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Ruhr 2010: Eine atypische Kulturhauptstadt

zuletzt aktualisiert: 04.01.2010 - 07:47

(RP). Interview NRW-Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff hofft, dass mit dem Kulturhauptstadtjahr die Region ein Metropolen-Bewusstsein entwickeln kann. "Ruhr 2010" könnte auch zum Motor der wirtschaftlichen Entwicklung werden.

Haben Sie sich schon überlegt, was Sie zur Eröffnung von "Ruhr 2010" anziehen werden – bei der Feier auf Zeche Zollverein, Mitte Januar unter freiem Himmel?

Grosse-Brockhoff Na ja, man wird sich wohl warm anziehen müssen. Aber es gibt ja auch Menschen, die sich zu dieser Jahreszeit freiwillig Fußballspiele anschauen.

2010 ist als Begriff mit einem Politik-Projekt besetzt, bisher weniger mit Kultur . . .

Grosse-Brockhoff Im Ruhrgebiet steht mittlerweile 2010 auf jeden Fall für die Kulturhauptstadt. Dieses Bewusstsein ist dort in hohem Maße vorhanden.

Haben Sie denn die neue RuhrgebietsHymne, die Herbert Grönemeyer eigens für die Kulturhauptstadt komponiert hat, schon hören können?

Grosse-Brockhoff Nein, ich kenne sie nur aus Schilderungen.

2500 Veranstaltungen in 50 Städten, vom Niederrhein bis zum Sauerland – es ist eine ziemlich dezentrale Kulturhauptstadt geworden, die ein bisschen vom Gießkannenprinzip regiert wird. Wird da die Kulturhauptstadt überhaupt noch erkennbar?

Grosse-Brockhoff Das sehe ich ganz anders. Diese Kulturhauptstadt ist eine atypische, die sehr dazu beitragen wird, dass sich das Ruhrgebiet erstmals als Kulturmetropole selbst entdeckt – und auch so empfindet. Also seinen eigenen, längst vorhandenen Kultur-Reichtum erkennt und dabei feststellt, das es nach außen wie eine echte Kulturmetropole wirken kann. Und dass dabei Prozesse in Gang gesetzt werden können, die Kultur auch zu einem wesentlichen Motor der wirtschaftlichen Entwicklung machen können.

Gibt es überhaupt ein solches Metropolen-Bewusstsein im Ruhrgebiet?

Grosse-Brockhoff Bisher nicht, dass haben wir auch immer wieder kritisiert – und deswegen fanden wir auch die Idee einer Kulturhauptstadt so ideal für die ganze Region. Ich glaube, dass die Zusammengehörigkeit in der Kultur bereits funktioniert; sie spielt auf diesem Feld eine Vorreiterrolle.

Kultur als eine Art Volksbewegung?

Grosse-Brockhoff Aber durchaus im Sinne eines Metropolen-Bewusstseins mit der Folge, dass auch später gemeinsame Kulturprojekte angegangen werden – etwa beim gemeinsamen Marketing.

Und auf der Ebene der Kommune? Wie steht es um die viel beschworene große Ruhrstadt?

Grosse-Brockhoff Ich glaube nicht, dass die Zeit heute dazu angetan ist um sagen zu können: Wir bilden jetzt eine Stadt. Aber dass man gemeinsam eine Metropole bildet unter einer gemeinsamen Dachmarke – das kann ich mir schon vorstellen. Ich glaube, dass eine einzige riesige Ruhrstadt gar nicht gut wäre.

Wie stark ist denn der Mythos Ruhr – und wie sehr belastet die schwerindustrielle Vergangenheit das Image?

Grosse-Brockhoff Die Berufung auf die eigene Geschichte ist immer etwas ganz wichtiges. Auch wenn man sich klarmachen muss, dass es vorbei ist mit dieser Geschichte. Das ist ein wichtiger Bewusstwerdungs-Prozess, bei dem die Vergangenheit nicht verdrängt werden darf. Nur so kann das Alte auch das Neue gebären – und sei es in alten Gemäuern der Industriekultur.

Aus dem ursprünglichen Programm mussten Großprojekte auch aus finanziellen Gründen gestrichen werden; wie sehr hat das dem Ansehen geschadet?

Grosse-Brockhoff Es gibt bei jeder Kulturhauptstadt solche Krisenzeiten, in denen die Finanzierungen wackelig sind. Aber ich finde schon, dass gewaltig viel auf den Weg gebracht worden ist. Und dass es auch Fälle gibt, in denen die Kommunikation unglücklich verläuft, gibt es immer wieder. Aber das ist jetzt vorbei!

Haben Sie schon für den 18. Juli einen eigenen Tisch auf der A 40 reserviert – zum geplanten Großereignis, bei dem eine lange Tafel zwischen Duisburg und Dortmund die Menschen verbinden soll?

Grosse-Brockhoff Nein, noch nicht. Ich habe aber die Hoffnung, dass wir schon noch ein Plätzchen dort bekommen werden. Wir sind auf jeden Fall dabei.

Lothar Schröder führte das Gespräch.

Quelle: RP

 
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