Düsseldorf: Der Fall Kampusch auf der Bühne
VON ANNETTE BOSETTI - zuletzt aktualisiert: 21.04.2009 - 08:02Düsseldorf (RP). "Die Beteiligten" heißt Kathrin Rögglas in Düsseldorf uraufgeführtes Stück, das den Entführungsfall Natascha Kampusch aufgreift. Regisseur Stephan Rottkamp ist eine packende Inszenierung gelungen, die die Ereignisse von 2006 unter einem anderen Blickwinkel beleuchtet.
"Achtung! Sie werden gebeten, nach dem 1. Akt Ihren Sitzplatz zu wechseln. Ihre neue Platzkarte liegt auf Ihrem Sitz bereit". Auf einem Zettel wird diese Regieanweisung beim Betreten des Theaters jedem Zuschauer in die Hand gedrückt. Dann marschiert man in einen bedrückend engen, tiefschwarzen, rundum geschlossenen Raum. Mit 20 anderen Menschen nimmt man auf Klappstühlen Platz, ist gemeinsam irritiert, hat womöglich Platzangst. Vielleicht soll man sich ganz entfernt so vorkommen, wie sich das Mädchen Natascha Kampusch im Verlies seines Peinigers gefühlt haben muss.
Fünf flimmernde Videoschirme sind in diesen schwarzen Zuschauerkammern aufgebaut, das sechste Quadrat füllt ein lebendiger Mensch aus – in Box eins ist es der Möchtegernjournalist, später in Box sechs die Pseudopsychologin. In den anderen hocken realiter der Quasifreund, die Irgendwie-Nachbarin, der professionelle Fan und das gefallene Nachwuchstalent. Bevor auch nur ein Wort fällt oder ein Bild entsteht, erscheinen schnell hingeschriebene Sätze auf den Bildschirmen. Mitzulesen ist in kleingedruckten Lettern der Anfang von Kathrin Rögglas neuem Stück, "Die Beteiligten", das am Sonntagabend im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses als Auftragswerk uraufgeführt wurde.
"was heiße hier, man erinnere sich nicht? er habe das noch gut vor augen: dies foto mit dem mädchen im kleid im nassen gras und der decke darüber. . . ein jeder hier werde sich daran erinnern, d. h. an den august 2006 erinnern, denn schließlich waren alle dabei. nach 8 jahren höhlendasein diese befreiung! na klar, erinnere man sich!"
Regisseur Stefan Rottkamp hat um das komplex gedachte und virtuos getextete Werk eine dramatische Bühnenlandschaft und Raumfolge konstruiert, die klarmacht, dass auch das Publikum des Abends von Anfang an dabei gewesen sein kann oder muss. Auf jeden Fall, so viel darf man voraussetzen, hat nahezu ein jeder das Foto des befreiten Mädchens im Gedächtnis, wie es so menschenunwürdig im Gras unter einer Decke liegt und in dieser seiner erbärmlichen Existenz elektronisch um die Welt ging.
Röggla schreibt: "ein Foto, auf dem man hastige Schritte immer lauter werden höre, bis sie einen derartigen lärm machten, dass man nichts anderes mehr hören könne als das getrappel und gestampfe und gerangel." Sogleich gibt die Autorin die Perspektive der Person vor, um die es geht. Für sie alleine können Fotos Speicher akustischer Erinnerung sein. Weil es die ersten Laute waren, die sie im Moment nach der Befreiung hörte. Vom Opfer nahm man an, sagt einer blasiert vom Schirm herunter, dass es in einem Paralleluniversum lebte und sich dort eine Prinzessinnendiktatur aufgebaut habe. Beim Namen nennt das Opfer niemand, aber ein anderer bezeichnet es auch als "Miss Ausnahmezustand".
Sechsmal bricht und spiegelt sich der Mensch, der nach seiner Befreiung erneut Opfer – diesmal vor allem der Medien – wird, in verschiedenen parasitären Figuren aus den schwarzen Kammern.
Am Ende von anderthalb fesselnden Stunden ohne Pause werden alle Wände und Decken aufgezogen, der Zuschauer ist wieder öffentliche Person und wird gewahr, dass er selber auf der Bühne sitzt, sogar Mitspieler ist, während die Schauspieler nun im Zuschauerraum Platz genommen haben.
In der Sache Natascha Kampusch liegt eine sechsfache Klageschrift vor, die die Autorin in genialer Entrückung verfasst hat. Sechs verschiedene Abgesänge hat sie komponiert, die die Beteiligten des näheren Opfer-Umfelds abspulen, jeder aus seiner Sicht. Röggla lässt sie in ihrer Identität unverbindlich, verwendet nur ein "Ich" – das Ich des Opfers, Jeder, der redet, hat kein eigenes Ich, er kann nur in Er- oder Sie-Form reden und verwendet ausschließlich Konjunktive. Weil Röggla ausdrücklich will, dass ihre Figuren geredet werden, wirken sie wie ferngesteuert durch das Opfer.
Susanne Tremper kommt heuchlerisch-freundlich als Nachbarin über den Schirm, Wolfram Rupperti sachlich-gelackt als Möchtegernjournalist. Claudia Hübbecker ist die professionell-hysterische Pseudopsychologin und Pierre Siegenthaler der nett-aber-verschlagene Quasifreund. Anna Kubin repräsentiert brillant die Generation der 14-jährigen Blogger- und Fangemeinde, der schrill Denis Geyersbach noch einen draufsetzen darf als gefallenes Nachwuchstalent.
Es ist die Qualität von Schauspielkunst und Regie, die für die Produktion einnimmt, die Video-Rauminstallation von Robert Schweer. Vor allem besticht der sprachgewaltige Text, der intellektuell ist, ohne sperrig zu sein. Neben den künstlichen Videobotschaften malt die Autorin echte innere Bilder: Röggla wagt auch Poesie – neben der Analyse von den sensationslüsternen Menschen aus der zweiten Reihe hat sie sich in den Fall und vor allem in den Menschen tief eingefühlt.
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