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Kunst
Dadas Aufstieg und Fall

Kunst: Dadas Aufstieg und Fall
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Düsseldorf. Die Dadaisten der ersten Stunde wollten alles Alte zerstören. Sie selbst sollten der Ursprung sein. Doch schon bald erschöpfte sich die Bewegung. Nach nur fünf Monaten endeten ihre Aufführungen im Züricher Cabaret Voltaire. Von Lothar Schröder

Was das ist und wie es heißt, weiß an diesem Abend noch keiner. Vielleicht gibt es eine Ahnung davon. Oder eine Idee. Jedenfalls brodelt es gewaltig im Züricher Cabaret Voltaire, an diesem Abend des 5. Februar 1916. Irgendetwas Neues soll jetzt beginnen, und die, die damals dabei waren, werden später von einem Rausch berichten, der sich aller bemächtigt habe.

Hugo Ball und Emmy Hennings sind dabei, Tristan Tzara und Georges Janco; Hans Arp ist zufällig da und aus Deutschland ist Richard Huelsenbeck angereist. Er fordert für alle Vorträge und Rezitationen mehr Rhythmus. "Negerrhythmus", nennt er das. Doch am allerliebsten würde Hülsenbeck jetzt gleich die ganze Literatur in Grund und Boden zertrommeln, kurz und klein schlagen. Wie später dann Hugo Ball in seinem Lautgedicht "Gadji beri bimba", das mit den folgenden zwei ungemein deutungsfähigen Versen anhebt: "gadji beri bimba glandridi laula lonni cadori / gadjama gramma berida bimbala glandri galassassa laulitalomini".

Legendär ist die noch niedliche Pressenotiz, die Hugo Ball drei Tage vorher veröffentlicht hatte und darin brav das Prinzip erklärte: "Bei den täglichen Zusammenkünften finden musikalische und rezitatorische Vorträge der als Gäste verkehrenden Künstler statt, und es ergeht an die junge Künstlerschaft Zürichs die Einladung, sich ohne Rücksicht auf eine besondere Richtung mit Vorschlägen und Beiträgen einzufinden." Dada gibt es da noch nicht. Der Name taucht erst am 18. April auf, und mit Ball, Huelsenbeck und Tzara behaupten gleich drei Akteure, sein Urheber zu sein. Endlose Deutungen des Wortes nähren bis heute seinen Mythos. So wird auch auf eine Züricher Firma gleichen Namens verwiesen, die haarstärkendes Kopfwasser hervorbringt.

So weit, so Dada. Doch Dada ist auch Protest, Verzweiflung und Ratlosigkeit. Während ein Weltkrieg tobt und vor Verdun Hundertausende in Schützengräben verrecken, erklären in der neutralen Schweiz ein gutes Dutzend Autoren, Künstler und Lebenskünstler mal eben das Ende der Kunst. Und natürlich auch den Beginn einer neuen Kunst. Ihr Programm ist, kein Programm zu haben. Weil das auf Dauer nicht funktioniert oder zumindest äußerst anstrengend wird, müssen immer neue Reize her, muss das Tempo erhöht werden und der Wahnwitz zunehmen. Ein Ende rückt dann in Sichtweite, und bei den Dadaisten der ersten Stunde ist das früh der Fall. Erste Erschöpfungszustände schon im März. Bildende Künstler kommen hinzu und gründen die "Galerie Dada". Noch einmal also eine Belebung.

Im Sommer nimmt das Publikum aber schon deutlich ab, und der Wirt des Etablissements, ein ehemaliger holländischer Seemann, verlangt nach besserer Unterhaltung. Das Cabaret Voltaire ist ohnehin nur ein kleiner Saal mit 50 Plätzen, der zum Weinlokal Meierei gehört. Mitten im Vergnügungsviertel von Zürich, in dem andere Belustigungs-Gesetze herrschen.

Hugo Ball zieht sich mit Emmy Hennings ins Tessin zurück und schon im Spätsommer - nach nur fünf Monaten - ist das Cabaret Voltaire tot. Alle Beteiligten sind dem Zusammenbruch nahe. Aber es gibt noch ein paar agile Ableger und immer wieder Neuanfänge mit selbstverständlich pompösen Manifesten. Das Dada-Virus wird bald in Berlin und Genf wirksam, auch in Paris und Köln.

Viel schneller, als es jeder jungen Bewegung lieb sein kann, wird Dada historisch. Untrüglich daran abzulesen, dass man schon 1920 mit seiner Archivierung zu beginnen scheint. So gibt kurz vor dem Ende Richard Hülsenbeck den Dada-Almanach heraus; und im Juli wird die Erste internationale Dada-Messe veranstaltet - unter anderem mit Werken von George Grosz. Kurz darauf ist Dada tot und wird abgelöst in kleinerer Form vom Anti-Dada. Der heißt jetzt MERZ, eine Kunst, mit der Kurt Schwitters sein Werk überschreibt. Seine berühmte "Wahrheit über Anna Blume" setzt einen neuen, vor allem selbstironischen Stil. Mit "Anna Blume" betrachtet der Leser dieses Gedichts Dada schon von draußen. Doch auch ohne MERZ hat sich der Dadaismus müde gelaufen. Dada stirbt ohne Ruhm und Staatsbegräbnis, wie es später Raoul Hausmann (1886-1971) konstatieren wird.

Also ist alles am Ende nur eine Anekdote gewesen? Ein Zynismus der Kunst angesichts des Massensterbens ringsum in Europa? Natürlich ist Dada eine Reaktion auf den Ersten Weltkrieg. Aber auch eine Reaktion auf die Künstler dieser Zeit, die versagten und mit wehenden Fahnen ins Feld und in die jeweils vaterländischen Kriege zogen. Dada ist keine Antwort darauf. Dada ist vielleicht nur ein Reflex. Ein greller, lauter Totentanz gegen die Pest des Krieges. Der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts stellte sich der künstlerische Urknall der Moderne entgegen. Wenn nichts mehr zu helfen scheint, macht man sich lieber selbst zum Retter. Auch darin lag und liegt bis heute das Atemberaubende des Dadaismus: in der Selbstermächtigung, nicht mehr der Nachfolger von irgendwem zu sein, sondern der Schöpfer, der Ausgang und der Ursprung von allem. Darüber kann man lachen. Und die Dadaisten haben es herzhaft getan. Erst wenn das Lachen erstirbt und jeder Exzess ein Ende findet, öffnet sich die Leere, wird der Verlust jeglichen Sinns offenbar und vielfach schmerzhaft.

Dada wollte alles Alte zerstören. Und es gab Gründe dafür, dies auch zu tun. Gewissermaßen eine Stunde Null der Literatur und der bildenden Kunst, der Musik und des Tanzes. Das gelingt nie, und doch bleibt es eine Lehre, die immer wieder aufgegriffen wird: mal sehr harmlos mit der deutschen Band Trio, ein anderes Mal radikaler mit der Punkrockband Pussy Riot. Dada ist ein Versprechen. Dada ist die Illusion von einer bedenken- und grenzenlosen Freiheit. Darum hat Dada bis heute so viele Künstler zeitweilig ergriffen. Darum ist es auch wert, an Dada zu erinnern.

Quelle: RP
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