Berlin: Die Bestien des Walton Ford
VON FRANK DIETSCHREIT - zuletzt aktualisiert: 04.02.2010 - 11:55(RP). Erstmals in Europa: Die Tierdarstellungen des amerikanischen Malers sind zurzeit in Berlins Hamburger Bahnhof zu sehen. Der Künstler kritisiert damit die verzerrte Wahrnehmung der Welt durch den Menschen.
Ein riesiger Gorilla verbiegt das Gewehr des Jägers, der töten wollte und nun selbst blutig und leblos am Boden liegt. In einem französischen Garten umzingelt ein Rudel weißer Wölfe einen Büffel, dem das Blut aus dem Maul tropft. Ein Adler befreit sich aus der Gefangenschaft und hebt mit der eisernen Fußfalle ab in die Lüfte. Und was von fern wie eine Insel im Ozean aussieht, entpuppt sich von Nahem als ein Knäuel von Tieren, die sich ineinander verbissen haben und sich blutig zerfleischen. Friss und stirb: Willkommen im "Bestiarium" des Walton Ford.
Bisher waren die seltsam-surrealen und fürchterlich-faszinierenden Bilder des US-amerikanischen Malers Walton Ford noch nicht in Europa zu sehen. Die 25 großformatigen Aquarelle, die jetzt in Berlin ausgestellt werden, gleichen einer kleinen Sensation. Denn was da im Hamburger Bahnhof, dem "Museum für Gegenwart", an den blutig roten Wänden hängt, verwirrt und verzaubert zugleich. Die Bilder des 1960 in Larchmont/New York geborenen Künstlers liegen quer zu allem, was man sonst als zeitgeistig-moderne Kunst zu sehen bekommt.
Die Tieraquarelle wirken auf den ersten Blick, als seien sie aus den Naturkundemuseen und Büchern der kolonialen Forscher und Entdecker des 19. Jahrhunderts in die Gegenwart geschmuggelt. Doch auf den zweiten Blick kippt die Wahrnehmung, und der Betrachter ist mit einer archaisch grausamen Welt konfrontiert, die nur als perverse Ausgeburt unserer schlimmsten Ängste existiert: das Tier als ewige Bestie, die Natur als permanenter Kampf ums Dasein, der Mensch als Schwächling, der den Starken mimt und doch vor Angst schlottert. Denn wenn in den farbenprächtigen Bildern des Walton Ford überhaupt Menschen vorkommen, dann nur als grausam entstellte, von Tieren zerfledderte Leichen oder ängstlich um ihr Leben rennende Jäger.
Die zeichnerische Präzision der Tierbeobachtung, die altväterlich wirkenden Beschriftungen, die stilisierten Hintergrundlandschaften, die an die Wand gedruckten Texte aus den Aufzeichnungen der mit kolonialer Arroganz durch die Welt rasenden Abenteurer: Es ist eine ambivalent zwischen historischen Fakten, naturalistischer Genauigkeit und absurder Fantasie schwankende Welt der bitterbösen Allegorien.
Auf dem Bild "The Sensorium" mutieren die Affen zu bourgeoisen Nichtsnutzen, zelebrieren das große Fressen und ergötzen sich an den erotischen Ideen des Kamasutra. In "Novaya Zemlya Still Life" stapft ein blutrünstiger Eisbär durch eine Schneelandschaft, in der kaputte Überreste menschlicher Zivilisation liegen.
"Madagascar" zeigt einen prachtvoll sich spreizenden Vogel mit dicken Elefantenbeinen. Und in "Der Pantherausbruch" verfolgt eine mit brennenden Fackeln bewaffnete Meute eine schwarz schimmernde Riesenkatze.
Der Mensch, so wie er bei Walton Ford erscheint, hat eine verzerrte Wahrnehmung der Welt, er wird die Tiere nie verstehen und die Natur nie beherrschen. Wer immer nur von "Schädlingen" spricht, die es "auszumerzen" gilt, sieht auch überall nur blutrünstige Bestien.
Walton Fords surreale Bilder sind nur der Spiegel unserer falschen Vorstellung vom Mensch gewordenen Tier.
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