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Interview mit Hans-Ulrich Wehler: "Deutsche sind reif für Nazi-Blätter"

VON DOROTHEE KRINGS FÜHRTE DAS INTERVIEW - zuletzt aktualisiert: 19.02.2009 - 07:43

München (RP). Der Historiker Hans-Ulrich Wehler plädiert dafür, Nazi-Blätter einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dazu angetreten ist das Magazin "Zeitungszeugen". Der bayerische Staat, Rechteinhaber der NS-Schriften, hat dies verbieten lassen, verhandelt aber mit dem Magazin.

Die Ausgabe von "Zeitungszeugen" vom 22. Januar 2009.   Foto: AP, AP
Die Ausgabe von "Zeitungszeugen" vom 22. Januar 2009. Foto: AP, AP

Eingelegt in einen kommentierenden Mantelteil hat das Projekt "Zeitungszeugen" bis vor kurzem Nazi-Zeitungen an die Kioske gebracht. Dann verbot der Freistaat Bayern, der die Rechte an den NS-Blättern innehat, den Verkauf der Faksimiles. Gestern sollte vor Gericht über die Zukunft des Magazins entschieden werden, doch dann trafen sich der Herausgeber des Heftes und Vertreter Bayerns außergerichtlich, um eine Lösung zu finden. Das Gespräch sei konstruktiv verlaufen, erfuhr unsere Zeitung von einem der Teilnehmer, ein Ergebnis gibt es aber noch nicht.

Finden Sie es richtig, Nazi-Zeitungen am Kiosk zu verkaufen?

Wehler Selbstverständlich halte ich das für richtig. Ich bin in dieser Frage für ein Maximum an Liberalität. Die Amerikaner haben nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckt, dass der Eher-Verlag der NSDAP 81 Prozent aller deutschen Tageszeitungen geschluckt hatte und haben die Rechte dem Bayerischen Finanz- und Justizministerium übergeben. Die Vorstellung, dass deswegen nun Bürokraten darüber entscheiden, was unseren Schülern und Studenten zugemutet werden kann, das finde ich grotesk.

Schüler und Studenten sind aber nicht die einzigen Adressaten – jeder kann die Hefte am Kiosk kaufen. Die Lektüre ist also nicht in ein didaktisches Umfeld eingebettet. Halten Sie auch die breite Öffentlichkeit für reif, mit Nazi-Schriften umzugehen?

Wehler Natürlich. Ich kann diese etwas sterile, künstliche Aufregung gar nicht verstehen, diese Angst, aus zig Deutschen würden sofort wieder verkappte Neonazis. Diese Gefahr sehe ich nicht. Man trifft manchmal in Deutschland auf die Vorstellung, die Obrigkeit müsse wohlwollend auf die Öffentlichkeit Einfluss nehmen. Die bayerischen Beamten wollen sich ja auch anmaßen zu bestimmen, welche Zeitungen die Deutschen lesen sollten. Aber das darf eine kritische Öffentlichkeit nicht respektieren.

Hätten Sie vor 40 Jahren auch schon für einen liberalen Umgang mit den Schriften plädiert?

Wehler Nein, in Deutschland hat es einen historischen Lernprozess gegeben, der lief so etwa bis 1980. Da waren die großen Prozesse zu Auschwitz und Majdanek gelaufen, da hatte die amerikanische Serie über den Holocaust Millionen erreicht, und man spürte an Schulen und Universitäten, dass die Jüngeren gewonnen waren für eine kritische Sicht auf die eigenen Vergangenheit. Und die Älteren akzeptierten das. Manchmal etwas murrend, wenn sie sagten, bei unserer Wehrmacht ist nichts passiert, aber im Prinzip war die verstockte Phase vorbei. Das historische Lernen hat tatsächlich zu etwas geführt.

Eine optimistische Einschätzung, wenn man bedenkt, welch erschreckende Defizite Umfragen regelmäßig zu Tage fördern. Da wissen Schüler oft nicht mal, dass es die DDR gab.

Wehler Das hängt zum Teil aber damit zusammen, dass das Umfragen aus Ostdeutschland sind. Da sind mehr als 90 Prozent der Lehrer aus der DDR-Zeit übernommen worden, die hatten zum Teil ein völlig ungebrochenes Geschichtsverständnis. Damit hängt die Verdrängung der DDR-Vergangenheit zusammen. Ich glaube allerdings auch, dass die allgemeine Neugier auf die Nazi-Blätter überschätzt wird. Die Leute sind nicht begierig, den "Angriff" oder eine KP-Zeitung zu lesen. Aber für die Universitäten wäre es hilfreich, wenn solche Schriften nicht mühsam über Fernleihe bestellt werden müssten, sondern einfach zu besorgen wären.

Was ist aus den Blättern zu lernen?

Wehler Man kann rechte und linke Zeitungen zum Beispiel vergleichend durchgehen und schauen, wie damals die Stimmung angeheizt wurde. Das ist Quellenstudium, das sollte es im Seminar geben.

Glauben Sie, dass sich an der Zeitungszeugen-Frage ein neuer Historiker-Streit entzündet?

Wehler Nein, ich sehe keinen deutschen Historiker, der sich gegen das Magazin aussprechen würde.

Der bayerische Staat hält auch die Rechte an Hitlers "Mein Kampf" – was sollte damit geschehen?

Wehler Da mauern die Ministerien auch, weil sie den Vorwurf scheuen, sie leisteten rechtsradikaler Propaganda Vorschub. Wer aber will, kann sich "Mein Kampf" in jedem Antiquariat besorgen oder bei rechtsradikalen Verlagen im Ausland. Ich finde daher, man sollte dem angesehenen Münchner Institut für Zeitgeschichte alle Rechte an Nazi-Schriften übergeben. Und dieses Institut sollte auch eine kritische Ausgabe von "Mein Kampf" herausgeben. Dann könnte man das Buch unbesorgt jedem Studenten in die Hand drücken. Dass sich dann vielleicht auch ein paar rechte Fanatiker das Buch besorgen könnten, muss man eben in Kauf nehmen.

Quelle: RP

 
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