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Serie deutsche Philosophen: Fichte – das Ich und die Freiheit

VON CHRISTIAN PEISELER - zuletzt aktualisiert: 02.01.2010 - 21:34

Düsseldorf (RP). Johann Gottlieb Fichte (1762–1814) war ein kämpferischer Humanist und Verächter feudalreaktionärer Verhältnisse. Zentrales philosophisches Problem war ihm die Freiheit. In seinem Hauptwerk, der Wissenschaftslehre, unternahm er den Versuch, die Möglichkeiten menschlicher Freiheit systematisch aufzuzeigen.

"Was für eine Philosophie man wähle, hängt davon ab, was man für ein Mensch ist." Für Johann Gottlieb Fichte hat der Mensch eigentlich nur die Entscheidung zwischen den beiden nach ihm einzig möglichen philosophischen Grundeinstellungen, dem Dogmatismus und dem Idealismus. Der Dogmatiker ist von dem Bewusstsein geprägt, dass die äußere ihn umgebende Welt der Dinge stärker und mächtiger sei als er selbst, so dass er sich dieser Welt unterzuordnen hat. Der Idealist dagegen bestimmt sich durch die Freiheit; aber er weiß, dass die Freiheit nicht eine Eigenschaft ist, die dem Menschen unabhängig von seinem Selbstbewusstsein und seinem Handeln anhängt, sondern dass Freiheit nur ist, wenn man sie aus Freiheit verwirklicht.

Mit Fichte präsentiert die klassische deutsche Philosophie nicht nur einen strengen und impulsiven Denker, sondern auch einen Charakter, wie Heinrich Heine betonte. Fichte war begeisterter Anhänger der Französischen Revolution, ein kämpferischer Humanist und Verächter feudalreaktionärer Verhältnisse. Eine Philosophie sollte zwar in erster Linie von der Güte und Qualität der Argumentationslinien her beurteilt werden; doch im Falle Fichtes kann seine Biografie auch als Indiz dafür gewertet werden, wie ernst es ihm war, die Erkenntnis aus seinem Hauptwerk, der "Wissenschaftslehre", in die Tat umzusetzen. Der heutige Leser der "Wissenschaftslehre" muss eine große Bereitschaft mitbringen, sich in dieses Gedankengebäude einzudenken. Fichte zählt zu den Gipfelstürmern der Abstraktion, der sich bis hin zur Unverständlichkeit und Unschärfe verschrauben kann. Diesen Mangel hat er wohl selbst gespürt. Mit dem Buch "Die Bestimmung des Menschen" hat er ein Werk verfasst, das als ernsthafter Versuch gewertet werden kann, seine Philosophie der Freiheit unters Volk zu bringen.

Fichte stammte aus ärmlichsten Verhältnissen – sein Vater war Bandwirker in der Oberlausitz. Die Legende besagt, dass der Zehnjährige beim Gänsehüten einem Gutsherrn auffiel, der die Sonntagspredigt des Pfarrers verpasst hatte. Der kleine Fichte konnte sie jedoch vollständig memorieren. Das begeisterte den Gutsherrn so sehr, dass er ihm den Schulbesuch in Schulpforta bezahlte. Nach Abschluss der Schule studierte Fichte Theologie in Jena. Um seinen notdürftigen Lebensunterhalt zu verdienen, verdingte er sich als Hauslehrer, wobei er schnell der Meinung war, er müsse zunächst die Eltern und dann erst die Kinder erziehen – was bei den Eltern nicht gut ankam.

1788 arbeitete er in Zürich, wo er seine spätere Frau kennen lernte: Johanna Rahn, deren Mutter eine Schwester Klopstocks war. Ein Student bat ihn um Privatunterricht in der kantischen Philosophie. Er sagte zu, musste sich aber erst einmal mit dem Werk des bedeutendsten Philosophen seiner Zeit beschäftigen. Für Fichte war die kantische Philosophie ein Wendepunkt in seiner intellektuellen Entwicklung. 1791 reiste er nach Königsberg, um bei Kant vorstellig zu werden und ein Stipendium zu erbitten. Im Gepäck hatte er seine Erstlingsschrift "Versuch einer Kritik der Offenbarung". Kant zeigte sich angetan von der Schrift, mit Geld wollte er Fichte aber nicht unterstützen. Der Professor aus Königsberg gab ihm jedoch ein Empfehlungsschreiben an einen Verleger mit. Der Verleger veröffentliche Fichtes Erstling anonym – und alle hielten es für ein Werk Kants. Als der wahre Name des Autors bekannt wurde, war Fichte auf einen Schlag berühmt.

Seine wechselhafte Karriere als einer der bedeutendsten Philosophen seiner Zeit begann mit einer Berufung an die Universität nach Jena. Die Jahre bis 1799 gelten als Höhepunkt seiner Laufbahn. Bei den Studenten hatte er besonderen Erfolg, weil er nicht wie üblich ein Lehrbuch vortrug, sondern seine eigenen Gedanken darlegte. Das brachte ihm Anerkennung und Widerspruch zugleich.

Beim sogenannten Atheismusstreit verlor er zum ersten Mal seine Stellung. Fichtes Ton in den öffentlichen Auseinandersetzungen wurde schärfer und polemischer. Mit Vorlesungen an verschiedenen Universitäten und Veröffentlichungen hielt er sich und seine Familie – er hatte einen Sohn – spärlich über Wasser. Im Oktober 1810 kehrte er nach Berlin zurück und wurde Dekan der philosophischen Fakultät, später sogar zweiter Rektor an der neu gegründeten Universität.

