Vor 500 Jahren geboren: Calvin – der erste Protestant
VON JENS VOSS - zuletzt aktualisiert: 10.07.2009 - 07:32Düsseldorf (RP). Heute vor 500 Jahren wurde der Reformator Johannes Calvin geboren. In der Geschichtsschreibung galt er rasch als religiöser Eiferer, als eine Art christlicher Taliban. Bis heute faszinierend an ihm ist die Konsequenz, mit der er die Bibel ins Zentrum stellte – mehr noch als Martin Luther.
Selten ist das Bild eines Mannes so abstoßend gezeichnet worden. Der Schriftsteller Stefan Zweig beschrieb das Gesicht von Johannes Calvin als "hart und hässlich"; die Nase stoße "herrschsüchtig" zwischen eingefallenen Wangen hervor. Calvin, der Asket, der Eiferer, der grausame Moralist – das ist das weit verbreitete Bild des Reformators, der mit Martin Luther und Ulrich Zwingli die Welt veränderte. Er selbst sagte über sich, "dass ich nicht viel Mut habe, schüchtern, ängstlich und schwach bin". Heute vor 500 Jahren wurde er als Jean Cauvin in Noyon in Nordfrankreich geboren.
Es war ein blutiges, ein glaubensbesessenes, ein religiös leidenschaftliches Jahrhundert, in das Calvin hineingeboren wurde: Schon wer die Dreieinigkeit Gottes leugnete, wurde zum Tode verurteilt. Calvin sollte Jurist werden, studierte in Paris und wurde dort vom Fieber der Reformation angesteckt: Als 24-Jähriger war er Mit-Autor einer Rede, die sein Freund Nicolaus Cop hielt, als der Universitätsrektor wurde. Es wurde ein Eklat, denn die Rede war ein Plädoyer für die Ideen der Reformation. Calvin musste fliehen und gelangte nach einer kleinen Odyssee in die Stadt, die er zum reformierten Musterstaat, zu seinem irdischen Utopia machen wollte: Genf.
Liest und sammelt man die Zeugnisse der Kirchenzucht, die im reformierten Staatswesen herrschte, fällt einem wieder Stefan Zweigs Wort von der herrschsüchtigen Nase ein. Das Regiment Gottes in Genf war eine mit religiösem Starkstrom aufgeladene Bürger-Moral: Tanzen war als "Einladung an den Teufel" (Calvin) verboten, ebenso Würfel-, Karten- und Ballspiel; die Kleidung war ebenso reglementiert wie die Festessen: drei Gänge höchstens. Um all das durchzusetzen, gab es Geldstrafen, Schandstrafen, den Stock, den Pranger, den Sünder-Stuhl in der Kirche und vieles mehr. Am Ende war alles Private religiös. Und strafwürdig.
Exakt hier liegt der Punkt, an dem man auch zu verstehen beginnt, was anziehend daran war: Alles Persönliche war plötzlich relevant. Die Idee dazu entwickelte Calvin in einem Buch, das ihn schlagartig berühmt machte: die "Institutio Christianae religionis" (Unterweisung in der christlichen Religion). Bis heute ist der persönliche Ton packend, in dem er meditiert, polemisiert – und versucht, die Frage nach Gott im Denken und Fühlen jedes Menschen zu verankern. Am Ende plädierte Calvin für eine Hinwendung zu Gott aus Freiheit, aus "freiwilliger Gottesfurcht", denn Calvin verachtete die "knechtische Angst vor Gottes Gericht". Es gehört zu den Seltsamkeiten, dass calvinistische Kirchenzucht später so wenig den Geist der Freiheit und so sehr den Geist der Furcht atmete. Calvin rückte mit noch größerer Konsequenz als Luther die Bibel ins Zentrum seiner Theologie – nicht umsonst wurde Luther einmal zugespitzt als der letzte Katholik und Calvin als der erste Protestant bezeichnet. Wo Luther sich als Kirchengründer noch an der katholischen Liturgie orientierte, machte Calvin die Bibel-Auslegung zum Strukturprinzip. Reformierte Gottesdienste waren berüchtigt für ihre langen Predigten – bald gab es selbst in reformierten Kirchen Sanduhren, die dem Prediger bedeuteten, zum Ende zu kommen.
Dennoch gilt: An der Hochschätzung der Bibel hängt die vielleicht mächtigste Wirkung Calvins: die Wertschätzung von Bildung. 1653 schreibt ein reformierter Schulmeister in Zürich: "Die wo nicht schryben und läsen könnend, seyend des Tüfels und kommend in d'Höll." Lesen wurde heilsentscheidend – und nebenbei entscheidend für irdischen Erfolg. Die berühmte These Max Webers, wonach Calvinisten den Kapitalismus erfanden, ist heute in vielen Punkten umstritten. Es bleibt aber schwer, sich Webers Kernidee zu entziehen: In einer disziplinierten und gebildeten Bürgerschaft gedeihen jene Kräfte, die auch die Marktwirtschaft gedeihen lassen. Es ist ein Milieu aus Klugheit, Maß und Disziplin – ein calvinistisches Milieu eben.
Wie auch immer: Wer Calvin heute schätzt, schätzt den Autor der Institutio, für den sich alles im Lesen der Heiligen Schrift entscheidet. Das ist es auch, was Nikolaus Schneider, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, an Calvin beeindruckt: "Mich fasziniert die Konsequenz, mit der auf das Wort Gottes vertraut wird", sagte Schneider gestern unserer Zeitung.
Calvin selbst sagte über sich kurz vor seinem Tod am 27. Mai 1564 in einer Mischung aus Demut und Selbstbewusstsein: "Ich bin ein elendes Wesen. Was ich getan habe ist tatsächlich nichts wert, und ich erflehe eure Vergebung für alles, was ich verkehrt gemacht habe. Falls jedoch etwas Gutes dazwischen war, dann haltet dies fest."
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