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"Uncreative Writing" mit Kenneth Goldsmith
Einmal das Internet ausdrucken, bitte

"Uncreative Writing" mit Kenneth Goldsmith: Einmal das Internet ausdrucken, bitte
Der US-amerikanische Professor für Poetik und Konzeptkünstler Kenneth Goldsmith bei der Buch-Präsentation von "Konzentration". (Archivbild vom 20.06.2015) FOTO: dpa
Düsseldorf. Er hat eine Ausgabe der "New York Times" abgeschrieben und einen Tag lang alles notiert, was er machte: Kenneth Goldsmith hat mit "Uncreative Writing" eine radikale Poetik der Gegenwart geschrieben. Das Internet ist pure Poesie, sagt er. Von Philipp Holstein

Einmal hat Kenneth Goldsmith die Ausgabe der "New York Times" vom 1. September 2000 abgeschrieben; jeden Buchstaben von oben links auf dem Titelblatt bis unten rechts auf der letzten Seite. Er brauchte eineinhalb Jahre dafür. Die Abschrift ist als Buch erschienen, es heißt "Day" und hat fast 1000 Seiten.

Ein anderes berühmtes Werk des 55-Jährigen heißt "Fidget", und dafür hat er am 16. Juni 1997 alles notiert, was er so gemacht hat. Alles heißt hier wirklich alles, das Buch beginnt so: "Augenlider öffnen. Mit der Zunge an der Oberlippe von links nach rechts entlangfahren." Goldsmith sprach das Protokoll auf Tonband, allein das Aufstehen dauerte eine Stunde, und um fünf Uhr nachmittags war er so erschöpft, dass er einschlief.

Kenneth Goldsmith ist nun aber kein Spinner, sondern einer der bemerkenswertesten Denker der Gegenwart. Der Amerikaner lehrt an den Ivy-League-Universitäten Princeton und Pennsylvania. Barack Obama lud ihn zu einer Lesung ins Weiße Haus ein (Goldsmith trug einen Text vor, der alle Meldungen über Staus auf der Brooklyn-Bridge enthielt, die binnen eines Jahres erschienen waren). Er war erster Poet Laureate des Museum of Modern Art. Und nun erscheint sein wichtigstes Buch auf Deutsch: "Uncreative Writing" versammelt Aufsätze über das Schreiben und Lesen im Zeitalter der Digitalisierung.

"Unsere Browser-Chronik ist unser Gedächtnis"

Dieses radikale Buch darf man getrost als Poetik der Gegenwart bezeichnen. Die digitale Umwelt habe das literarische Spielfeld in Sachen Inhalt und Autorschaft komplett umgewandelt, schreibt Goldsmith. Er stört sich daran, dass wir in der Literatur noch immer veralteten Vorstellungen anhingen. Die Musik sei mit Sampling und Remix schon viel weiter, ebenso die Bildende Kunst, etwa mit den Zitat-Bildern von Richard Prince, der Ausschnitte aus der Marlboro-Reklame abfotografiert und für 1,2 Millionen Dollar verkauft. In der Literatur hingegen setzte man weiterhin das aus sich selbst schöpfende Original-Genie nach dem Vorbild Goethes voraus.

1993 surfte Goldsmith das erste Mal im Internet. Aus Versehen kopierte er einen Text, den er im Netz las, in eine Word-Datei. Von da an wusste er: Das Schreiben hat sich auf alle Zeit verändert, niemand muss mehr ein Wort auf traditionelle Art selbst schreiben. "Unsere Browser-Chronik ist unser Gedächtnis", so Goldsmith. "Facebook ist unsere kollektive Autobiografie. Surfen im Web ist Ausdruck unserer Persönlichkeit." Das Internet bezeichnet er als "größtes Stück Poesie aller Zeiten". Die Literatur habe sich die künstlerische Kraft im "Unterbewusstseinsstrom des Netzes" jedoch noch nicht zunutze gemacht.

An der Uni unterrichtet Goldsmith "Uncreative Writing". Er fordert Studenten auf, ständig online zu sein und Hausarbeiten zu kopieren, zu stehlen oder bei Ghostwritern zu bestellen. Ein Student, der ständig pleite war, kam auf die großartige Idee, seine Kreditkartenbelege der vergangenen Jahre als Buch binden zu lassen. Das wurde so teuer, dass er sich den Band am Ende selbst nicht leisten konnte.

