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Online-Ausstellungen
Das Museum auf dem Bildschirm

Frankfurt. Immer mehr Ausstellungshäuser zeigen ihre Kunst im Internet. In einem aufwändigen Online-Kunstgeschichte-Kurs führt nun das Frankfurter Städel-Museum durch seine Sammlung. Ist dass das Ende der Museen? Von Klas Libuda

Das ist doch der eine aus dem Kino – denkt, wer sich zum ersten Mal durch die Internetseite klickt –, wie heißt denn der noch gleich? Ach ja, Sebastian Blomberg, der zuletzt in "Der Staat gegen Fritz Bauer" zu sehen war, dieser Schauspieler, der macht jetzt also auch in Kunst.

Man kann sich das auf der Video-Plattform Youtube ansehen oder eben beim Städel-Museum. Das Frankfurter Ausstellungshaus hat jüngst einen digitalen Kunstgeschichte-Kurs ins Netz gestellt, und zu sehen ist dieser Blomberg. Der stakst in den eigens für die Plattform produzierten Videos durch die Ausstellungsräume, er knipst das Licht an, zieht die Augenbrauen hoch, er stellt sich vors Gemälde aus dem 19. Jahrhundert und fragt schließlich: "Und das soll jetzt moderne Kunst sein?"

Mit dem "Städel-Kurs zur Moderne" macht das Haus vor, wie die digitale Zukunft des Museums aussehen kann, nämlich unprätentiös, zeitgemäß und tatsächlich auch ziemlich gut. Texte, Bilder und Aufgaben hat das Städel auf seiner kostenlosen Plattform bereitgestellt. "Schauen Sie das Kunstwerk 20 Sekunden lang an und prägen Sie es sich gut ein", lautet die erste Aufgabe. Anschließend wird abgefragt: War auf Max Ernsts "Aquis submersus" auch eine Puppe mit Schnurrbart zu sehen? Es gibt weiterführende Informationen zum Werk, zu Max Ernst, seinen Arbeiten und zum Surrealismus; es gibt einen Zeitstrahl vom Barock bis zur Becher-Schule und natürlich auch die Antwort: Ja, auf dem Bild war eine Puppe mit Schnurrbart zu sehen.

Material für 40 Stunden hat das Städel eigenen Angaben zufolge zusammengetragen, und wer von der Einführung in die Bildbetrachtung bis zum Exkurs "Welche Aufgaben erfüllt ein Museum?" alles gründlich durcharbeiten will, wird diese Zeit benötigen. Durch die fünf Module, die sich durch die Sammlungsinhalte des Städel speisen, führen Videos mit Schauspieler Blomberg, passende Musik dazu hat der Berliner Techno-DJ Boys Noize arrangiert. Blomberg gibt den Unbedarften, einen, der die Fragen der Besucher stellt, ohne dass es peinlich oder gar plump wird. "Wir wollten niemanden, der von oben herab doziert, sondern jemanden, der auf Augenhöhe mit den Besuchern ist", sagt eine Städel-Sprecherin.

Dass Museen ihre Kunst im Netz zur Schau stellen, ist nicht neu, Vorstöße hat es dahingehend immer wieder gegeben, selten aber mit einem Aufwand, wie ihn nun das Städel betreibt. Das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) stemmt mit einem Drittanbieter ebenfalls ein umfangreiches Angebot an Kunstkursen. Zuweilen ist der Unterricht umsonst, wer sich die Teilnahme zertifizieren lassen möchte, zahlt indes oft mehr als 100 US-Dollar. Die allermeisten Häuser verlegen sich bislang darauf, ihre Sammlungen zu digitalisieren, also Online abzubilden. Das ist bei Sammlungen, die oftmals tausende, zehntausende oder mehr Objekte umfassen, ohnehin schon ein Kraftakt.

 

Jüngst verkündete auch die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen eine neue Digitalstrategie. Neben den drei Ausstellungshäusern in Düsseldorf wurde die künftige Internet-Präsenz ausdrücklich als "viertes Haus" benannt. Unter anderem soll bis Ende 2017 die komplette Sammlung ins Netz gestellt werden. 2700 Werke - wissenschaftlich aufgearbeitet, kostenlos, mehrsprachig.

Bereits vor vier Jahren hat das Düsseldorfer Museum Kunstpalast 303 seiner 100.000 Sammlungsobjekte online gestellt und zwar mithilfe des Internetmultis Google. Das Museum beteiligte sich am "Google Art Project", auch das MoMA und das Weiße Haus in Washington zeigen dort ausgewählte Bestände. Zudem bietet die Plattform virtuelle Rundgänge durch zahlreiche Ausstellungshäuser. Die Bildrechte bleiben bei den Museen. Google stellte die technische Infrastruktur und freut sich über Daten.

Vom Ende der Museen, unken nun manche. Das sei ein altes Vorurteil, sagt Marion Ackermann, Direktorin der Kunstsammlung. Die Erfahrung auch anderer großer Museen zeige, dass durch die digitale Präsentation die Sehnsucht nach dem Original erst recht geweckt werde. "Die Frage ist heute nicht mehr, ob wir den größten Schatz unseres Hauses, die Sammlung, digitalisieren, sondern, auf welche Weise wir dies tun." Fundierte Einordnungen und hochauflösende Abbildungen möchte Ackermann, in Kooperation mit den Künstlern. "Grundsätzlich geht es uns darum, dass wir alles, was das Digitale an Mehrwert bietet, ausreizen und so ein anderes, vertieftes Sehen ermöglichen", sagt sie.

Die digitale Schau solle auf den Museumsbesuch neugierig machen, heißt es vom Kunstpalast. Im Internet zeigt das Haus bereits hochauflösende Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren, jedes Detail lässt sich da vergrößern. "So nah kann man einem Werk sonst gar nicht kommen, auch nicht im Museum", sagt eine Sprecherin. Auch das Frankfurter Städel arbeitet an der Digitalisierung seiner Sammlung, etwa 900 der mehr als 100.000 Objekte sind schon online abrufbar. 12.000 Anmeldungen wurden dem Städel zufolge bereits für die Kunstgeschichte-Plattform registriert. Wer sich durch das gesamte Angebot klickt, wird übrigens belohnt: mit zwei Freikarten fürs Museum.

Quelle: RP
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