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Hirst-Ausstellung in London
Ekel, Schock und die Frage nach der Kunst

Damien Hirst eröffnet Ausstellung in London
Damien Hirst eröffnet Ausstellung in London FOTO: dapd, Matt Dunham
London. Lebendige Schmetterlinge, tiefschwarze Fliegenschwärme, eingelegte Kühe, prall gefüllte Medikamentenschränke und jede Menge Punktebilder: Mehr als 70 Werke aus allen Schaffensperioden des britischen Künstlers Damien Hirst sind von diesem Mittwoch an in einer neuen Ausstellung in der Londoner Tate Modern zu sehen.

"Bitte nicht berühren", warnt ein Aufseher. Im überheizten Ausstellungsraum flattern zarte Schmetterlinge zwischen Blumentöpfen und Schalen mit geschnittenem Obst. Schiebt man den durchsichtigen Plastikvorhang zur Seite, betritt man eine Art Insektenfriedhof mit farbigen Leinwand-Vierecken, auf denen die prächtigen Geschöpfe als platt gedrückte Objekte kleben.

Es ist ein drastischer Kontrast: hier das Fest des blühenden Lebens, dort der Horror des zur Schau gestellten Todes. Kein anderes Londoner Museum demonstriert derzeit so anschaulich die Vergänglichkeit des Schönen wie die Tate-Modern-Galerie mit der neuen Schau des britischen Künstlers und Multimillionäres Damien Hirst.

Aufgeschnittene Kühe, eingelegte Haie

Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Kunst, die Widersprüche zwischen Sein und Nichtsein, Liebe und Hass, Wahrheit und Schein offenzulegen. Die Besucher der Tate Modern können ab Mittwoch all diese Licht- und Schattenseiten des Daseins erforschen, sie müssen jedoch dafür gelegentlichen Brechreiz und Ekelgefühle in Kauf nehmen.

Aufgeschnittene Kühe, eingelegte Haie, stinkende Aschenbecher oder ein Festessen für Fliegen auf einem blutigen Viehkopf – die morbide Hirst-Retrospektive in der britischen Hauptstadt wird garantiert nicht jedermanns Geschmack sein. "Er durchdringt wie kein anderer das kulturelle Bewusstsein unserer Zeit", heißt es im Katalog zum kulturellen Blockbuster Londons im Olympia-Jahr 2012. "Die Kunst von Damien Hirst ist ausdruckslos und zugleich ergreifend, und sie provoziert genauso viel Ehrfurcht wie Entrüstung".

Diese Gratwanderung hat den 46-jährigen Briten zum reichsten Künstler der Welt gemacht. Die "Sunday Times" schätzt sein Vermögen auf 215 Millionen Pfund (etwa 250 Millionen Euro). Nach verbreiteter Expertenmeinung hat es Hirst geschafft, neben Picasso und Warhol zu einem etablierten "Markennamen" auf dem Kunstmarkt zu werden, der überall auf der Welt kommerziellen Erfolg garantiert. Doch wie ist das möglich?

"50.000 Pfund für einen Fisch ohne Pommes"

New Tate beantwortet diese Frage, indem sie in der Ausstellung mit 73 Objekten alle wichtigen Stationen in der 22-jährigen Karriere von Hirst zeigt. Er ließ erstmals 1992 von sich reden, als das Londoner Publikum seinen in Formaldehyd eingelegten Hai erblickte. Der vier Meter lange Jäger der Ozeane mit dem aufgerissenen Maul war als ein konserviertes Exponat ungefährlich, und doch schien er die Zuschauer auffressen zu wollen.

Die Arbeit mit dem prätentiösen Titel "Die physische Unmöglichkeit des Todes in der Wahrnehmung eines Lebenden" revolutionierte die moderne Kunst und sorgte zugleich für bissige Schlagzeilen. So versah die "Sun" ihren Ausstellungsbericht mit dem spöttischen Titel: "50.000 Pfund für einen Fisch ohne Pommes".

Bald wagte allerdings keiner mehr, über Hirst zu lächeln: 1995 bekam er den begehrten Turner-Preis. Fünf Jahre später verkaufte er eine Installation namens "Hymne" für eine Million Pfund an den bekannten Sammler Charles Saatchi.

Es folgten kühl kalkulierte Provokationen – konservierte Schafe, ausgedrückte Zigaretten hinter Glas, Bilder aus toten Fliegen und natürlich der berühmte, mit 8601 Diamanten besetzte Menschenschädel ("Um Gottes Liebe", 2007) im Wert von 50 Millionen Dollar.

2008 erzielte Hirst mit einer Versteigerung seiner Kunstwerke einen Rekorderlös von 111 Millionen Dollar. Dabei bezeichnen manche Experten die Arbeiten von Hirst als "wertlos und banal" und nennen seine Geschäftstüchtigkeit "obszön". Hirst selbst gibt offen zu, gelegentlich "die Kunst nicht hinter den vielen Dollarscheinen" zu sehen.

Von Museumsausstellungen hielt er lange nichts. "Museen sind etwas für tote Künstler. Ich will niemals meine Arbeiten in der Tate sehen", sagte er einmal. Jetzt nutzt er gerne die Gelegenheit, um mit der Schau in einer der größten und renommiertesten Galerien Londons sein Schaffen zu kanonisieren.

(Von ALEXEI MAKARTSEV)
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