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Berlin: Ein Bahnhof für moderne Kunst

VON FRANK DIETSCHREIT - zuletzt aktualisiert: 07.09.2009 - 07:27

Berlin (RP). Mit der Schau "Die Kunst ist super!" werden die neu sortierten Sammlungen des Hamburger Bahnhofs in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt. Der neue Direktor der Berliner Nationalgalerie, Udo Kittelmann, hat das Museum zu einem einzigartigen Ort für zeitgenössische Kunst umgestaltet.

Neben Andy Warhols Marilyn Monroe, dieser Ikone der Kunst im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit, lächelt still und weise die zeitlos schöne Nofretete. Ihr Konterfei kommt aus einer Gipsformerei. Genau wie die Totenmasken, die Anselm Kiefers modernen Kampf-Jet kritisch beäugen, oder der Kopf von Dichter-Gott Goethe, der sprachlos ist angesichts des profanen "Shit Head" von Mark Quinn. Die Kunst, wie sie jetzt in den Ausstellungsräumen des Hamburger Bahnhofs in Berlin zu sehen ist, ist für überraschende Gedanken und unerwartete Blickwinkel gut. Für Udo Kittelmann, den neuen Direktor der Berliner Nationalgalerie, Grund genug, fröhlich hinauszuposaunen: "Die Kunst ist super!"

Europas größter Ausstellungsort

Der gelernte Augenoptiker Udo Kittelmann hat Museen in Ludwigsburg, Köln und Frankfurt geleitet. Seit November 2008 ist er Nachfolger von Peter-Klaus Schuster und betreut mehrere Häuser: die Alte und die Neue Nationalgalerie, das Museum Berggruen, die Sammlung Scharf-Gerstenberg, die Skulpturensammlung in der Nicolaischen Kirche und das Museum für Gegenwartskunst im Hamburger Bahnhof.

Nachdem die pompöse Abschiedsshow seines Vorgängers ("Der Kult des Künstlers") abgeräumt war, hat Kittelmann sich viel Zeit gelassen, die Bestände zu sichten und eine erste eigene Duftmarke in der Berliner Kulturlandschaft zu setzen. Jetzt hat sich Kittelmann für feine Ironie entschieden und präsentiert die umfangreichen Bestände seines erklärten Lieblingsmuseums in neuem Licht und Gewand.

Mit 10 000 Quadratmetern ist der Hamburger Bahnhof, der die Sammlungen von Marx und Marzona sowie die Flick-Collection beherbergt, Europas größter Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst. Kittelmann hat vieles umgeräumt und neu arrangiert, manches auch ins Lager verbannt. Was eben noch planlos vollgestellt und beliebig wirkte, ist unter Kittelmanns Hand zu einer offenen und lockeren Kunstpräsentation mit überraschenden Zwiegesprächen, Kommentaren und Sichtachsen geworden. In den labyrinthischen Gängen der Rieck-Halle versperrt Duane Hansons hyperrealistische Frau mit ihren Plastiktaschen den Weg. Am Ende der weitläufigen Hallen wartet Paul McCarthy mit seiner goldenen, kitschig-satirischen Michael-Jackson-Skulptur. Gleich daneben "Fucked Up!", die schwarzen, verkohlten Überreste des King of Pop. Was könnte aktueller und böser sein?

Die riesige Eingangshalle des Bahnhofs ist wie leergefegt und auf wenige, sparsam akzentuierte Werke reduziert: An der Seite lagern Roman Ondáks Holzkisten, in denen sich eine Rekonstruktion der Turbinenhalle der Tate Modern in London befindet; auf dem blank geputzten Bahnhofsboden steht einsam und verloren Marcel Duchamps kleines Readymade "Fahrrad-Rad"; durch die Speichen blickt man auf den historischen Güterwaggon von Robert Kusmirowski: Mit diesen Waggons brachten die Nazis hunderttausende Juden in die Vernichtungslager. Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Illusion, Schein und Sein berühren sich.

Ob Andy Warhol oder Anselm Kiefer, Nam June Paik oder Wolf Vostell, Bruce Nauman oder Martin Kippenberger, Jeff Koons oder Mario Merz: Die Ikonen der Kunstmoderne sind alle noch da, sie sind nur anders aufgestellt, mit Gipsabdrücken und Mineralien konfrontiert und wirken plötzlich noch einmal ganz neu.

Auch die verändernde Kraft von Joseph Beuys wirkt regeneriert. Der einzigartige Bestand an Installationen, Objekten und Filmdokumenten zeugt jetzt wieder nachdrücklich vom Beuysschen Bestreben, den Kunstbegriff radikal zu erweitern. Ob Filz oder Fett: Die Utopie vom Menschen als Künstler ist gegenwärtig. Kunst ist Freiheit. Kunst ist super!

Kittelmann hat Recht.

Quelle: RP

 
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