Künstler will Sterbenden zeigen: Empörung über "Sterbe-Kunst"
VON BERTRAM MÜLLER UND GERHARD VOOGT - zuletzt aktualisiert: 21.04.2008 - 07:14Mönchengladbach (RP). Der Plan des Mönchengladbacher Künstlers Gregor Schneider, in einem Museum einen Sterbenden zu zeigen, hat heftigen Protest hervorgerufen. Würdelos, unausgegoren, Zoosituation – das sind die Vorwürfe.
Wenn Künstler etwas wagen wollen, verteidigen Museumsleute meistens die Freiheit der Kunst gegen Beschränkungen durch die Gesellschaft. Martin Hentschel, Direktor der Krefelder Kunstmuseen, stellt sich diesmal auf die entgegengesetzte Seite. Er hält den Plan des Künstlers Gregor Schneider, einen Tod in ein Museum zu verlegen, für abwegig: „Ein solches Forum herzustellen, ist in meinen Augen bloßes Spektakel und hat mit Kunst wenig zu tun.“
Schneider hatte in einem Interview Haus Lange in Krefeld als Wunschort für das öffentliche Sterben einer Person angegeben. Dem aber wird Hentschel, wie er betonte, nicht stattgeben. Im Übrigen hat sich auch noch niemand gemeldet, der für Schneiders Aktion zur Verfügung stünde.
Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, Kulturstaatssekretär in NRW, lehnt Schneiders Plan ebenfalls ab: „Ich halte es für fragwürdig, mit dieser unausgegorenen Idee an die Öffentlichkeit zu gehen. Der Tod wird zwar in der Gesellschaft tabuisiert. Aber darf ich deswegen einen realen Sterbeakt öffentlich ausstellen? Muss Kunst nicht, nachdem alle Tabus gebrochen sind, sogar dazu beitragen, Tabus wieder zu errichten? Ich kann Schneiders Vorhaben nicht folgen.“
Auch Sylvia Löhrmann, Fraktionschefin der Grünen im NRW-Landtag, formuliert starke Bedenken: „Ich hoffe, dass es sich nur um den Versuch einer Provokation handelt. Für mich ist schwer vorstellbar, dass sich Menschen in eine Zoosituation begeben, um sich das anzusehen. Wo bleibt die Würde des Sterbenden?“
Christian Lindner, Generalsekretär der NRW-FDP, findet gleichfalls unmissverständliche Worte: „Man sollte mit Sterbenden pietätvoll umgehen. Ich finde die Aktion geschmacklos.“
Für den Fall, dass Haus Lange nicht zur Verfügung steht, hatte Schneider sein eigenes Haus, das „Tote Haus ur“ in Mönchengladbach, für den Sterbe-Akt ins Gespräch gebracht. Schneider hat dieses Haus in jahrzehntelanger Arbeit zu einem unheimlichen Labyrinth voller Fallen, Höhlen und schalldichter Räume umgestaltet. Einen Teil des Interieurs verfrachtete er vor sieben Jahren nach Venedig. Dort füllten die Stücke den Deutschen Pavillon der Kunst-Biennale. Dafür bekam Schneider den Goldenen Löwen.
Schon das „Tote Haus ur“ ist eng mit dem Tod verflochten. Auch später griff Schneider immer wieder das Thema Vergänglichkeit auf, zum Beispiel in einer Ausstellung im Gartenhäuschen des Museums Haus Esters in Krefeld. Dort hatte er in einer Ecke eine leblose künstliche Frauengestalt platziert.
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