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Fotos in gekauften Bilderrahmen
Der Katalog unserer Sehnsüchte

Düsseldorf. Die vorgefertigten Fotos in neu gekauften Bilderrahmen wirft man meist weg. Dabei lohnt es sich, sie genauer zu betrachten. Sie fügen sich zu einem Kanon an Glücksmomenten. Von Philipp Holstein

Ich kaufte Bilderrahmen für Urlaubsfotos, und im Laden merkte ich, dass viele Hersteller ihre Rahmen mit vorproduzierten Fotos ausliefern. Mir war das bisher nicht aufgefallen, ich kaufe nicht so oft Rahmen, und irgendwie hat es mich fasziniert. "Einleger" werden diese Bilder genannt, auf ihnen ist die Welt noch in Ordnung.

Die meisten Abbildungen lassen sich thematisch drei Kategorien zuordnen. Da ist zuerst das verliebte Paar, das Freizeitkleidung trägt und in die Ferne sieht, wo die Zukunft ist. Oft umarmen und halten sie einander. Manchmal hat das Paar einen Hund oder ein Kind, aber fast nie zwei Kinder. Wenn das Paar daheim gezeigt wird, sieht man den Räumen an, dass sie gut beheizt sind. Das Paar ist dann gern barfuß, und wenn es ein Sofa hat, sitzt das Paar nicht darauf, sondern hockt lieber auf dem Boden davor.

Der zweite Bereich ist Urlaub. Da werden dann entweder Inseln oder Großstädte gezeigt, Seychellen oder New York, Riffe oder Straßenschluchten. Manchmal halten sich Menschen in diesen exotischen Szenerien auf, gut aufgelegte Personen mit lustigen Accessoires wie Sektglas oder breitkrempigem Hut.

Das semi-erotische Frauenporträt

Der dritte Bereich ist das semi-erotische Frauenporträt, nicht selten in Schwarzweiß. Die Erotik ist mitunter reine Koketterie, etwa auf dem Bild, auf dem eine in fließenden Stoff gehüllte Dame Cello spielt und vieldeutig guckt. Man projiziert dann gleich, dass sie sicher nicht die h-Moll-Messe übt, sondern wohl eher den "Bolero".

Ich habe mir diese Fotos, die man ja eigentlich sofort aus den Rahmen nimmt und wegwirft, lange angesehen. Sie haben mich berührt. Weil sie auf einfachste Weise Gemeinschaft herstellen. Jeder wird ja gerne gehalten und geborgen, alle mögen Urlaub, und Erotik ist unter den Menschen auch sehr populär. Man könnte sagen, diese Bilder sind ein Katalog unserer Sehnsüchte, die stark popularisierte und verallgemeinerte Version unseres Wertekanons, eine Reprise individueller Glücksvorstellung. Die Gesichter, die da aus anderen Leben herüberschauen, sind unbekannt, zugleich aber verwandt.

Die Bilderrahmen werden zu Bühnenbildern ohne Text

Die Menschen auf den Bildern sind natürlich Models, Darsteller lediglich, aber ich merkte, wie ich ihnen unwillkürlich eine Geschichte zuschrieb. Schönheit im Unscheinbaren. Die Bilderrahmen wurden zu Bühnenbildern ohne Text. Sie setzten ein Andenken in Gang, das gerade deshalb an Tiefe gewann, weil es anonymisiert arbeitet. Ich erinnerte mich an ähnliche Erlebnisse aus meinem Leben. So ist das wohl: Jedes Bild erinnert uns an früher gesehene Bilder. Jedes Bild trägt also seine eigene Überblendung mit anderen Bildern in sich. Der Fotokünstler Walker Evans hat mal gesagt, dass Fotografie immer auch Literatur sei. Hier reicht es immerhin zu sentimentalen Stenogrammen.

Auch jeder Rahmen hat einen Namen

Ich wollte wissen, nach welchen Prinzipien man die Bilder eigentlich auswählt, und ich rief bei der Firma Hama an. Eine sehr nette Dame erklärte mir die Wahl der Motive so: "Man umgibt sich am liebsten mit Bildern, die angenehme Erinnerungen und Emotionen hervorrufen." Und weiter: "Die Auswahl unserer Einleger unterliegt ähnlichen Kriterien, richtet sich aber auch nach Stil und Aussehen der Rahmen selbst. Unser Produktmanagement wählt gemeinsam mit unseren Designern und Marketingexperten entsprechende Motive aus." Jeder Rahmen, das lernte ich bei der Gelegenheit, hat einen Namen, der gut zu ihm passt. Zum Beispiel "Bahia", "Alessandra" oder "Giulia".

Man kennt das aus dem Museum, dass man sich in Bilder versenkt. Aber warum funktioniert es auch bei dieser Nicht-Kunst? Der Schriftsteller Wilhelm Genazino hat mal eine Reihe von Vorlesungen über die Poesie des Alltäglichen gehalten. Er sagte da, dass der poetische Effekt immer dann eintrete, wenn dem Betrachter der Zusammenhang zwischen Poesie, Zufall und Individuation ins Bewusstsein tritt. "Das Poetische ist der Gewinn einer Anschauung von etwas, das gleichzeitig als wertlos hätte übersehen werden können." Genazino nennt das "ungeplantes Verweilen" und "Stehenbleiben ohne durchschlagenden Grund": "Wo zuvor nichts war, bildet sich die Anmutung eines privaten Verstricktseins." Max Weber prägte dafür einst den Begriff "Kulturbedeutsamkeit".

Die Poesie des Alltäglichen

Ich dachte, dass man mal einen Roman schreiben müsste, in dem ein Rahmenkäufer sich in das Modell auf einem der Einlegerfotos verliebt. Dann erfuhr ich, dass es so etwas Ähnliches bereits gibt. In dem Film "Umständlich verliebt" mit Jennifer Aniston kommt nämlich ein vaterloser Junge vor, der die vorgefertigten Rahmen-Fotos sammelt und sich daraus eine vollständige Familie zusammenbastelt. Und der Autor William Boyd breitet in seinem Roman "Die Fotografin" die Biografie der fiktiven Fotografin Amory Clay aus. Um Glaubwürdigkeit herzustellen, hat Boyd auf dem Flohmarkt Fotos gekauft, die wildfremde Menschen zeigen, zumeist verschwommen. Sie unterbrechen den Romantext, wirken wie Belege. Das Prinzip ist dasselbe: Diese Bilder spielen mit der Illusion von Authentizität und Zeugenschaft und verwirklichen sie zugleich.

Die Einleger in Bilderrahmen sind Denkmale, kleine Memorials vielleicht, die illustrieren, wie ähnlich wir einander sind und immer waren. Die Leute darauf bilden eine Geisterkompanie an Stellvertretern. Sie beschwören Geschichten herauf, fragen nach dem, was man selbst unter Glück versteht. Die Antwort auf diese Frage sind dann die eigenen individuellen Bilder, gegen die man die Einleger austauscht.

Rahmen kaufen kann ganz schön aufreibend sein.

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