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Geschichte des Schlankheitswahns: Der Kult um die Figur

VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 02.01.2009 - 17:32

Düsseldorf (RP). Schon in der Antike empfahlen Gelehrte, von Zeit zu Zeit Diät zu halten. Doch erst im 19. Jahrhundert begann der Kult um die gute Figur. Noch heute beschäftigt er viele Menschen – nicht nur nach kalorienreichen Festtagen.

 Nun sind sie also wieder vertilgt, die Na-gut-noch-eins-Plätzchen, krossen Gänsehautkrusten und Raclettepfännchen-Kreationen, auf die man doch dieses Jahr verzichten wollte. Also werden Vorsätze gefasst. Fasten, gleich im neuen Jahr, damit die Figur wieder so wird wie jetzt, wenn man tief einatmet – und nicht wieder aus.

Eine gute Figur machen will der Mensch seit altersher. Bereits die Griechen machten sich Gedanken über das rechte Maß – auch bei der Nahrungsaufnahme. Und so empfahl Hippokrates in einer frühen Diät vegetarische Ernährung, körperliche Arbeit, Nacktbaden und gab das Motto aus: „Alles, was zu viel ist, ist der Natur entgegen.“ Auch von den Römern ist bekannt, dass sie zur Entschlackung selbst zu drastischen Mitteln griffen. Etwa zur Feder, mit der nach üppiger Schmauserei der Gaumen gekitzelt wurde, um sich unschön, aber effektiv von der Kalorienlast zu befreien.

Bis ins 17. Jahrhundert galt Leibesfülle als Zeichen von Reichtum und Macht. Die Aufklärung betrachtete dann erstmals die Fettleibigkeit als Gesundheitsproblem, besah den Lebenswandel mit den Augen des Mediziners.

Erst im 19. Jahrhundert fingen die Menschen jedoch an, ihren Körper als Gegenstand zu sehen, den es in Form zu bringen gelte. Es begann jener paradoxe Prozess, der unser Verhältnis zur eigenen Gestalt bis heute bestimmt: Der Körper erfuhr einerseits eine starke Aufwertung als Zeichen sozialer Herkunft und standfesten Charakters, wurde zugleich aber verdrängt. Denn Schönheitsnormen zu erfüllen wurde wichtiger als das Wohlempfinden.

Außerdem waren es nicht mehr modische Tricks, die bei der Gestaltung der Silhouette halfen, sondern der Körper selbst wurde geformt – aus dem Schnürwahn wurde der Schlankheitswahn.

Zwar dachte man im 19. Jahrhundert so viel über Ernährung nach wie nie zuvor. Bürgerliche Vegetarismusvereine entstanden, in den Kurorten wurde mit Diäten und Wasserkuren den Fettpolstern zu Leibe gerückt. Doch ging es dabei nicht nur um Gesundheit, sondern auch darum, den Körper durch den Verstand zu beherrschen.

In allen Epochen zuvor hatte der Mensch vor allem mit dem Problem des Hungers gerungen, und zumindest die Arbeiter des 19. Jahrhunderts bedrohte Mangelernährung noch immer. In höheren sozialen Klassen aber wurde der Kampf gegen Hunger durch den gegen Fettleibigkeit abgelöst – und darin entwickelte das Bürgertum einigen Ehrgeiz.

Schönheitsratgeber und Familienzeitschriften arbeiteten mit daran, dass vor allem Frauen Dicksein als Makel empfanden, als äußeres Zeichen mangelnder Triebkontrolle. Dagegen entsprach ein schlanker Körper bürgerlichen Tugenden wie Maßhalten und Bescheidenheit.

In einer Zeit rapider industrieller Innovation und Normierung sollte auch der Körper nicht norm- und formlos bleiben.

Zugleich wurde mit Aufkommen der Psychoanalyse der enge Zusammenhang von Körper und Seele betrachtet. Man begann, Fett- und Magersucht als vor allem psychisch verursachte Krankheiten zu beschreiben.

Der Begriff „Anorexia Nervosa“ wurde in Deutschland zwar erst nach dem Ersten Weltkrieg in den medizinischen Wortschatz aufgenommen, Ärzte beschrieben die Symptome aber bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts als einheitliches Krankheitsbild – und rückten es in die Nähe der Hysterie. Und dann expandierte die Mode- und Kosmetikindustrie, Schönheitswettbewerbe, Mannequins, das Kino kamen auf – das Schlankheitsideal wurde zur Ideologie für die Masse.

Bei Arztbesuchen wurden Gewichtskontrollen obligatorisch, an öffentlichen Orten wie Bahnhofshallen tauchten Waagen auf, Ernährungs- und Gewichttabellen kursierten. Schlanksein war nicht mehr nur Schönheitsideal, sondern auch Voraussetzung für soziale Akzeptanz. Denn Dicksein wurde mit Kranksein assoziiert und damit als Belastung der Allgemeinheit gewertet.

Bis heute sind Gesundheits- und Modebewusstsein die beiden Hauptmotive, Weihnachts-Nasch-attacken durch Neujahrsdiäten zu büßen. Dabei ist der Druck aus der Modeindustrie nicht immer so groß wie etwa in den 60ern, als das britische Model Twiggy dürre Leitfigur einer ganzen Frauengeneration wurde. Doch propagieren heute Modelshows Mini-Maße für jedermann und lassen nicht nur Teenager unglücklich in den Spiegel schauen. Schließlich begegnet man in diesen Shows auch den Idolen magersüchtiger Zeiten: Die bald 60 Jahre alte Twiggy sitzt heute in der Jury von „America’s Next Top Model“.

Schlankseinwollen hat eine lange Geschichte. Das Streben nach dem rechten Maß nicht zum Wahn werden zu lassen ist immer wieder neu auch eine gesellschaftliche Aufgabe.

Quelle: RP

 
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