"Die zitternde Frau": Die Krankheit der Siri Hustvedt
VON FRANK DIETSCHREIT - zuletzt aktualisiert: 29.01.2010 - 07:27(RP). Die New Yorker Schriftstellerin Siri Hustvedt ist erfolgreich und attraktiv. Romane wie "Die unsichtbare Frau", "Was ich liebte" und "Das Leiden der Amerikaner" waren Bestseller. Verheiratet ist die 54-Jährige mit Paul Auster ("Die New-York-Trilogie", "Smoke", "Lulu on the Bridge").
Das Ehepaar Hustvedt/Auster ist eine Marke in der intellektuellen High-Society. Doch wer hätte gedacht, dass hinter der glitzernden Fassade der psychische Abgrund lauert: ein Schmerz, eine Störung, etwas, was man nicht erklären, was einen aber um den Verstand bringen kann. Darüber kann man schweigen – oder ein Buch schreiben. Siri Hustvedt hat sich dafür entschieden, ihre Krankheit zu offenbaren und nach der Ursache ihrer mysteriösen Nervenkrankheit zu forschen. "Die zitternde Frau". heißt ihr Buch (Rowohlt-Verlag, 18,95 Euro), aus dem sie heute im Düsseldorfer Schauspielhaus lesen wird.
Es ist ein verstörendes, anstrengendes Buch. Es weiß nicht recht, was es sein will: autobiografische Erzählung, psychoanalytische Entdeckungsreise, neurologisches Abenteuer. Das könnte manche Leser irritieren. Fakt ist: Wer das Buch in die Hand nimmt, sollte Zeit übrig haben. Denn Hustvedts Buch ist gespickt mit medizinischen Erkenntnissen, neuropsychologischen Thesen, wissenschaftlichen Anmerkungen. Dabei beginnt alles ganz privat: Siri Hustvedt berichtet, wie sie einen Vortrag an jener Universität hält, an der ihr zwei Jahre zuvor verstorbener Vater lange Zeit gelehrt und geforscht hatte.
Öffentliche Auftritte, Lesungen, Interviews – nie hatte Hustvedt damit Probleme. Auch bei der Gedenkrede auf ihren Vater ist zunächst alles wie immer. Plötzlich befällt sie ein unkontrollierbares Zittern. Während ihr Körper wie von Krämpfen geschüttelt scheint, redet sie ruhig weiter. Ihre entsetzte Mutter hatte den Eindruck, "einer Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl beizuwohnen".
Das Zittern wird sich bei anderen Auftritten wiederholen. Siri Hustvedt konsultiert Ärzte, wird mit unterschiedlichen Meinungen über Ursache und Wirkung ihres Leidens konfrontiert, das sie mit verschiedenen Medikamenten unterdrückt. Dann aber will sie wissen, wer die Fremde Frau in ihr ist, woher dieses fremde Ich kommt. Zu einem Ergebnis kommt sie nicht. Sie ahnt, dass ihr Zittern etwas mit ihrer Vaterbindung zu tun hat.
Schließlich akzeptiert sie, dass die Krankheit ein Teil ihrer selbst ist. Und sie resümiert: "Je vertrauter die zitternde Frau mir wird, umso mehr geht sie von der dritten in die erste Person über, kein gehasstes Double mehr, sondern ein zugegebenermaßen behinderter Teil meines Selbst."
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum






