Ausstellung in Bundeskunsthalle: Das goldene Byzanz in Bonn
VON BERTRAM MÜLLER - zuletzt aktualisiert: 27.02.2010 - 10:20(RP). In der Bundeskunsthalle zeigen 600 Kostbarkeiten die Pracht und den Alltag im alten Byzantinischen Reich. Gold, Silber und Elfenbein – in solchen Materialien trieb die Antike eine späte Blüte hervor. Dann kamen die Kreuzfahrer und raubten viele Schätze. Am Ende fiel das Reich an die Osmanen.
Spätrömisch ist frühbyzantinisch, jedenfalls im Oströmischen Reich. Beide Epochenbezeichnungen haben hierzulande keinen guten Klang, nicht erst seit Guido Westerwelle die späten Römer vorschnell mit Dekadenz verband. Auch das Wort "byzantinisch" gilt nicht eben als Lob, vor allem dann nicht, wenn man die Brücke zum Byzantinismus schlägt: kriecherische Unterwerfung, leere Zeremonien.
Byzanz ist allerdings weitaus mehr als Byzantinismus. Die funkelnde Ausstellung "Byzanz. Pracht und Alltag" – soeben in der Bundeskunsthalle Bonn eröffnet – rückt manches zurecht. Am Ende des Rundgangs vorbei an mehr als 600 Kostbarkeiten weiß man: In Byzanz lebte die Antike ungebrochen bis ins Spätmittelalter fort. Byzanz bewahrte und überlieferte uns die Weisheit der alten Griechen und Römer, Byzanz legte den Grund unseres Rechtssystems, es schlug die Brücke vom Altertum ins moderne Europa und verband zugleich Ost und West. Und die Kunstfertigkeit der Antike gelangte im Byzantinischen Reich zu einer letzten Blüte – Verfeinerung, wohin das Auge schaut. Die Bonner Ausstellung betört ihr Publikum mit edlen Auslagen, doch sie bietet ihm auch einen aufschlussreichen Blick in die Geschichte. Anhand charakteristischer Themen wie Konstantinopel, Klosterleben, Pilgerwesen, Ephesos, Heer und Flotte sowie "Von Konstantinopel nach Europa" stellt sie ihre Schätze in einen gesellschaftlichen Zusammenhang, dem diese sich in ihrer blendenden Pracht sonst leicht entzögen. Seidenmalerei mit Motiven aus der Jagd oder biblischen Stoffen, goldene Halsketten, ein figurenreiches Flachrelief aus Walross-Elfenbein und ein Glücksspielautomat aus Marmor – von dieser Art sind die stillen Sensationen in der Bonner Schau.
Mehrfach trifft man auf Reliquiare, etwa auf das aus der Aachener Domschatzkammer entliehene Anastasius-Reliquiar aus dem 10. Jahrhundert. Da die Kirchen im Byzantinischen Reich mit sterblichen Überresten und Hinterlassenschaften von Heiligen gesegnet waren, bildete sich auch eine kunsthandwerkliche Produktion für Behältnisse heraus. Als vornehmste Reliquien galten diejenigen, die in unmittelbarem Zusammenhang mit der Passion Christi standen. Sie befanden sich seit dem 9. Jahrhundert in der Pharoskirche im Großen Palast von Konstantinopel. Als eine der kostbarsten Reliquien galt das Kreuz Christi. Daher gibt es zahllose Staurotheken, die vorgeben, ein Stück "Holz des Herrn" zu enthalten. Die wohl berühmteste, die Limburger, gelangte aus der Kreuzzugsbeute von 1204 nach Deutschland.
Ganz nebenbei vergegenwärtigt man sich bei Betrachtung der Kleinodien in der Ausstellung, dass das Byzantinische Reich weitaus mehr umfasste als nur Konstantinopel: Ephesus zum Beispiel und das Katharinenkloster auf dem Sinai. Ganz abgesehen davon, dass es nach Osteuropa strahlte. Byzanz wollte nie erobern, sondern lediglich seinen Einflussbereich ausdehnen. Typisch, dass der Slawenapostel Konstantin, später "Kyrill", erst einmal ein Alphabet für die künftigen Christen im Osten entwarf und dann zusammen mit Method die Bibel übersetzte. Etliche farbkräftige Ikonen legen in Bonn Zeugnis ab vom engen Zusammenhalt zwischen Byzanz und Slawentum.
Zu den schönsten der aus aller Welt herbeizitierten Ausstellungsstücke zählt eine in Rumänien entdeckte goldene Schale in Form eines gehörnten Löwen, der seinen Kopf anmutig nach hinten wendet. Ganze Mosaiken sind zudem zur Ausstellung ins Rheinland gekarrt worden, darunter eines mit einer Darstellung des Erzdiakons Stephanos aus der Michael-Goldkuppel-Kathedrale in Kiew.
Selbst Ravenna zählte seit seiner Rückeroberung im Jahr 540 n. Chr. zum Byzantinischen Reich. Ein Mosaikfragment mit der Darstellung des Kopfes eines Engels aus der Kirche San Vitale unterstreicht das.
Später ging es bergab mit Byzanz. Kreuzfahrer nahmen Konstantinopel im Jahr 1204 ein und plünderten es. Obwohl auch die Osmanen schon bereitstanden, das Reich auszunehmen, kam es noch einmal zu einer kulturellen Blüte. Konstantinopel arrangierte sich mit den neuen moslemischen Völkerschaften, die sich nun nicht mehr abweisen ließen. Und als Sultan Mehmed II. im Jahr 1453 Konstantinopel eroberte, bedeutete das dort keineswegs das Ende der christlich-abendländischen Kultur.
Konstantinopel ist heute Istanbul – und zugleich die modernste, westlichste Stadt der Türkei.
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