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Interview mit dem großen Schauspieler: Der leise Gigant: Bruno Ganz

zuletzt aktualisiert: 23.06.2009 - 19:49

Kempen (RP). Der schweizerische Schauspieler tritt seit langer Zeit auch gern als Rezitator auf. Seine aktuelle Vorliebe gilt leisen Texten, etwa von Kafka, Rilke und Trakl. Im Gespräch äußert er sich über Musik, Rhythmus, Hörbücher und seinen neuen Film.

 Foto: ddp, ddp
Foto: ddp, ddp

Beim "Kempen Klassik Festival" war er jetzt der leise Star: Bruno Ganz, einer der großen lebenden Schauspieler deutscher Sprache. Zu Musik von Hindemith, Haydn und Mozart las er Lyrik und Texte von Rilke, Trakl, Hofmannsthal, Kafka, Zweig. Schnitzler und Berthold Viertel.

Ist ein Rezitator auch ein Musiker?

Ganz Ich ein Musiker? Bestimmt nicht. Ich kann weder Noten lesen noch glaube ich etwas von Musik zu verstehen. In gewisser Weise pflege ich dieses Dilettantentum auch, weil Musik eine Domäne ist, die ich gar nicht beurteilen möchte. Ich weiß nicht, ob ein Musikstück gut oder schlecht ist, und ich weiß nicht, ob es gut oder schlecht gespielt wird. Ich habe meistens ein Gefühl, aber nie würde ich behaupten, etwas davon zu verstehen.

Es klingt aber trotzdem musikalisch, wenn Sie vorlesen!

Ganz Na, ich rezitiere ja sehr gerne, und wenn der Claudio Abbado sagt, dass das viel mit Musik zu tun habe, was ich tu, fühle ich mich geehrt. Und bei Hölderlin ist, wenn es um einen Vortragenden geht, stets vom "Sänger" die Rede – das hat mir eingeleuchtet. Ein Dichter, vor allem einer wie Hölderlin, ist immer ein Sänger.

Auch Homers Epen sind "Gesänge" genannt.

Ganz Sehen Sie! Große Literatur ist von Leuten geschrieben, die etwas von Rhythmus verstehen, und wer sie liest, bringt vielleicht musikalische Talente, die in ihm selbst schlummern, zum Vorschein. Das kann auch bei mir der Fall sein.

Bruno Ganz wurde für seine Rolle als Hitler mit stehenden Ovationen gefeiert. Foto: RPO

Haben Sie je ein Instrument gespielt?

Ganz Ich habe es versucht, aber das klägliche Scheitern war programmiert; es war bei einem Klarinetten-Kurs vom Arbeitermusikverein in Zürich. Auch für ein Bühnenstück musste ich mal ein bisschen Klavier lernen, das ist mir unendlich schwer gefallen. Und wenn ich bei Peter Stein an der Schaubühne singen musste, war das Quälerei für mich.

Ich kann mich an Theaterabende mit Bruno Ganz erinnern, etwa bei "Coriolan" in Salzburg, da war dank Ihrer Emphase, wie bei einer Trompete, die ganze erste Reihe feucht von Ihrer Aussprache. In Kempen haben Sie sich als Flüsterer vorgestellt, bei Nachtstücken der Literatur. Ist Ihnen die Kunst des Wisperns jetzt lieber?

Ganz Ja. Das kann ich ganz bestimmt sagen. Die Welt der Behutsamkeit ist mir jetzt überaus nah.

Und was ist mit Texten, die Ihnen angetragen werden, die Sie aber nicht mögen?

Ganz Die nehme ich aus dem Programm wieder raus, ich bin ja mittlerweile in der Lage zu sagen: Ich hätte gern einen anderen Text. Hier für Kempen hatte ich um Hilfe gebeten, weil ich keine Zeit hatte, selbst Texte auszusuchen.

Es hat jedenfalls wunderbar geendet, nämlich mit dem Wort "Sonatenklänge" in einem Text von Trakl.

Ganz Ja, Trakls "Musik im Mirabell" ist wirklich wunderbar, und es war nicht minder großartig, dass mich das "Kempen Klassik Festival" dazu gebracht hat, mich mit unbekannten Texten zu beschäftigen. Auch der Rilke-Abend mit Hindemiths "Marienleben" war solch eine Herausforderung – da wusste ich zuerst nicht, wohin das gehen würde, aber hinterher muss ich sagen: Es war toll. Ich habe mir gern zugehört.

Apropos: Wie finden Sie Ihre eigene Stimme?

Ganz Ich bin verliebt in sie.

Hören Sie sich denn auch gern Hörbücher an, auf denen Bruno Ganz liest?

Ganz Überhaupt nicht. Besitze ich gar nicht.

Wie bitte? Es gibt keinen Bruno Ganz auf Hörbüchern?

Ganz Schon, aber ich weiß gar nicht, was es da alles gibt. Doch halt, mir hat eine Firma mal etwas geschickt, wo ich Albert Camus lese. Habe ich aber noch nie gehört und gedenke auch nicht, es zu tun.

Waren das im Konzert Texte aus einem geografischen, stilistischen, emotionalen Raum, der Ihnen nahesteht?

Ganz Bei Zweig merkt man am ehesten, dass das nicht unsere Epoche ist. Aber wenn ich Kunsthistoriker wäre und nicht Literaturfachmann, dann wäre das fraglos meine Zeit – Jahrhundertwende, frühes 20. Jahrhundert. Kafka ist ein Sonderfall, Kafka ist Marmor, Literatur ohne Zeit. Hofmannsthal ist auch schon sehr nah an der Ewigkeit, aber auf eine andere Weise.

Ist das eine Welt, in der Sie sich genießerisch einleben, oder eine, die Sie vorsichtig abtasten?

Ganz Ich empfinde diese Texte sehr tief, ich bemerke beim Lesen auch frühere Erinnerungen, die durch mich hindurchgegangen sind.

Wann bemerken Sie etwas – beim Vorbereiten oder beim Lesen selbst?

Ganz Ich bemerke immer etwas.

Aber sollte das außer Ihnen tunlichst niemand merken?

Ganz Warum denn nicht? Das ist ja kein formaler Vorgang, das Vor- lesen. Warum sollte man meine Empfindungen nicht spüren?

Ich dachte immer, Künstler kühlen ihre eigenen Empfindungen so weit herunter, dass sie von ihnen in der Aufführung nicht behelligt werden.

Ganz Ich werde von diesen Empfindungen genährt. Wie ich auch von anderen Erfahrungen aus diesem langen Theaterleben genährt werde. Ich weiß zum Beispiel, was ein Satz ist. Ich bin ja auch ein großer Leser. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht lese.

Was lesen Sie denn gerade?

Ganz Eine Geschichte über die Stadt Triest und die Auseinandersetzung der italienischen Faschisten mit den Slowenen. Wissen Sie davon etwas?

Sehr wenig.

Ganz Sehen Sie, ich auch nicht. Deshalb lese ich es. Es ist auch Ablenkung, beispielsweise vom Drehen.

Sie haben gerade einen neuen Film mit Senta Berger gedreht, in dem Sie einen unheilbar Kranken spielen.

Ganz Ja, es war eine anstrengende Zeit, und ein bisschen bin ich froh, dass sie, obgleich sehr lohnend, vorüber ist. Es ist ein harter Film.

Der Titel ist auch schon düster: "Satte Farben vor Schwarz".

Ganz Ja, aber Sie glauben doch nicht, dass dieser schöne Titel sich wird halten können. Wenn der Film mal ins Fernsehen kommt, wird der Titel anders sein, passen Sie mal auf.

Quelle: RP

 
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