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Mönchengladbacher Künstler Gregor Schneider: Der Mann, der den Tod inszenieren will

VON BERTRAM MÜLLER - zuletzt aktualisiert: 21.04.2008 - 15:50

Mönchengladbach (RP). Der Mönchengladbacher Künstler Gregor Schneider würde gern einen todkranken Menschen in einem Museum sterben lassen. Sein Ansinnen rührt an eines der letzten Tabus, die in der modernen Kunst noch Bestand haben. Wer Schneiders Arbeit verfolgt hat, wird allerdings kaum überrascht sein.

Mancher Künstler, mancher Museumsdirektor leidet unterschwellig darunter, dass Kunst niemals wirkliches Leben ist, sondern eine Reflexion des Lebens; dass ein Museum niemals ein Ort realen Handelns ist, sondern ein Haus des Nachdenkens über Mögliches. So war es nur eine Frage der Zeit, dass einer mit der Idee herausrücken würde, in die Kultur den letzten Ernstfall einzuführen.

Der Mann heißt Gregor Schneider, ist Künstler in Mönchengladbach und trägt sich mit dem Gedanken, in einem Museum einen Menschen sterben zu lassen. Das wäre eine Performance, die nicht mehr so tut als ob, sondern in der das Leben selbst der einzige Darsteller ist. Das wäre auch keine Kunst, denn es träte ja kein Künstler vermittelnd oder distanzierend zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung. Insofern unterschiede sich ein von Schneider in die Öffentlichkeit verlegtes Sterben grundsätzlich von der bisherigen Arbeit des Künstlers.

Allerdings war abzusehen, dass Schneiders Werk auf einen solchen Akt hinauslaufen könnte. Schon seinem „Toten Haus ur“, durch das er bekannt wurde, ist das Thema Tod eingeschrieben. Das Gebäude an der Unterheydener Straße in Mönchengladbach-Rheydt - das „ur“ im Titel kürzt den Straßennamen ab - ist ein Monstrum aus Räumen, die vervielfältigt wurden. Motoren versetzen Decken und Wände in eine langsame Bewegung, so dass man als Besucher bald nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht. Mit Hilfe von außen angebrachter Lampen werden Tageszeiten simuliert.

Das war Mitte der achtziger Jahre eine ganz neue Art von Kunst; eine, die schon manches von dem vorwegnahm, was heute im Internet zum Alltag zählt. Diesen Grad von Unmittelbarkeit erreichte Schneider danach nicht mehr.

Im Jahr 2005 wollte er zur Biennale von Venedig auf dem Markusplatz einen schwarzen Kubus errichten, der in Aussehen und Maßen an die Kaaba erinnert, den heiligsten Ort des Islams. Die Stadtverwaltung untersagte den Aufbau wegen Terrorgefahr.

Vor der Hamburger Kunsthalle nahm der Kubus dann doch noch Gestalt an, eingebettet in eine Ausstellung über das Schwarze Quadrat des russischen Avantgarde-Künstlers Kasimir Malewitsch. Schneider warb damals um das Verständnis der muslimischen Gemeinde und stilisierte den Kubus zu einem völkerverbindenden Projekt; da wurde die Aktion schon fast zu niedlich.

Weit von der Wucht des Hauses ur entfernt war auch eine Installation, die Schneider im vorigen Jahr für eine Ausstellung in Düsseldorfs „K 21“ entwarf. Diese „Weiße Folter“ sollte an das amerikanische Gefängnis von Guantánamo Bay auf Kuba gemahnen, doch wirkte das politische Verwirrstück zu glatt, als dass es beim Betrachter mehr als eine Gänsehaut erzeugt hätte.

Als Vorläufer der jetzt offenbarten Pläne eines Sterbens im öffentlichen Raum lassen sich eher Ausstellungen wie die „Alte Hausschlampe“ begreifen: Vor acht Jahren hatte Schneider im Gartenhäuschen des Krefelder Museums Haus Esters eine künstliche Frauengestalt abgelegt. Auch in seiner jüngsten Schau im schweizerischen Museum Franz Gertsch mutet er dem Betrachter Räume zu, die nahe am Tode gebaut zu sein scheinen.

Ungerecht wäre es, Gregor Schneider als bloßen Provokateur zu stempeln, der alles unternimmt, um im Rampenlicht zu stehen. Er ist ausgebildeter Künstler, vertritt ein ernsthaftes Anliegen und reiht sich damit ein in die große Tradition einer Kunst zum Thema Tod. Mit seiner jüngsten Absicht aber begibt er sich in eine bedenkliche Nähe zu Gunther von Hagens’ „Plastinationen“, diesen konservierten menschlichen Körpern, mit denen von Hagens dem Schaubedürfnis eines - sagen wir vorsichtig: moralisch unvoreingenommenen Publikums entgegenkommt. Demgegenüber nehmen sich die Zumutungen der britischen „Sensation“-Künstler wie Damien Hirst geradezu zahm aus: Tierkadaver, die, in ihre Teile zerlegt, in Formaldehyd der Nachwelt sichtbar überliefert werden; auch sie ein Hinweis auf Vergänglichkeit. Die alte niederländische Malerei begnügte sich bei diesem Thema noch mit einem Schädel, der sich auf einem Tisch mit anderen Requisiten zu einem Stillleben vereint.

Gregor Schneider hatte doppelt recht, als er unserer Zeitung jetzt erklärte, dass sein Plan nicht neu sei. Nicht nur wegen des traditionsreichen Themas, sondern auch, weil er seine Absicht bereits in mehreren Katalogen zu seinen Ausstellungen niedergelegt habe. Doch erst ein Interview mit dem Londoner Branchenmagazin „The Art Newspaper“ lenkte die Blicke auf den unerhörten Plan. Dort wird Schneider zitiert mit den Worten „Mein Ziel ist es, die Schönheit des Todes zu zeigen“. Bei der Rekrutierung Freiwilliger werde ihm die Pathologin Roswitha Franziska Vandieken behilflich sein, die in Düsseldorf eine Privatklinik betreibt.

Der Tod mag viele Gesichter haben. Seine angebliche Schönheit aber teilt sich den Wenigsten mit.


 
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