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Streit um neue Anteilseigner: Der Mythos Suhrkamp

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 21.11.2006 - 21:07

Düsseldorf (RP). Der aufgeregte Streit um die neuen Anteilseigner des Frankfurter Verlags zeigt, dass Suhrkamp noch immer ein ganz besonderes Haus ist. Doch eins scheint für immer verloren zu sein: die so genannte Suhrkamp-Kultur.

Die Witwe des Verlegers Siegfried Unseld und Suhrkamp-Verlegerin Ulla Berkewicz vor einem Porträt ihres verstorbenen Ehemannes.  Foto: RPO
Die Witwe des Verlegers Siegfried Unseld und Suhrkamp-Verlegerin Ulla Berkewicz vor einem Porträt ihres verstorbenen Ehemannes. Foto: RPO

Das Suhrkamp-Staunen beginnt vor dem Bücherregal. Fein säuberlich hatte der Freund aus Uni-Zeiten die Bände der „edition suhrkamp“ aufgereiht. Manche schienen noch ungelesen. Egal: Mit ihren bunten Rücken zeichneten sie das Farbenspektrum des Regenbogens nach. Als seien sie nur dafür geschaffen, geschrieben, verlegt.

Wer darüber grübelt, warum die (Buch-)Welt dieser Tage fast ausschließlich von Suhrkamp spricht - obwohl nur zwei neue, wenngleich forsch-offensive Anteilseigner in den Verlag drängen -, wer also dem Mythos Suhrkamp auf der Spur ist, der wird sich irgendwann vor Regalbrettern wie diesem wiederfinden. Oder Fotos betrachten wie das aus dem Garten Martin Walsers 1963. Siegfried Unseld sitzt am Tisch, Walser natürlich auch, Uwe Johnson und Hans Magnus Enzensberger. Alle entspannt, sommerlich gekleidet, und entwickeln gerade die legendäre Editions-Reihe.

Die Bände sind Fetisch-Objekte, im Regenbogen-Spektrum sogar ausgestellt im New Yorker Museum of Modern Art. Und enorm erfolgreich. Nach den ersten zehn Jahren verkauften sich bis 1974 die damals 600 Einzeltitel insgesamt 13,5 Millionen Mal. Hier holte sich die Linke das philosophische Argumentationsfutter für den Klassenkampf. Und doch wurde aus Suhrkamp kein linker Verlag. Siegfried Unseld (1924-2002) tat bloß, was gute Verleger eben tun: Autoren finden und pflegen, gute Bücher drucken.

Irgendwann in dieser Zeit fiel dann der Begriff der „Suhrkamp-Kultur“ und grub sich tief ins Gedächtnis der Republik ein. Suhrkamp-Kultur meinte das Denken wie das Dichten, war eine intellektuelle Rundum-Versorgung für den kritischen Geist der westdeutschen Nachkriegsrepublik.

Natürlich nährt sich der Mythos von Suhrkamp aus diesen Büchern von Habermas bis Kluge, von Adorno, Mitscherlich, Brecht und Beckett. Aber er ist ebenso undenkbar ohne Unseld, diesen großen, wahrscheinlich manischen Büchermacher, der bändeweise Briefwechsel führte mit so schwierigen Autoren wie Thomas Bernhard und Wolfgang Koeppen, den Unseld über Jahrzehnte großzügig finanzierte, ohne längst versprochene Manuskripte je zu bekommen. Aber auch das war ein Stück dieser Suhrkamp-Kultur, die Unseld einmal als Tipp an junge Kollegen so formulierte: „Machen Sie kein Marketing, machen Sie Autoren.“ Unseld machte sie. Lud sie mit handverlesenen Vertretern des Literaturbetriebs zu sich in seine Frankfurter Villa während der Buchmesse ein. Eine exquisite Gegenveranstaltung zum großen Rummel - beachtet, bestaunt, stets begehrt, oft geheimnisumwittert.

Suhrkamp konnte sich Experimente leisten und Neues wagen, konnte ab und zu ein bisschen extravagant sein. Riesenauflagen von Gegenwartsautoren - wie Max Frisch, dessen Werk in 50 Sprachen übersetzt wurde - machten das möglich. Besonders aber das starke Rückgrat der Backlist. Brecht gilt es zu nennen, vor allem Hesse mit weit über 100 Millionen verkauften Büchern.

Die Säulen stehen noch, auch wenn dem Haus mitunter keine so große Standfestigkeit mehr nachgesagt wird. Hans Barlach und Claus Grossner, die jetzt 29 Prozent der Suhrkamp-Anteile erworben haben, reden von roten Zahlen und „strukturellen Unregelmäßigkeiten“. Dagegen hat die Verlegerwitwe geklagt und ihr Haus vorsichtshalber zur „Festung“ erklärt. Dass die an der Frankfurter Lindenstraße liegt, hat dem „Kampf“ um die Suhrkamp-Macht Schlagzeilen von der Seifenoper beschert. Es ist nicht der erste Machtkampf seit dem Tode Unselds. Nur ein Jahr nach dessen Ableben hatte die Witwe, bis dahin Vorsitzende der Verlagsholding, auch den Vorsitz der Geschäftsführung übernommen.

Von Suhrkamp-Kultur ist heute allenfalls nostalgisch die Rede. Natürlich hat der Verlag nach wie vor seinen Charme, der Name klingt noch immer gut. Wer Gegenteiliges zu sagen wagt, bekommt sofort den Erfolg von Katharina Hacker unter die Nase gehalten, die mit ihrem Roman „Habenichtse“ den Deutschen Buchpreis 2006 gewann und immer noch die Bestsellerliste anführt. Über 150000 Exemplare sind bereits verkauft.

Andere Autoren sind gegangen - wie Daniel Kehlmann, wie der Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz, wie Martin Walser, der in seinem letzten Buch für Suhrkamp, „Tod eines Kritikers“, einen Verleger sterben lässt, der unverkennbar Unselds Züge trägt. Als das Buch erschien, lag der Buchpatriarch im Sterben.

Im Guten wie im Schlechten zeigt sich: Suhrkamp ist und bleibt kein normaler Verlag. Das verrät schon der Regenbogen.


 
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