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100. Todestag von Wilhelm Busch: Der Urvater der Comics

VON LOTHAR SCHROEDER - zuletzt aktualisiert: 09.01.2008 - 07:17

Düsseldorf (RP). Wilhelm Busch war ein Mensch mit zwei Gesichtern. Er war Pessimist, hatte ein düsteres Weltbild und malte dennoch humorvolle Geschichten – in erster Linie wohl um sich selbst aufzuheitern. Der Erfolg kam mit "Max & Moritz". Als er 1908 im Alter von 75 Jahren starb, wurde gerade die 56. Auflage gedruckt.

Zum Schluss kommt ausgerechnet Klecksel, der so malt, wie sein Name es ausposaunt – stümperhaft und talentfrei, bestenfalls ein Epigone, ohne Erfolg und ohne Hoffnung, dass es irgendwann irgendwie besser werden könnte. „Maler Klecksel“ ist die letzte große Bildergeschichte von Wilhelm Busch. Sie erscheint 1884; zwei Jahre später stellt er seine Malerei ein; am 9. Januar 1908 stirbt Busch 75-jährig in Mechtshausen und wird drei Tage später auf dem Dorffriedhof bestattet.

Sollte dieser Maler Klecksel also tatsächlich eine Art Vermächtnis gewesen sein? Ein finsterer Abgesang auf ein künstlerisch verpfuschtes Leben? Das entspräche zumindest jenem tiefen Pessimismus, den Busch bei der Lektüre Schopenhauers inhaliert hatte, eine Prise, die süchtig macht. Mit diesem Philosophen – den Busch samt Pudel als Ehrerweisung zeichnete – war der Humorist auf den Geschmack gekommen: Die Welt und das eigene Tun blieben nur aus der Distanz oder allenfalls im Gewand der Ironie erträglich.

Grandiose Verse

Trotz dieser Sicherheitsvorkehrungen – manchmal kommt das vermeintlich wahre Gesicht der Menschen doch zum Vorschein; seine Boshaftigkeit: „Es saust der Stock, es schwirrt die Rute./Du darfst nicht zeigen, was du bist./ Wie schad, o Mensch, dass dir das Gute/Im Grunde so zuwider ist.“ Das überrascht bei einem wie Busch und vor allem beim Lesen seiner grandiosen Verse und Bildergeschichten. Kaum einer, der seine Gedichte leise genießen kann, so groß ist fast immer die Begeisterung des Lesers.

Zudem ist Busch als Zeichner ein großer Erfinder, wahrscheinlich der Urvater des Comics. Er hat früh begriffen, dass kommentierte Zeichnungen nur dann funktionieren, wenn sie Tempo haben. Immer muss etwas in ihnen passieren – und je spektakulärer die Aktion ist, desto eindringlicher wird sie.

Was keine Selbstverständlichkeit für Entdecker ist: Busch hat mit seiner „Entdeckung“ schon zu Lebzeiten Erfolg, und der Durchbruch kommt mit „Max & Moritz“ (1865). Als Busch stirbt, wird die 56. Auflage gedruckt bei insgesamt 430.000 verkauften Exemplaren. Die 100. Auflage kann der Verlag 1925 feiern, da haben „Max & Moritz“ schon 1,5 Millionen Käufer gefunden; bis man im Jahre 1937 (notiert wird die Auflage Nummer 137) das Zählen einfach einstellt. Seither regiert nur noch das Schätzen.

Das düstere Weltbild des erfolgreichen Humoristen hat natürlich seine Gründe, und wer ihnen am 100. Todestag nachspürt, gewinnt ein genaueres Bild des Menschen Heinrich Christian Wilhelm Busch. Am fatalsten vielleicht wird für ihn der Verlust seiner Familie. So wird er als Neunjähriger von seinen Eltern weggegeben. Das Haus in Wiedensahl ist zu klein und der Älteste überzählig geworden. Wilhelm soll fortan beim Onkel Georg Kleine erzogen werden; der ist Pastor und wohnt in Ebergötzen bei Göttingen. In der kleinen autobiografischen Skizze „Was mich betrifft“ geht Busch später darauf ein. Er malt mit seinem Worten ein heiteres Bild, erzählt munter von dem Pferd, dem „dicken Pommerchen“, das zu seiner Abfahrt eingespannt wird. Man ahnt, es ist die schön gemalte Oberfläche. Aber nur einmal darf er als Zwölfjähriger die Familie in Wiedensahl besuchen. Und als er heimkehrt, muss die Mutter gerade aufs Feld. „Ich kannte sie gleich“, schreibt er später, „aber sie kannte mich nicht“.

Beim Onkel darf Wilhelm Busch zumindest eine umfassende Bildung genießen. Er begegnet im Pfarrhaus der Dichtung, Philosophie und der Kunst. Die Welt im Kopf des Dorfjungen wird plötzlich weit, und es spricht viel dafür, dass in diesen fünf Jahren beim Onkel der Humus für die spätere Begabung gelegt wird – auch wenn das Werk zunächst viel ambitionierter gedacht war.

Kein Talent für die große Malerei

Denn: Busch will kein schneller Zeichner humoristischer Szenen sein. Nach Großem strebt er, nach der Malerei. Er beginnt ein Studium in Hannover, wechselt 1851 an die Düsseldorfer Kunstakademie. Genremaler will er werden, doch der Akademiebetrieb stößt ihn ab. Schon bald muss sich der junge Maler selbst motivieren. Helfen soll ihm dabei ein eigenes „Paragraphenwerk“, in dem Busch über Busch schreibt: „Besagtem W. B. wird aufgegeben, sich morgens um 7 1/2 Uhr aus den Federn zu erheben.“

Es hilft nicht. Schon 1852 findet man ihn an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen und 1854 – nach überstandener Typhuserkrankung – an der Münchener Akademie. Seine Vorbilder sind alt und groß, für Busch schließlich zu groß. Weil er an Rubens, Rembrandt und Hals nie heranreichen wird, bricht er, der nie über künstlerisches Selbstbewusstsein verfügte, diesen Weg resigniert ab. Der hohen Kunst entsagt er, der populären aber wendet er sich zu und wird Mitarbeiter bei den „Fliegenden Blättern“ und dem „Münchener Bilderbogen“.

Zugleich zieht er sich zurück – in die Provinz und immer wieder nach Wiedensahl, an jenen Ort, von dem er als Kind fortgeschickt wurde. Als wolle er mit der Rückkehr den Verlust der Kindheit ungeschehen machen. Mit dem Erfolg seiner Bildergeschichten wird bei Busch vieles klein und einfach, das Lebensumfeld überschaubar und seine Kunst volkstümlich.

Fast alle seiner „kontinuierlichen Bildergeschichten“ entstehen in Wiedensahl, wie kleine Opfergaben, die eigentlich zum „Selbstpläsier“ gemacht sind und dem geneigten Betrachter wie Spieluhren erscheinen mögen. Doch Busch gesteht, dass sie „teilweise im Leben geglüht“ seien. Geschichten, in denen schrecklich viel gelitten wird. Und oft sind es die schuldlosen Kreaturen, nicht selten ahnungslose Tiere. Es bleibt der Witz auf Kosten anderer.

Aber kann man auch das eigene Leben und Schicksal verlachen? Vielleicht eine Zeitlang. Bis man leise wird und schließlich still. Bis man irgendwann das Schreiben einstellt und mit dem Zeichnen aufhört; bis vieles an Bedeutung und das Erreichte an Glanz verliert. Erst dann kann zum Vermächtnis so einer werden wie der Maler Klecksel.


 
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