Ausstellung befasst sich mit heiklem Thema: Die deutschen Nationalsymbole
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 05.12.2008 - 19:16Bonn (RP). Als im November 1950 Deutschland zum ersten Länderspiel nach dem Zweiten Weltkrieg gegen die Schweiz antrat, herrschte zunächst – Stille. Eine Schweigeminute nämlich musste jene Hymne ersetzen, die es für Deutschland noch nicht gab. Das wurde als „peinlich“ und „wenig weihevoll“ empfunden, wie es in den Berichten seinerzeit hieß. Diese Schweigeminute war eine Leerstelle: Nach der Flut national-chauvinistischer Symbole im „Dritten Reich“ fehlte es Deutschland jetzt an Zeichen. Es war ein Land ohne Hymne und Fahne – eine Rumpfnation, die nicht so recht wusste, was sie eigentlich ist.
Deutsche Nationalsymbole waren lange ein heikles Thema, und dass sich das Bonner Haus der Geschichte jetzt in einer großen, 600 Exponate umfassenden Schau Adler, Fahne und Hymne widmet, ist selbst schon ein Zeichen. Es deutet auf ein positives deutsches Selbstverständnis hin, das mit der friedlichen Revolution von 1989 seinen Anfang nahm und spätestens zur Fußballweltmeisterschaft 2006 seinen Ausdruck im schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer fand. Dass der Umgang mit Nationalsymbolen wieder „unverkrampft“ sei, wird von den Ausstellungsmachern zwar in jedem zweiten Satz verkündet. Trotzdem trägt der Titel „Flagge zeigen?“ ein merkwürdig halbherziges Fragezeichen.
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Dabei schien anfangs die Flagge ein unstrittiges Symbol im Westdeutschland der Nachkriegszeit zu sein. Schließlich war die Trikolore bereits Staatsfahne der ersten deutschen Republik von Weimar, und die Farben leiten sich wahrscheinlich von den Uniformen ab, die die Studenten des Lützowschen Freikorps 1813 trugen. Die Fahne hatte also in ihrer Geschichte genug freiheitlichen Geist aufgesogen. Dennoch: Eine Allensbach-Umfrage zur Nationalfahne verzeichnet 1951 nur 20 Prozent auf Seiten von Schwarz-Rot-Gold; 37 Prozent befürworten die alte Kaiserfahne in Schwarz-Weiß-Rot, 43 Prozent sind ohne Meinung.
Ähnlich schwierig ist es mit der Hymne – selbst bei der politischen Elite. Bundeskanzler Konrad Adenauer bevorzugt das „Lied der Deutschen“ von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben mit seiner dritten Strophe („Einigkeit und Recht und Freiheit“); Bundespräsident Theodor Heuss wünscht sich einen auch hörbaren Neuanfang und beauftragt Rudolf Alexander Schröder mit einem neuen Text. „Theos Nachtlied“ wird es bald genannt. Und der Lyriker Gottfried Benn spottete über die „marklos“ wirkende Dichtung: „Der nächste Schritt wäre dann ein Kaninchenfell als Reichskriegsflagge.“
Nichts geht ohne Emotionen
Nationalsymbole – auch das zeigt das Fahnen- und Bildermeer im Bonner Museum – sind mehr als nur Stoff oder Metall oder ein paar Noten. Sie wurden oft geboren aus einem emotionalen Ereignis, sie sind langlebig, weisen über sich hinaus, sind Chancen zur Integration und eine Gefahr der Abgrenzung. Denn Nationalsymbole haben eine enorme Verführungskraft, die blind machen und Menschen dazu verleiten kann, das eigene Leben für die Fahne zu geben. Die Ausstellung in Bonn zeigt beide Seiten und macht diesen Grenzgang erlebbar: Ein großes Brandenburger Tor aus Pappe durchquert die Schau diagonal und markiert so jene Linie, die Symbole zu Waffen werden lässt.
Im ersten Länderspiel ohne Hymne siegte Deutschland übrigens eins zu null. Der Kommentator hob damals besonders die geschlossene Mannschaftsleistung der Deutschen hervor.
Info Ab 5. Dezember bis 13. April 2009 im Haus der Geschichte, Willy-Brandt-Allee 14 in Bonn; Tel. 0228 - 9165-400
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