Interview mit Nikolaus Schneider: Die Kirche soll weiblicher werden
VON DAS INTERVIEW FÜHRTE LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 21.10.2009 - 07:57Ulm (RP). Vor der Synode der Evangelischen Kirche spricht Nikolaus Schneider, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, über den gefährlichen Rückzug des Protestantismus in Nischen, das Ehrenamt in der Kirche und die Rolle der Frauen.
Mit Spannung wird die 11. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland erwartet, die am Sonntag in Ulm beginnt. Auf der Tagesordnung steht dabei unter anderem die Zukunft des Ehrenamtes – vor allem aber die Wahl des oder der neuen Ratsvorsitzenden. Über die Zukunft der evangelischen Kirche sprachen wir mit Nikolaus Schneider, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.
Bischof Huber hat unlängst von einer mentalen Gefangenschaft der evangelischen Kirche gesprochen und einer "Verwohnzimmerung des Protestantismus". Was ist dran an diesem Befund?
Schneider Das war als Warnung gemeint. Es gibt nämlich manchmal so etwas wie die Sehnsucht nach einem Rückzug in die Nische und den inneren Frieden, fernab von der Gesellschaft. Der Protestantismus, so sehr er sich auf seine Frömmigkeit besinnen soll, darf sich aber nicht zurückziehen. Er muss öffentlich wahrnehmbar bleiben und über die kleine Gemeindekirche hinaus auch andere überzeugende Formen von Kirche entwickeln.
Eine andere Klage Hubers heißt: "Wir wollen dem Volk aufs Maul schauen, aber wir hören nicht, was es sagt."
Schneider Diese Warnung ist ebenso berechtigt. Sie greift das alte Luther-Zitat auf: "dem Volk aufs Maul schauen". Damit ist gemeint, die Heilige Schrift so zu übersetzen, dass sie jeder versteht. Aber das heißt nicht, jedem nach dem Munde zu reden.
Das Ehrenamt ist ein Schwerpunktthema der EKD-Synode in Ulm. Dazu wird in der entsprechenden Vorlage Goethe zitiert mit den Worten: "Wer das erste Knopfloch verfehlt, bekommt die Weste nicht mehr zu." Wie früh muss man demnach mit dem Ehrenamt beginnen?
Schneider Am besten schon in der Kinder- und Jugendarbeit. Es gibt für das Ehrenamt einen pragmatischen Grund: Eine Kirche ist das Volk Gottes und die Selbstorganisation von Gottes Volk. Da können Sie noch so viel Hierarchie haben – ohne Volk Gottes passiert da nichts. Die Kirche, das sind die Menschen, die Kirche sein wollen. Aber natürlich brauchen wir auch Menschen, die Verantwortung übernehmen. Darum ist das Ehrenamt wichtig für alle Bereiche der kirchlichen Arbeit – auch in der Leitung. Dort müssen gleichermaßen Theologen und Nicht-Theologen sitzen, Männer und Frauen.
Wenn Ehrenamtliche mehr Verantwortung übernehmen sollen, dann heißt das auch, dass es eine Art Kluft zwischen den Amateuren und den Profis in der Kirche gibt.
Schneider Nein, eine Kluft ist das nicht. Dagegen arbeiten wir ja ständig, weil die Hauptamtlichen immer einen gewissen Informationsvorsprung haben. Aber wir brauchen diese offene formale Struktur, in der auch die Veränderung der Institution immer mitgedacht wird.
Das ist auf Dauer sehr anstrengend.
Schneider Absolut. Aber die Dynamik tut uns gut. Auch wenn wir uns hin und wieder danach sehnen, dass endlich einmal Ruhe ist. Das Ganze ist ein Prozess der Konsolidierung, der Neuöffnung und der Veränderung.
74 Prozent aller Beschäftigten in der Evangelischen Kirche in Deutschland sind Frauen. Im Bereich der Theologen sind es aber nur 31 Prozent. Wird die Evangelische Kirche nach wie vor von Männern dominiert?
Schneider Zumindest in den oberen Leitungsfunktionen ist das so. Nur in den Presbyterien, den Leitungsgremien der Gemeinden, haben die Frauen eine leichte Mehrheit. Dabei tragen sie das Leben der Kirche viel stärker als die Männer.
Es waren auch Frauen, die bis zuletzt unter dem Kreuz gestanden haben.
Schneider Auch die ersten Zeugen der Auferstehung waren Frauen. Sie waren die letzten unter dem Kreuz und die ersten bei der Auferstehung. Die Männerdominanz in unserer Kirche wird sich aber ändern. Schon deshalb, weil derzeit mehr als 50 Prozent der Theologiestudierenden Frauen sind. In etwa 20 Jahren werden wir in den Pfarren bei fifty-fifty angekommen sein. Allerdings liegt bei uns der Frauenanteil in den geteilten Stellen sehr viel höher als der Anteil der Männer. Das hat damit zu tun, dass bei der Aufteilung von Berufs- und Familienarbeit noch die Frauen wesentlich die Familienarbeit tragen. Hier haben wir Nachholbedarf.
Ist auch die Theologie eher von Männern geprägt?
Schneider Ja – wenn ich mir beispielsweise die Besetzung der Lehrstühle anschaue. Die Kirchliche Hochschule Wuppertal/Bethel ist die einzige deutsche Uni, die einen Lehrstuhl zur Förderung von Frauen eingerichtet hat.
Wäre die Wahl von Bischöfin Margot Käßmann zur neuen Ratsvorsitzenden der EKD ein Zeichen für den Wandel innerhalb der Kirche?
Schneider Dafür wäre Käßmanns Wahl sicherlich ein Zeichen.
Margot Käßmann hat sich im Vorfeld der Synode deutlich positioniert. Kann es sich angesichts dieser Popularität die Synode leisten, sie nicht zu wählen?
Schneider Synoden haben immer ihre eigene Dynamik. Aber Käßmann zählt zu den herausragenden Kandidaten, auch für mich.
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