Interview mit Ralph Giordano: Ein Überlebender der Nazis
VON DAS GESPRÄCH FÜHRTE OLAF NEUMANN. - zuletzt aktualisiert: 10.04.2007 - 21:37Düsseldorf (RP). Soeben hat Ralph Giordano seine Autobiografie „Erinnerungen eines Davongekommenen“ veröffentlicht. Wir sprachen mit dem jüdischen Journalisten und Schriftsteller über seine Jugend im Nationalsozialismus und den Rechtsextremismus der Gegenwart.
Herr Giordano, als deutscher Jude überlebten Sie den Nationalsozialismus. Wie haben Sie es geschafft, die permanenten Demütigungen, Verfolgungen und Todesdrohungen durch die Nazis auszuhalten?
Giordano Das frage ich mich oft. Heute würde ich nicht zehn Prozent von damals aushalten. Aber man war jung, und es ging nicht anders. Spätestens seit der so genannten Reichspogromnacht im November 1938 war unser zentrales Lebensgefühl die Furcht vor dem jederzeit möglichen Gewalttod. Die Ungewissheit war so schlimm, dass man sich manchmal gewünscht hat, die würden einen endlich abholen und misshandeln.
Warum hat Ihre Familie nie erwogen, Deutschland zu verlassen?
Giordano Die Nazis hatten ein elementares Interesse daran, Juden unter Vertreibungsdruck zu setzen und sich dann an ihrem Vermögen zu bereichern. Da wir arme Leute waren, stand es aber gar nicht zur Debatte, auszureisen. Wir hatten auch keine Beziehungen irgendwohin. Damals konnte man nicht so einfach Deutschland verlassen. Ich erinnere mich an ein einziges Mal, wo Kinder 1938 ohne die Eltern nach England verbracht wurden. So was konnten nur Eltern tun, die eine tiefe Voraussicht und eine richtige Einschätzung des Systems hatten. Das war bei uns offenbar nicht der Fall.
Wann konnte Ihre Familie die Gefahr einschätzen?
Giordano Von dem Massenmord an den Juden erfuhren wir im Herbst 1941 über ganz bestimmte Verbindungen. Das waren nicht die stationären Todesfabriken wie Auschwitz und Treblinka, die wurden erst im Frühling 1942 installiert, sondern die Massentötungen der so genannten Einsatzgruppen A, B, C und D hinter der Ostfront. Die hatten keine andere Aufgabe, als mit Hilfe der Wehrmacht Juden umzubringen. Bis dahin konnte man sich nicht vorstellen, dass zehntausende Menschen einfach niedergemäht wurden.
1940 mussten Sie die Schule verlassen, wurden mehrmals von der Gestapo verhaftet und gefoltert. Warum hat man Sie wieder freigelassen?
Giordano Ich bin insgesamt dreimal von der Gestapo verhört worden: Anfang September 1939, im November 1941 und im August 1944. Nachdem ich zwei Jahre lang gegenüber einem Jungen, mit dem ich aufgewachsen war, staatsfeindliche Äußerungen gemacht hatte, wurde ich von ihm denunziert. Bei der Gestapo sollte ich unterschreiben, die staatsfeindlichen Ideen stammten von meiner jüdischen Mutter. Ich habe das nicht getan, obwohl die Misshandlungen fürchterlich waren. Meine Standhaftigkeit rettete mir wahrscheinlich das Leben, denn die Gestapo hatte vor mir eine unfreiwillige Achtung. 1944 wurde ich dann der Rassenschande bezichtigt. Obwohl ich wieder physisch gefoltert wurde, hätte ich unter keinen Umständen unterschrieben, denn das wäre auch das Todesurteil für meine Mutter gewesen.
Ihre Mutter bekam dennoch den Verschickungsbefehl. Wann war das?
Giordano Am 7. Februar 1945. Eine Woche später sollte meine Mutter deportiert werden. Für diesen Fall hatte ich vorgesorgt und für die gesamte Familie ein Kellerversteck im Norden Hamburgs gesucht. Dort hockten wir bis zur Befreiung, allein vier Wochen ohne Nahrung. Wären die Briten nur eine Woche später gekommen, hätte das unseren Hungertod bedeutet.
Dass Sie diese Zeit überlebt haben, ist auch couragierten Bürgern zu verdanken. Wer hat Ihnen geholfen?
Giordano Eine Frau, die bis zu unserer Ausbombung am 29. Juli 1943 im selben Haus lebte. Die war durch und durch Anti-Nazi. Ich traf sie zufällig im November 1944 wieder. Sie hatte sich einen Waschkeller im Norden von Hamburg ausgebaut. In diesem von Ratten verseuchten Loch konnten wir uns verstecken. Heute frage ich mich, wie wir das ausgehalten haben. Ich wurde am Oberschenkel und mein Vater am Gesicht angenagt. Als wir am 4. Mai 1945 den britischen Soldaten entgegenkrochen, hatten wir keine Ähnlichkeit mehr mit Menschen.
Warum sind Sie trotz des vielen Kummers in Deutschland geblieben?
Giordano Vor der Befreiung war klar, ich würde Deutschland verlassen. Aber danach gab es Gründe, die das verhindert haben. Hitler war militärisch geschlagen, aber geistig war er es nicht. Das zeigte sich nach einem kurzen Vergeltungsschock, unter dem die nazihörige Mehrheit der Deutschen damals stand. Als ich erkannte, wie schnell der braune Adam wieder hoch kam, konnte ich nicht mehr weg. Ich wäre mir wie ein Deserteur vorgekommen. Ich konnte mir auch kein Leben ohne deutsche Sprache vorstellen.
Wie geht man mit dem Problem heute um?
Giordano Es hat sich im öffentlichen Bewusstsein schon etwas verändert. Aber gegen die Rechten, vor allem in der Ex-DDR, wird nach wie vor schwächlich vorgegangen. Die können machen, was sie wollen in bestimmten Regionen. Die sicherheitsstaatlichen Organe drücken beide Augen zu, und die Justiz fällt jämmerliche Urteile. Die Rechten lachen doch über den Rechtsstaat.
Was halten Sie vom Verbot der NPD?
Giordano Die NPD hätte von vornherein verboten werden müssen, weil das Parteiprogramm gegen die Präambel des Grundgesetzes verstößt. Das ist eine zeitgenössische Variante des Nationalsozialismus. In jedem anderen Staat wäre die NPD mit rechtlichen Mitteln erledigt worden.
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