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Letzte Bände der Werkausgabe: Der umstrittene Heinrich Böll

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 15.07.2010 - 07:40

(RP). Vor 25 Jahren starb im Alter von 67 Jahren der Kölner Schriftsteller Heinrich Böll. Der sozialpolitisch engagierte Literaturnobelpreisträger von 1972 zählte zu den erfolgreichsten und beliebtesten Schriftstellern in Deutschland. Heute wird die Qualität seines Werks unterschiedlich bewertet.

Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder betrachtet am 2001 bei der Präsentation der ersten drei Bände der Heinrich-Böll-Werkausgabe ein  Foto: ddp
Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder betrachtet am 2001 bei der Präsentation der ersten drei Bände der Heinrich-Böll-Werkausgabe ein Foto: ddp

Die Katastrophe schien für das Werk Heinrich Bölls von gespenstisch sinnfälliger Bedeutung zu sein. Denn als das Kölner Stadtarchiv vor über einem Jahr einstürzte und zwei Menschen in den Tod riss, begrub es unter sich auch den Nachlass des Kölner Schriftstellers. Wurden – so hüstelte man hinter vorgehaltener Hand – damit vielleicht auch die Dokumente eines Werks unter Schutt und Asche gelegt, das kaum noch Widerhall findet und keine tieferen Spuren in der literarischen Gegenwart hinterlassen konnte?

Solche kritischen Fragen zur Bedeutung seiner Literatur haben auch zum 25. Todestag des deutschen Literaturnobelpreisträgers nicht nachgelassen; sie haben ohnehin Tradition. "Er war immer erste Sahne, wären da nicht die Romane", spöttelte einst Robert Gernhardt (1937–2006). Etwas vornehmer warfen andere Böll eine gewisse "Zeitverhaftetheit" vor; seine schlichte Prosa wurde zwischen Kunst und Kitsch eingeordnet und etikettiert mit "Normaleleuteschreiberei".

Info

Die Werkausgabe

Vor mehr als zehn Jahren wurde mit der Böll-Werkausgabe begonnen.

Umfang: 27 Bände; die letzten drei Bände erscheinen im Herbst bei Kiepenheuer &Witsch.

Preis: bis zum 31. Januar 2011 kostet die Werkausgabe 807,30 Euro, danach 942,30 Euro.

Natürlich folgt darauf die Gegenrede. Die jüngste stammt vom Münsteraner Autor Burkhard Spinnen, der sich einfach an seine guten Lektüre-Erlebnisse erinnerte: "Böll zu lesen hieß die Narben am Körper meines Vaters zu begreifen."

Die anhaltenden Bedenken sind umso erstaunlicher, da Böll zu Lebzeiten der meistgelesene und meistdiskutierte deutsche Schriftsteller war, bekannt und geachtet zudem im Ausland. Böll war schon ein Bestsellerautor, als uns dieses Wort noch nicht geschmeidig über die Lippen ging. Auch heute werden hierzulande jedes Jahr rund 100 000 Böll-Bücher verkauft.

Dass "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" sein erfolgreichstes Buch wurde, von Schlöndorff verfilmt und bis heute fast fünf Millionen Mal verkauft, liegt auch daran, dass es nach wie vor auf den Lehrplänen der gymnasialen Oberstufe steht. Böll hatte 1974 ein Gleichnis geschrieben: über die Macht von sensationslüsternen Massenmedien und die Ohnmacht des Einzelnen. Eine Geschichte in Schwarz und Weiß und ein dankbarer Stoff für erste Interpretationsübungen.

Die Kritik am Werk ist bei Heinrich Böll auf eigentümliche Weise mit der Kritik an seiner Person verknüpft, vor allem an seinem sozialen und politischen Engagement. Selbst Böll-Charakterisierungen wie "moralische Instanz" und der "gute Mensch von Köln" waren nicht nur freundlich gemeint.

Als Böll 1972 in einem "Spiegel"-Artikel vor der Eskalation sowohl terroristischer als auch polizeilicher Gewalt in Deutschland warnte, wurde er flugs zum RAF-Sympathisanten abgestempelt. Das Erregungspotenzial über den vermeintlichen Helfershelfer von Ulrike Meinhof und Co. war hoch und die Bereitschaft dementsprechend gering, das Anliegen des Schriftstellers überhaupt zu verstehen: nämlich vor der Bedrohung staatsbürgerlicher Freiheiten zu warnen. Böll engagierte sich im Wahlkampf für Willy Brandt; forderte die Schriftsteller zum "Ende der Bescheidenheit" auf; beherbergte den vertriebenen Autor Alexander Solschenizyn bei sich; machte in der Friedensbewegung mit und nahm 1983 an der Blockade des US-Militärstützpunktes in Mutlangen teil. Und dennoch: Böll ist kein Parteigänger geworden, nie ein Ideologe gewesen. Denn seine Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg und in der Nazi-Zeit haben ihn misstrauisch gegen jede Art von Weltentwürfen werden lassen. Verzagt wurde er dadurch nicht, sondern zum Handeln gedrängt. Es scheint, als habe Böll sich die Stoffe zu seinen Büchern gar nicht aussuchen können, vielmehr ist er von ihnen bedrängt und erwählt worden. Wer einmal an diesem Punkt angekommen ist, der fragt nicht mehr danach, welche Folgen diese oder jene Schrift haben könnte. "Wir dürfen uns nicht fürchten, zu weit zu gehen", hat Böll einmal gesagt.

Ein Vierteljahrhundert ist es nun her, dass Böll – gebürtiger Kölner, personifizierter Rheinländer, fanatischer Familienmensch und kritischer Katholik – in seinem Haus in Langenbroich (Voreifel) im Alter von nur 67 Jahren starb. Ein Vergessener ist er nicht, aber ein Umstrittener im guten Sinne des Wortes. So fragwürdig manches bleibt und bleiben muss, so fraglos ist die Qualität etlicher satirischer Kurzgeschichten und seines größten und modernsten Romans: In "Billard um halb zehn" machte Böll deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis zur Adenauerzeit gegenwärtig am Beispiel von drei Generationen einer Architektenfamilie.

Als der Roman im Jahr 1959 erschien, wurde er gleich von zwei weiteren großen "Deutschland-Romanen" flankiert: von Uwe Johnsons "Mutmaßungen über Jakob" und natürlich der "Blechtrommel" von Günter Grass. So nah wie damals sei man in Deutschland nicht mehr an das "Klassenziel der Weltkultur" herangekommen, merkte Hans Magnus Enzensberger an.

Mit Böll werden wir noch lange nicht fertig werden – auch nicht durch den Einsturz des Kölner Stadtarchivs. Denn glücklicherweise war ein Großteil der Dokumente damals tatsächlich ausgelagert, untergebracht bei den Herausgebern der 27 Bände umfassenden Böll-Gesamtausgabe. Die soll im Herbst mit den letzten drei Büchern abgeschlossen werden – ein Schwergewicht, ein Regal-Monstrum in Rot, das vielleicht aber wieder Impulse auch an die Hochschulen geben könnte: sich dem Werk des Literaturnobelpreisträgers aus neuer, frischer Sicht zu nähern.

Quelle: RP

 
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