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Bildband porträtiert Hamburger Band: Deichkind - organisierter Exzess

VON PHILIPP STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 06.03.2013 - 19:18

Diese Band ist all das, was Eltern und Pädagogen verdammen müssen. Deichkind sind asozial, es geht um Party ohne Rücksicht auf Verluste, auf ihren Konzerten zählt die kollektive Bierdusche zu den Höhepunkten. Ihre Fans lieben sie dafür. Nikolaus Brade hat den systematischen Exzess mit der Kamera begleitet.

Ihre Texte sind pure Provokation. „Arbeit nervt“, heißt einer ihrer größten Erfolge. „Leider geil“ und „Bück dich“ hoch folgten im Jahr 2012. Ihre Konzerte beenden sie mit dem Titel „Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)“.

Darin heißt es etwa:

„Deine Eltern sind auf einem Tennisturnier

Du machst eine Party, wie nett von dir

Impulsive Menschen kennen keine Grenzen

Schmeiß die Möbel aus dem Fenster

wir brauchen Platz zum Dancen.“

Info

Das Buch

Der Bildband "Deichkind. Eine Prise Mythos" ist bei Gestalten erschienen, umfasst 144 Seiten und kostet 19,90 Euro.

Entsprechend hemmungslos sind ihre Konzerte. „Urlaub im eigenen Hirn“, schrieb einmal ein Kritiker der Süddeutschen Zeitung. „Als hätten Deichkind die Frankfurter Schule im Sangria ertränkt“ der Kritiker unserer eigenen Redaktion. Auftritte von Deichkind sind Krawall, Orgie, Exzess, vergleichbar einem Dauerfeuer von Ohrfeigen, einer Achterbahnfahrt unter LSD, einer systematisch organisierten Reizüberflutung.

Konzert, das heißt: Keine Ansagen, die Musiker von Deichkind tragen wechselnde Outfits in Neonfarben, dazu dreieckige Pyramiden-Hüte mit LED-Lichtern, auf der Bühne springen sie Trampolin und lassen sich im Schlauchboot durchs ausverkaufte Kölner Palladium tragen. Figuren in Neongrün zappeln an Springseilen unter der Hallendecke, eine Hüpfburg bläst sich auf, das Publikum wird mit weißen Federn eingedeckt.

Dada trifft Punk

Ein weiterer Höhepunkt ist die kollektive Bierdusche: Die Konzertbesucher strecken ihre vorab geschüttelten Dosen in die Luft, auf ein Zeichen der Band ergießt sich sturzbachartig der Bierstrom auf sie. Das ist ebenso Dada-Theater wie Punk.

Die Musik kommt vom Band, sie ist lediglich Trägermedium für all den Nonsens des Trios und ihrer bierbäuchigen Tänzer. Als Elektro-Clash oder Elektro-Punk wird sie beschrieben. Meistens beschränkt sie sich auf stakkatoartige Rhythmen, dazu wird gerappt. Es nervt, es treibt, es wummert.

Deichkind haben Erfolg damit. Ihr aktuelles Album „Befehl von ganz unten“ schaffte es bis auf Platz zwei in den Charts, mit ihren Konzerten füllen sie große Hallen mit Platz für Tausende. Partymachen, das trifft den Nerv der heutigen Generation. Es ist ihre Form des Aufbegehrens. Dass die Macher von Deichkind bereits in den 40ern sind, interessiert sie nicht.

"Leider geil" ist Allgemeingut

Mit ihrem Krawall-Theater beschreiben Deichkind auf eine subtile Art und Weise treffend unsere Zeit. Widersprüchlichkeit gehört zu ihrem Selbstverständnis. Mit ihren Provokationen begehren sie auf gegen Autoritäten und Karrieristen („Bück dich hoch“), gegen Political Correctness und Moral („Leider geil“). Auf Twitter wurde ihr Titel unter dem Hashtag #leidergeil gefeiert, inzwischen ist gar in das sprachliche Allgemeingut eingegangen.

Mehrere Jahre hat der Fotograf Nikolaus Brade die Musiker von Deichkind begleitet und versucht all das festzuhalten, was diese Band zu dem macht, was sie ist. Die Bierdusche ist zu sehen, die entrückten Partygesichter im Publikum, die theaterhafte Künstlichkeit der Band. "Deichkind - Eine Prise Mythos" heißt es.

Am meisten hab ihn beeindruckt, wie explosionsartig sich die Energie bei den Auftritten dieser Band entlädt, sagte er einmal dem Deutschlandfunk in einem Interview. Wie eingefroren sind diese Momente in seinen Bildern.

Quelle: pst/sap/csi/csr
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