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Premierenwochenende am Düsseldorfer Schauspielhaus: Die Braut und ihr wahrer Geliebter

VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 16.01.2007 - 14:51

Düsseldorf (RP). Premierenwochenende am Düsseldorfer Schauspielhaus: Stephan Rottkamp inszeniert Federico García Lorcas „Bluthochzeit“ im Großen Haus, Robert Schuster bringt im Kleinen Haus Gotthold Ephraim Lessings Trauerspiel „Emilia Galotti“ auf die Bühne.

 Foto: RPO
Foto: RPO

Aus dieser Welt gibt es kein Entrinnen. Eine breite Mauer rahmt die Bühnenfläche wie ein steinerner Panzer. Keine Tür, kein Fenster weist aus diesem monumentalen Betontrichter, dessen Grundfläche mit Torf bedeckt ist. Als Friedhofserde wird dieser Grund sich erweisen, als blutgetränkter Boden, auf dem geheiratet und wenig später schon gemordet wird, weil Rachelust und eiserne Konventionen es so fordern.

Erdenschwer inszeniert Stephan Rottkamp Federico García Lorcas Tragödie „Bluthochzeit“ am Düsseldorfer Schauspielhaus. Es ist ihm bitterernst mit diesem Stück über eine Braut, die sich am Tag ihrer Hochzeit für die Leidenschaft und damit für einen anderen Mann entscheidet. So hetzt sie zwei Familienclans aufeinander, zwischen denen noch Blutschuld abzutragen ist. Am Ende sind die Männer tot, die Frauen fügen sich ins Schicksal verhärmter Witwen.

So erzählt Rottkamp den Stoff. Aus dem García-Lorca-Text hat er alles Lyrische, alles Rätselhafte entfernt. Übrig bleibt eine gut verständliche Handlung, die der Regisseur in plakativen Bildern erzählt, untermalt von eigens komponierter Unheilsverkündungsmusik. Das ist effektvoll, macht das Stück glatt konsumierbar wie einen Popcorn-Film, nur wird ganz unbemerkt García Lorca in diesem Torfsilo mitbegraben. Denn der andalusische Dichter hat gerade kein leicht verständliches Stück geschrieben, sondern eine Tragödie, die sich zusehends in ein Märchen verwandelt - düster, poetisch, verwirrend auch. Doch das will Rottkamp weder sich noch dem Publikum zumuten. Darum streicht er, was ihn die Stringenz kosten könnte, und macht aus einer vieldeutigen Tragödie ein eindeutiges Schaustück.

Durchaus spektakuläre Bilder

Dabei gelingen ihm durchaus spektakuläre Bilder. Etwa als er die Braut wider Willen im schwarzen Torf nach ihrem weißen Hochzeitskleid buddeln lässt. Die verzweifelte Frau schlüpft in das keusche Gewand, läuft los - und wird jäh zurückgerissen. Denn das Brautkleid entpuppt sich als Zwangsjacke, zwei Seidenbänder am Mieder haben sich zu Fesseln entrollt. Das ist ein mächtiges Bild, das Rottkamp allerdings durchdekliniert, bis jeder Interpretationsspielraum gefüllt ist. So nimmt der Verführer der Braut natürlich das Messer, mit dem er später töten wird, um die Fesseln der Braut zu durchtrennen.

Auch andere Bilder sind an Unmissverständlichkeit kaum zu überbieten. Als die untreue Braut etwa zum ersten Mal auf die künftige Schwiegermutter trifft, ist die junge Frau gerade bei der Hausarbeit, wringt Saft aus Kirschen, der ihre Hände blutig färbt. Oder: Zum Abschied schenkt die Braut ihrem ungeliebten Bräutigam ein Päckchen, das sich beim Auspacken als Wasserbömbchen entpuppt. Rottkamp jagt die Hochzeitsgesellschaft als Melone fressenden Mob über die Bühne. Und als sei dies nicht deutlich genug, muss der hedonistische Haufen dasselbe noch Wein saufend und Frauen verfolgend wieder tun, bis auch der Letzte versteht, dass auf Hochzeitsfeiern bald nach dem Segensspruch von Anstand nicht mehr die Rede ist.

Die Darsteller fügen sich in diese Bilder: Christiane Rossbach gibt die rachedurstige Schwiegermutter mit starrem Blick in die düstere Zukunft. Nadine Geyersbach als Braut wandelt sich vom verschlossenen Bauernmädchen zur kompromisslos Liebenden, wirkt aber aufgrund ihrer eigenwilligen Körpersprache seltsam widerständig, auch dem wahren Geliebten gegenüber. Der wird gespielt von Patrick Heyn, der in kurzen Auftritten seinen Charakter zu setzen weiß. Janina Sachau spielt die von ihm Verstoßene mehr verschmitzt als tief erschüttert. Doch am Ende ist sie es, die an die Wand des Betonverlieses schreibt, was dort keiner mehr zu tun wagt: Schreien - über all das Leid auf dunkler Erde.

Das Ensemblespiel gelingt also in einer perfekt durchchoreografierten Inszenierung, in der die Zuschauer fest an die Hand genommen werden, auf dass sie keine Deutungslücken fürchten müssen. Diese Zumutung jedoch war einmal die Stärke des Theaters.

Viel Applaus, Bravi und Buhrufe.


 
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