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Serie: Deutsche Philosophen: Denken will gelernt sein

VON BERTRAM MÜLLER - zuletzt aktualisiert: 30.12.2009 - 08:04

Düsseldorf (RPO). Kant, Schopenhauer, Marx – die Namen großer deutscher Denker sind jedem geläufig. Was sie und ihre Nachfolger niederschrieben, wirkt bis in die Gegenwart. In unserer Epoche der Gentechnik, der Hirnforschung und der Sterbehilfe ist philosophischer Rat gefragt wie selten zuvor. In einer Serie werfen wir ein Licht auf die wichtigsten deutschen Philosophen.

Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir? Der französische Philosoph, Mathematiker und Physiker Blaise Pascal (1623–1662) hat diese Fragen formuliert, und der Maler Paul Gauguin (1848–1903) hat sie zum Titel eines seiner zentralen Südsee-Gemälde erhoben. Kaum bekleidete Menschen bevölkern traumverloren eine Landschaft: eine Mischung aus Paradies und einer Welt, die bereits vom Baum der Erkenntnis genascht hat und weiß, was Schmerzen sind.

Der Mensch ist von Natur aus neugierig. Am liebsten wäre es ihm, er bekäme auf alle seine Fragen verbindliche Antworten: Gibt es Gott? Wie hat man ihn sich vorzustellen? Dürfen wir ein Leben nach dem Tod erhoffen? Wie sieht es aus? Werden wir eines Tages einen ganz und gar künstlichen Menschen geschaffen haben? Und ist das dann wirklich ein Mensch? Gibt es eine Seele?

Mit Fragen, die das Jenseits betreffen, befassen sich von jeher die Religionen. Der Glaube versetzt nicht nur Berge; er vermag auch manches zu erklären, woran der Verstand allein kläglich scheitern müsste. Der Mensch strebt aber nun einmal nach allgemeingültigen Antworten – nach Aussagen über die Welt, die nicht davon abhängen, ob ich an den jüdisch-christlichen Gott, an Zeus oder an gar nichts glaube. So entstand die Philosophie.

"Liebe zur Weisheit"

Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich "Liebe zur Weisheit". Warum die Philosophie gerade im antiken Griechenland entstand, um das 6. Jahrhundert v. Chr., dafür gibt es unterschiedliche, einander ergänzende Erklärungen. In den griechischen Kolonien der Westküste Kleinasiens, in Städten wie Milet und Ephesus, herrschte ein materieller Wohlstand, der auf dem Handel mit anderen Kulturen beruhte: mit Babyloniern, Ägyptern und Phöniziern. Wissenschaften und Künste befanden sich im Aufschwung; die Seefahrt förderte die Verbreitung geographischer und astronomischer Kenntnisse.

Thales aus Milet gilt als der erste Philosoph, weil er sich von mythischen Erklärungen löste und damit die Voraussetzungen einer rationalen Theoriebildung schuf. Der Urgrund aller Dinge war für Thales das Wasser.

Das antike Griechenland kannte weder einen unantastbaren Religionsführer wie Zarathustra in Persien noch festgelegte religiöse Glaubensinhalte. So konnten freie Philosophenzirkel entstehen, die sich um einen Meister scharten: Pythagoras etwa, Sokrates oder Platon.

Außerdem eignete sich das Altgriechische durch seine Differenzierungsmöglichkeiten besonders gut zum Philosophieren. Es bildete abstrakte Wörter wie "das Sein" oder "das Nichts" heraus.

Schon früh ging es in der Philosophie nicht nur um Erkenntnis, sondern auch darum, Anleitungen für ein richtiges Leben zu entwerfen. Sokrates musste sich noch als Gotteslästerer und Jugendverderber beschimpfen lassen und wurde zum Tode verurteilt. Sein Schüler Platon dagegen fand bereits Anerkennung. In seiner "Politeia" legte er seine Vorstellung von einem gerechten Staatsgefüge dar.

Das Mittelalter setzte dem freien Denken zunächst ein Ende. Es würdigte die Philosophie zur "Magd der Theologie" herab, die im Wesentlichen die Aufgabe hatte, die Bibel und die Lehrmeinungen der Kirchenväter auszulegen. Vor allem in formaler Hinsicht – Sprachphilosophie, Logik, Begriffsanalyse – entwickelte sich die Philosophie im Mittelalter weiter. In Städten wie dem heute viel zitierten Bologna, in Paris, Oxford und Köln entstanden Universitäten als Orte der Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden.