Sein Idol: Andy Warhol

Nun muss man wissen, dass Goldsmith vor seiner akademischen Karriere als Bildhauer gearbeitet hat. Texte waren ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeiten und schließlich der wichtigste. Seine Buchprojekte sind denn auch Skulpturen im Geiste seines Idols Andy Warhol, dessen gesammelte Interviews Goldsmith herausgibt. Goldsmith bezieht seine Inspiration aus der Avantgarde der Moderne und mischt sie mit der Technik des 21. Jahrhunderts.

Eine Woche lang schrieb Goldsmith jedes Wort mit, das er aussprach. Das Buch, das daraus entstand, hat fast 700 Seiten. "Es war die wichtigste Woche in meinem Leben", sagt er, weil er damals gelernt habe, Text- und Informationsmassen zu organisieren. Goldsmith bezeichnet seine Künstler-Bücher selbst als unlesbar. Ganz bewusst: "Ich will keine Leserschaft, sondern eine Denkerschaft." Im Internet zu arbeiten heiße stets, mit Texten zu arbeiten. Aber wie arbeitet man im Internet? "Man teilt, sortiert, leitet weiter, kanalisiert, tweetet und retweetet. Man macht viel mehr als einfach nur zu lesen." Im Internet, so Goldsmith, kehrten sich die Rollen von Schriftsteller und Leser um. Der Tod des Autors? Nein, seine Neugeburt aus dem Geist von Copy & Paste.

Goldsmith möchte seine Denkerschaft dazu bringen, Fragen von Urheberschaft und geistigem Eigentum neu zu bewerten. Denn für das Schreiben bedeute das Internet eine ähnlich große Revolution wie die Fotografie für die Malerei. Die Materialität der Technik werde in der Literatur indes verdrängt. Dabei ähnele der Autor inzwischen mehr dem Kurator: Schreibende seien Programmierer. Goldsmiths Übungen mit Studenten beweisen, dass man das Kreative, die Ideen und Einfälle nicht ausschalten kann, auch nicht beim Zitieren. Egal, wie stark die Technik filtert, man erkennt doch immer, wer wir sind. Ein Beispiel: 2013 rief Goldsmith Leser auf, das Internet auszudrucken und ihm zuzuschicken. Und selbst anhand der Passagen, die die Menschen einsandten, konnte man Rückschlüsse auf ihre Persönlichkeiten ziehen. Ordnen und Filtern seien Grundlage kulturellen Kapitals. Goldsmith spricht von "Informationsbewegtheit".

"Context ist the new content"

Er sieht seine Arbeit als Fortführung von Walter Benjamins "Passagen-Werk", sozusagen die Urschrift des Sampling-Zeitalters, an der Benjamin zwischen 1927 bis zu seinem Tod 1940 gearbeitet hat. Benjamin sammelte Zitate, Texte und Ausführungen über Paris als Hauptstadt des 19. Jahrhunderts. Er bediente sich aus 850 Quellen, sein Vorbild für die Form des Textes war die Schnitt-Technik des Kinos. Benjamins Stimme war lediglich in den Fußnoten zu vernehmen, und doch kennzeichnen Auswahl, Komposition und Zusammenstellung das Buch eindeutig als Werk des Denkers Benjamins.

"Context ist the new content", schreibt Goldsmith. In den USA werden seine Ideen viel diskutiert. Die Literaturwissenschaftlerin Marjorie Perloff nennt ihn einen realistischen Autor, der zeige, was es bedeute, heute zu leben. Für sie ist er ein "Unoriginalgenie", also jemand, der in der Lage ist, ein originelles Werk zu schaffen, indem er Ideen und Bilder isoliert, neu rahmt, recycelt, wiederkäut und endlos reproduziert.

Der Sammlung mit Warhol-Interviews, die Goldsmith herausgab, stellte er übrigens ein schönes Zitat voran. "Schauen Sie sich im Spiegel an?", wird Warhol gefragt. Der Künstler antwortete: "Nein. Es ist schwer, in den Spiegel zu schauen. Da ist nichts."

Quelle: RP
 
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