Interview mit Werner Faulstich: Die Körperkunst der 90er Jahre
VON INTERVIEW VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 26.07.2010 - 08:12(RP). Der renommierte Lüneburger Medienwissenschaftler Werner Faulstich gehört zu den prominenten Vertretern seines Fachs. Soeben ist der neunte und abschließende Band seiner Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts erschienen. Im Gespräch erläutert der 63-Jährige, wie uns die Zeit von 1990 bis 1999 noch heute beeinflusst.
Wie haben Sie die 90er Jahre wahrgenommen?
Faulstich Für mich waren die 90er Jahre das aufregendste Jahrzehnt des Jahrhunderts – nach den 60ern.
Inwiefern?
Faulstich Weil es einen totalen kulturellen Umbruch gegeben hat. Das 20. Jahrhundert ist kulturell eine Verschiebung in die Medien. Und die 90er Jahre sind der Punkt, an dem alles ins Digitale kippt. Das ist neu. Und das wird zunehmen. Wer sich um Kultur bemühen möchte, muss sich um Kultur in Medien bemühen, also in Zeitungen, Fernsehen, Chat und Blog.
Kultur ist ein Massenphänomen geworden?
Faulstich 95 Prozent der Bevölkerung wissen, dass Kultur eine Aktivität ist, die jeder in Anspruch nehmen kann – nicht nur eine Elite. Das ist ein Akt der Befreiung.
Ist in den 90er Jahren die traditionelle Kultur ans Ende gekommen.
Faulstich Und zwar ohne dass das Abendland unterging. Tatsächlich spielen klassische Elemente der traditionellen Kultur keine Rolle mehr. Nehmen Sie die Sprache: Jugendliche drücken einander Zuneigung nicht mehr wie Menschen vor 30, 40 Jahren aus. Sie haben das Ende der Briefkultur per SMS besiegelt und den hohen Ton durch das Emoticon ersetzt.
Lässt sich das auf andere Bereiche der Kultur ausweiten?
Faulstich Auf das Theater etwa. Es führt heute als Institution ein Randgruppen-Dasein. Aber Theatralität wird nach wie vor in der gesamten Gesellschaft durchgesetzt. Sie finden sie in den Massenmedien und in der Eventkultur. Die Werbung dient uns Waren auf theatralische Weise an. Die klassische Kunstform ist erstarrt. Das Theater als Umgehensweise mit Welt hat indes alle Bereiche des Alltags erfasst. Bis hin ins Vorstellungsgespräch.
Das, was wir unter klassischer Kultur verstehen, wird also zunehmend popularisiert?
Faulstich Nein, auf diese Schiene wird es immer gezogen. Die guten alten Werte werden nicht verleugnet. Es ist eine andere Form des theatralen Spiels. Es ist etwas Neues. Der Literatur ergeht es ähnlich. Die gedruckte Literatur hat ihre Rolle als Wert- und Normgesellschaft in der Gesellschaft verloren. Literatur ist nun in anderen Medien präsent, in der Vorabendserie, im Kino, im Comic. Die Literatur will Interessierte finden, die nicht Leser sind, sondern Zuschauer. Literatur ist in die Massenmedien expandiert.
Was war das für ein Lebensgefühl in den 90er Jahren?
Faulstich Die 90er stehen für eine kulturelle Ausdifferenzierung.
Für die Auflösung der klassischen Milieus.
Faulstich Ja. Es gibt immer mehr Teilmilieus und Einzelgruppen, die man nicht über einen Kamm scheren kann. Denken Sie an die Körperkultur. Eine ganze Generation hat ihren Körper als Gestaltungsmedium entdeckt. Tattoo, Piercing, das waren die 90er. Und das war eine Form der Selbstinszenierung, die die Professorentochter wie das arbeitslose Mädchen genutzt hat. Menschen, die im Marketing arbeiten, wissen das: Es genügt nicht, die Jugendlichen als Gruppe anzusprechen. Man muss das differenzierter tun: Sind sie 14 oder 21 Jahre alt, leben sie auf dem Land oder in der Stadt, in Hamburg oder München?
Schockrocker Marilyn Manson, die blutige Benetton-Werbung: Wie wichtig war Provokation?
Faulstich Nicht so wichtig. Im Vergleich zu den 60er Jahren war das doch nichts. Im Gegenteil: Ich als Professor muss sogar sagen, dass die Studenten jede Provokation vergessen haben. Sie kommen in die Sprechstunde und sagen: Was darf ich auswendig lernen? Egal, was es ist: Ich lerne das, damit ich eine gute Note bekomme. Der Rückgang an Kritikfähigkeit und an Auseinandersetzung ist markant und steht für die 90er Jahre. Die junge Generation hat verlernt, den Alten in die Suppe zu spucken.
Wie beeinflusste die Wiedervereinigung die Kultur des Jahrzehnts?
Faulstich Sie hat Geschmack, Mode, Medien verändert. Die Öffnung zum Westen war für viele Ostdeutsche damals zunächst die Öffnung zum Paradies.
Was war die offensichtlichste Veränderung, die mit der Wiedervereinigung einherging?
Faulstich Zuallererst das Reisen. Es war wieder möglich, überall hinzukommen. Reisen und Mobilität wurden zum Kulturphänomen. Als zweites die D-Mark und damit der Konsum. Die Bürger der DDR wollten Zugriff auf die Produkte haben, die die Werbung zeigte. Dasselbe gilt für die Medien. Die bunte Wessi-Kultur sollte nach dem Wunsch vieler die Ostkultur ersetzen.
Die 90er Jahre sind ein Jahrzehnt des kulturellen Niedergangs – zumindest in Bezug auf die Ostkultur?
Faulstich Vieles ging natürlich auf Kosten des Ostens. Nehmen wir die Medien. Es wurden in den neuen Bundesländern nicht etwa neue Medien etabliert. Die großen Firmen sahen sie als Ausweitungsmöglichkeit ihres Marktes. Die Menschen dort wurden also nicht als Produzenten, sondern als Konsumenten einbezogen. Das ist einer der Gründe, warum viele später in den Westen gehen mussten.
Was ist für Sie Kultur?
Faulstich Kulturell ist das, was nicht primär wirtschaftlich, politisch und sozial ist. Mein Kulturbegriff geht weg vom Normativen, von dem Elitären, von der Hochkultur. Denn solch ein Kulturbegriff ist out.
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