In der Neuzeit, seit dem 14. Jahrhundert, nahm die Philosophie wiederum eine neue Gestalt an. Sie verbündete sich insbesondere mit den Naturwissenschaften und ging vorzugsweise der Frage nach, wie der Mensch Erkenntnis gewinnt. Als zentrale Epoche mit starker Wirkung bis in unsere Gegenwart erwies sich die Aufklärung. Immanual Kant brachte sie in seiner berühmten Definition auf den Begriff: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"

Die Sprache steht im Mittelpunkt

In der Philosophie unserer Tage geht es kaum noch um solch hehre Begriffe wie Gott, Sein oder Erkenntnis. Seit dem 20. Jahrhundert leben wir im Zeitalter der philosophischen Spezialprobleme. Analytische Sprachphilosophie, Wissenschaftstheorie, Phänomenologie, Hermeneutik, Kritische Theorie, Strukturalismus und amerikanischer Pragmatismus – so heißen die Richtungen. Im Mittelpunkt steht unverkennbar die Sprache.

Wie sehr aber Philosophie immer wieder auch unmittelbar in den Alltag eindringen kann, das zeigte vor fünf Jahren besonders eindrucksvoll ein Dialog zwischen Jürgen Habermas, dem weltweit bekanntesten lebenden Philosophen, und Papst Benedikt XVI., dem weltweit bekanntesten lebenden Theologen.

Habermas, der einmal eine marxistische Phase durchlaufen hatte, war bis dahin nicht gerade als Verfechter des Christentums aufgefallen. Umgekehrt war klar, dass Kardinal Ratzinger, der heutige Papst, als höchstes Gut den Glauben erachtet, nicht wie Habermas die Demokratie und damit die Überzeugung, dass über alles mit Argumenten verhandelt werden müsse.

Dennoch kamen die beiden einander näher. Die jüdisch-christliche Überlieferung, so gestand Habermas ein, taugt als Grundlage der Demokratie insofern, als die demokratische Aufklärung den Gedanken der Gottesebenbildlichkeit des Menschen in die Sphäre der weltlichen Rechtsprechung überträgt. Habermas, der sich selbst mit Worten von Max Weber als "religiös unmusikalisch" einstufte, war zwar nicht fromm geworden, doch er betrachtete die großen Religionen fortan als Teil der Geschichte der Vernunft, so dass sie aus seiner Sicht den gleichen Rang wie die Philosophie beanspruchen dürfen.

Auch jenseits von Habermas wird Philosophie in der Gegenwart immer stärker zu einer Wissenschaft, von der sich Politik und Gesellschaft Unterstützung bei der Beantwortung dringender ethischer Fragen erhoffen. Dabei geht es nicht nur darum, wo die Grenzen der Reproduktionsmedizin zu ziehen sind; ob man einen menschlichen Emryo in den Dienst der Heilkunst stellen darf. Es geht ebenso darum, ob menschliches Leben um jeden Preis erhalten werden muss oder ob "Sterbehilfe", in welcher Form auch immer, zulässig ist.

Zudem werfen neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse etwa in der Hirnforschung alte philosophische Fragen neu auf. Ein neuer Hypo-Naturalismus in der Hirnforschung erklärt die menschliche Willensfreiheit und damit die Moralität zur Illusion. Habermas aber fragt provokant zurück: Wenn das Schicksal eines Menschen tatsächlich bis ins Kleinste vorherbestimmt ist – wie lässt sich dann erklären, dass er doch immer wieder unweigerlich in Situationen gerät, die ihm eine Entscheidung abverlangen?

Solche Fragen halten die Menschheit heute rund um den Erdball in Atem. Deshalb ist Philosophie mehr denn je eine internationale Disziplin. Doch obwohl diese Disziplin schon vom Ansatz her grenzenlos ist, wollen wir uns in unserer Serie ausschließlich mit solchen Philosophen befassen, die aus dem Land der Dichter und Denker stammen.

Vier Fragen

Immer wieder werden sich vier Fragen aufdrängen: 1. Was kann ich wissen? 2. Was soll ich tun? 3. Was darf ich hoffen? 4. Was ist der Mensch? Diese Fragen hat ein Deutscher formuliert, der womöglich größte Denker dieser Nation und einer der größten der Welt: Immanuel Kant.

Kant hat all diejenigen, die gern über die Existenz eines höheren Wesens und ein Leben nach dem Tod spekulierten, in die Schranken der begrenzten menschlichen Erkenntnis gewiesen. Nicht alle aber haben sich diese Grenzziehung gefallen lassen. Schon Hegel und andere Philosophen des deutschen Idealismus setzten sich über Kant hinweg.

Später führte Karl Marx – der weit mehr als nur Ökonom war – einen Philosophiebegriff ein, der abseits aller Metaphysik auf die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse zielte.

Hans-Georg Gadamer wiederum stellte den Vorgang des Verstehens in den Mittelpunkt seiner Philosophie. Peter Sloterdijk mischt sich mit Gedanken, die er teilweise der Antike entlehnt, mitten in die politischen Diskussionen der Gegenwart ein und beweist damit: Die Philosophie lebt.

Quelle: RP

 
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