen residierten, breitet sich ein riesiges Einkaufszentrum aus. Ein strittiger Fall von Umgang mit Geschichte.

Nur äußerlich betrachtet hat Braunschweig wieder ein Schloss.  Foto: ECE
Nur äußerlich betrachtet hat Braunschweig wieder ein Schloss. Foto: ECE

Sobald man den Anblick der spätklassizistischen Fassade gegen die Innensicht tauscht, glaubt man einer Fata Morgana aufgesessen zu sein: Ist denn dieses Schloss im Kern tatsächlich das Gegenteil dessen, was es zu sein vorgibt? Kein kultureller Ort, jedenfalls nicht in erster Linie, sondern ein Platz des Handels mit den üblichen Adressen Pohland, Saturn, Benetton, DM, Telekom.

Da wird es manchen jucken, die Keule der Kulturkritik zu schwingen, sich auf Gebote des Denkmalschutzes zu berufen und Braunschweigs neues Schloss schlechtzureden. Doch der Fall ist komplizierter.

Erstens umfassen diese „Schloss Arkaden“ nicht nur Läden und Gastronomie, sondern - durch separate Türen von außen zugänglich - auch Standesamt, Stadtbibliothek, Stadtarchiv, Kulturamt und ein neues Schlossmuseum. Zweitens verhilft das Gebäude der Stadt dort zu einer neuen architektonischen Mitte, wo sich bislang lediglich der historische Schlosspark ausbreitete. Einige hundert Meter vor der Vorderfront des Schlosses erhebt sich der Dom, einige hundert Meter dahinter verstaubt in einem düsteren, dringend sanierungsbedürftigen Gebäude eine der bedeutendsten Sammlungen alter Malerei in Deutschland: das Herzog-Anton-Ulrich-Museum.

Riesige Rolltreppen warten nun im Inneren, wo früher die Welfen residierten. Foto: ECE

Die Rekonstruktion der Schloss-Fassaden wirkt makellos. Mehr als 600 erhaltene Originalteile fanden Verwendung, und die übrigen Elemente stammen von Steinmetzen, die zuvor schon beim Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche mitgewirkt hatten.

Illusion ist nahezu vollkommen

Die rückwärtig links und rechts an die steinerne Schloss-Attrappe angewinkelten Fortsetzungen der Einkaufsgalerie in Gestalt grüner Milchglas-Bauten lässt zwei Materialien unschön aufeinanderprallen. Man muss dieser Erweiterung jedoch zugute halten, dass sie sich bei Betrachtung aus der Ferne dezent zurückhält. Ob man frontal vor dem Schloss steht oder ein wenig seitlich: Die grünen Anhängsel im Hintergrund bleiben unsichtbar. Die Illusion vom wiedererstandenen Welfen-Schloss ist nahezu vollkommen.

Im Zweiten Weltkrieg war das Schloss beschädigt worden, 1960 hatte man es abgerissen, zuvor allerdings Einzelteile geborgen. Vor drei Jahren entschied sich dann der Braunschweiger Stadtrat mit knapper Mehrheit und gegen Protest aus der Bevölkerung für die Errichtung eines Einkaufszentrums hinter einer Rekonstruktion der Schlossfassade. Das Projekt wurde dem Großinvestor ECE übertragen. Der schuf in der Stadtmitte für rund 200 Millionen Euro Platz für 150 Geschäfte und ein darüberliegendes Parkhaus.

Architektonisch ist dieser Mogelbau für die Stadt ein Armutszeugnis, denn er beweist durch seine Existenz, dass es nicht für mehr gereicht hat: nicht für eine Rekonstruktion, die sich an den historischen Innenräumen orientiert, statt in riesigen Atrien Rolltreppen Platz zu bieten, und nicht für eine Kopie zu nichtkommerziellen Zwecken. Ein Armutszeugnis, ja; doch Armut schändet nicht. Die Markierung historischer Bausubstanz bekommt dem Stadtbild immer noch besser als ein Park ausgerechnet dort, wo einmal die architektonische Mitte lag. Schließlich kann eine Stadt wie Braunschweig nicht die Unterstützung des Bundes erhoffen, die irgendwann zur Rekonstruktion des Stadtschlosses in Berlin führen wird.

Den Kritikern jedweder Wiederherstellung von Bausubstanz sei ins Stammbuch geschrieben: Die meisten der Gebäude, die wir heute für historisch halten, sind irgendwann einmal zerstört - und dann wieder aufgebaut worden.