Doch sein Protest gegen die Unbill des studentischen Verbindungswesens kostete ihn erneut das Amt. Als 1813 der Krieg gegen Napoleon ausbrach, meldete er sich zum Landsturm. Seine Frau arbeitete als Lazarett-Pflegerin und erkrankte an einem Nervenfieber. Bei ihr steckte er sich wohl an. Seine Frau überlebte. Fichte starb mit 51 Jahren am 29. Januar 1814. Sein Sohn war der erste Herausgeber seiner Werke.

Fichtes Buch "Die Bestimmung des Menschen" enthält die Essenz seines philosophischen Denkens. Es hat drei Kapitel: "Zweifel", "Wissen", "Glauben". Stilistisch auffällig ist die Monolog- und Dialogform. Im ersten Kapitel endet der Monolog eines Ichs in einem Zustand der Zerrissenheit. Das Ich stellt fest, dass es ein notwendiger Teil der Natur ist und daher vollständig determiniert. Doch gegen diese Einsichten des Verstandes rebelliert das Herz. Im eigenen Erleben erscheint das Ich nicht als kausal bedingt, sondern als frei.

Im zweiten Kapitel, "Wissen", ruft Fichte einen "wunderbaren Geist" zur Hilfe, der das verzweifelte Ich in einen Dialog zwingt. Fichte lässt den Geist in deduktiven Schritten den Grundansatz der Wissenschaftslehre entwickeln. Er will den Streit zwischen dem Wunsch des Herzens nach Freiheit und der Sicht des Determinismus nicht durch einen bloßen Willensentschluss beenden. Er zielt darauf, zu zeigen, dass der Wunsch nach Freiheit gerade durch die Vernunft selbst erfüllt wird.

Fichte entwirft eine Theorie der Gegenstandserfahrung. Ziel ist es, das Prinzip des Wissens offenzulegen, ein Prinzip, das dem konkreten empirischen Bewusstsein vorausliegt und dieses Bewusstsein bestimmt. Fichte nennt es das transzendentale oder auch absolute Ich. Fichte begrenzt dieses Ich, damit es sich nicht verliert. Die Grenze aber, die das Ich als eine unbedingte anzuerkennen hat, ist das ihm gleiche Wesen, der Andere. Allein am Anderen gewinnt das Ich Halt. Wenn Unbedingtes Unbedingtes begrenzt, ist das die einzige Art der Grenze, die die Freiheit akzeptieren kann.

Die Bestimmung des Menschen ist nach Fichte die freie Einsicht in das ihm eigentlich Aufgegebene, seinen Zweck. Dieser Zweck ist nicht durch bloßes Wissen zu erkennen, sondern nur im Glauben zu gewinnen. Der Glaube als wirkliche Überzeugung vermittelt sich durch die aus dem Gewissen stammende Einsicht in das, was ich tun soll. Das Gewissen ist die Stimme, die den anderen nicht zum Produkt seiner Vorstellung degradiert, sondern fordert, den anderen frei anzuerkennen.

Fichte greift als Letztbegründung dieses dialogischen Prinzips auf das Argument zurück, dass die Wechselwirkung freier Wesen nicht ohne einen göttlichen "unendlichen Willen" erklärt werden kann. Am Schluss des Buches gleitet Fichte in eine hymnisch besungene, pantheisierende Religiosität: Alles ist belebt und beseelt, alles ist in sich verwandt, Gottes Leben fließt.

Die höchsten Einsichten in die Struktur des Wissens und die Konstitutionsbedingungen der Welt führen den Philosophen auf einen visionären Standpunkt, von dem er die Notwendigkeit einer Umgestaltung der gegebenen Welt einsieht. Dies hat Folgen für den, der diese Erkenntnis vollzieht. Er kann sich nicht damit begnügen, die Freude an der Einsicht zu genießen, sondern er ist gefordert, als dynamischer Teil der von ihm erkannten Vernunftordnung mitzuwirken. Fichtes Philosophie ist somit eine Philosophie der Tat.

Mit diesem Grundgerüst konzipierte Fichte weitere Theorien auf dem Gebiet der Staats-, Natur- und Rechtsphilosophie. Außerdem mischte er sich mit Vorlesungen in Kulturdebatten ein. Fichte ging es stets um die nachhaltige Wirkung seines Denkens. Eine seiner wirkungsvollsten und berühmtesten Schriften sind die "Reden an die deutsche Nation". Fichte entwarf so etwas wie die Idee einer Nationalerziehung, geschult an dem Denken des Pädagogen Pestalozzi und fußend auf der Freiheitsphilosophie seiner Wissenschaftslehre.

Für heutige Leser unangenehm zu lesen sind indes seine Ausführungen zum Nationalismus. Von einem kulturphilosophischen Standpunkt aus gesehen hält Fichte die Deutschen für besonders geeignet, in der Entwicklung selbstständiger Geister vorbildhaft zu sein. Das Vorbildhafte liegt für Fichte nicht im Rassischen oder in den historischen Umständen begründet, sondern in erster Linie in der Sprache. Das Deutsche allein sei im Gegensatz zu den anderen, "toten Sprachen" in der Lage, das Übersinnliche lebendig zu Erfassen und zu bezeichnen.

Fichte versteigt sich in krude Irrationalismen und zu so törichten Sätzen wie: Charakter haben und deutsch sein sei ohne Zweifel gleichbedeutend. Die von Fichte postulierte Einheit von Vernunft, Moralität und Weltlauf beeindruckt heute niemanden mehr. Aber als subtiler Denker des Ich-Prinzips bleibt er ein Autor von Rang.

Quelle: RP

 
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