Und was eine neue, von der ursprünglichen Bestimmung abweichende Nutzung anlangt, so muss man feststellen: Hundertprozentiger Denkmalschutz ist schon deshalb unmöglich, weil es unbezahlbar wäre, Gebäude lediglich um ihrer selbst willen zu erhalten und sie nicht einer zeitgemäßen Nutzung zuzuführen.

Nur: Ein wenig mehr Schloss-Anmutung auch im Inneren des Braunschweiger Konsumbaus - dazu hätte der Etat schon reichen sollen.


 
weitere Artikel
 
Links zu diesem Artikel
 

 
Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung:

       
Anzeige:

Aktuell bei RP Online
Wenn die Mutter nur noch Bahnhof versteht

Demi Moore und Miley Cyrus in "LOL" im Kino

Wenn die Mutter nur noch Bahnhof versteht

Eltern merken es oft als Letzte, wenn Kinder erwachsen werden. Und so gibt es jede Menge Zoff, wie im Film "LOL - Laughing Out Loud". mehr 

"Europas Schande" im Wortlaut

Gedicht von Günter Grass

"Europas Schande" im Wortlaut

Hier finden Sie das Gedicht im Wortlaut zum Nachlesen. mehr 

mehr Kultur
Aus der Region

Demi Moore und Miley Cyrus in "LOL" im Kino

Wenn die Mutter nur noch Bahnhof versteht

Gedicht von Günter Grass

"Europas Schande" im Wortlaut

Wirbel um neues Grass-Gedicht

Verwirrung um angebliche Fälschung

Nach dem Eurovision Song Contest

Roman Lob ist wieder daheim

Videos

Video

Grefrather Eisbahn wird zur Filmkulisse

Die Schlittschuhläufer laufen eine Runde nach der anderen. Auf der Außenbahn des Grefrather Eisstadions ist dieses Mal alles etwas anders . ... mehr 

Video

Gefangen im Monster-Stau von Peking

In Chinas Hauptstadt gibt es nicht nur viele Menschen, sondern auch ziemlich viele Autos. Kein Wunder also, dass es dort immer wieder zu ... mehr 

Mehr Nachrichten Kultur Kunst

Feuerfest in Kiew

Faszinierende Traumbilder aus Feuer und Farbe

Das Feuerfest in Kiew ist ein Festival der visuellen Extraklasse: Mit unglaublicher Eleganz und akrobatischem Körpergeschick erschaffen die Künstler ein Meer aus Farben, Formen und Licht. mehr

 

Fotograf Ralph Gibson in Berlin

Mystisches und Aktfotografie im Detail

 

Entblößter Zuma sorgt für Aufregung

Südafrikas Präsident klagt wegen Gemälde

 

Auktion bei Sothebys in London

Sachs-Sammlung für 51 Millionen Euro versteigert

 

Orelhao-Kunst aus Brasilien

Die irrsten Telefonzellen der Welt

 
Top-Services
Möbel aus Turngeräten
Möbel aus Turngeräten
Die Möbel der Firma "Zur schönen Linde" sind .. mehr 
 
Möbel aus Turngeräten
Möbel aus Turngeräten
Die Möbel der Firma "Zur schönen Linde" sind ..
mehr 
"LOL" - Demi Moore und Miley Cyrus auf der Leinwand
"LOL" - Demi Moore und Miley Cyrus auf der Leinwand
In den Hauptrollen spielen der "Hannah Montana"-Star Miley Cyrus als L ..
mehr 
ESC-Kandidat Roman Lob ist zurück aus Baku
ESC-Kandidat Roman Lob ist zurück aus Baku
Nach dem Eurovision Song Contest in Aserbaidschan ist der deutsche Tei ..
mehr 
Karneval der Kulturen in Berlin
Karneval der Kulturen in Berlin
Wenn Berlin zum Karneval der Kulturen lädt ..
mehr 
Zauberhafte Eindrücke vom Feuerfest in Kiew
Zauberhafte Eindrücke vom Feuerfest in Kiew
Beim Feuerfest in Kiew erschaffen die Akrobaten ..
mehr 
Roman Lob überzeugt mit schlichten Gesten
Roman Lob überzeugt mit schlichten Gesten
Wie schon Lena vor ihm überzeugte Roman Lob ..
mehr 
ESC 2012: Die zauberhaften Momente der Künstler
ESC 2012: Die zauberhaften Momente der Künstler
Der Eurovision Song Contest 2012 wurde von den ..
mehr