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Interview mit Star-Autor: Franzen blickt zu Kafka auf

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 14.03.2007 - 17:58

US-Bestsellerautor Jonathan Franzen hat ein neues Buch geschrieben. Keinen Roman, sondern ein Buch über sich selbst. Es heißt „Die Unruhezone“ und erzählt unter anderem von den Jugendjahren des Schriftstellers. Wichtige Begleiter sind ihm die Peanuts.

Buchautor Jonathan Franzen  Foto: ddp
Buchautor Jonathan Franzen Foto: ddp

Ist Ihr neues Buch nun eine Autobiografie oder nicht?

Franzen Na ja, jede Autobiografie beginnt wohl damit, dass man erzählt, wo man geboren ist, wo die Eltern geboren sind und so weiter. Dazu gehören einfach ganz viele Fakten und Informationen über ein mehr oder weniger vollständiges Leben. Und ich habe nur sechs Kapitel geschrieben - in der Absicht, meine Geschichte wie ein Cartoon zu entwerfen, wie einen Comic.

Die Art der Mutter in Ihrem neuen Buch scheint man aus früheren Romanen - etwa „Die Korrekturen“ - bereits zu kennen, ebenso den Vater. Ist Ihre Familie stets das Zentrum Ihres Schreibens?

Franzen Ich denke nicht in diesen Begriffen. Zum Schreiben muss ich immer in irgendetwas verliebt, von etwas gefesselt sein. Und der Beginn meines Schreibens wird dann begleitet von der Frustration, dass ich diesen Gegenstand der Liebe wohl nicht erreichen kann.

Aber es liest sich, als sei die Familie enorm wichtig.

Franzen Meine Familie ist ja der Erzählstoff, der für mich direkt greifbar ist. Meine Eltern sind so reiche und natürlich auch komplizierte Charaktere - sie sind praktisch unerschöpflich, um mit ihnen meine fiktiven Figuren zu gestalten. Wie gesagt, meine Familie ist nie der Ausgangspunkt meines Schreibens, aber sie sind die Luft, die ich atme, und sie sind das Wasser, in dem ich als Erzähler schwimme.

Die Comic-Figuren der Peanuts spielen in Ihrem neuen Buch eine ziemlich große Rolle. Spiegelt sich darin auch die Struktur Ihres eigenen Erzählens wider, indem immer wiederkehrende Figuren neuen Situationen ausgesetzt werden?

Franzen Ja, vielleicht - inklusive der Tatsache, dass niemand in all den Jahren wirklich älter wird. Außerdem lernen sie fast nichts aus ihren Erfahrungen.

Ihre bisherigen Romane sind ziemlich lang. Und jetzt, da Sie über sich erzählen, reichen plötzlich 250 Seiten aus.

Franzen Ich schreibe einfach länger, wenn ich Geschichten erfinden kann. Aber auf der Suche nach spannenden und brauchbaren Geschichten aus meiner eigenen Vergangenheit bin ich schnell an Grenzen gestoßen. In meinem neuen Buch, „Die Unruhezone“, habe ich - das können Sie mir glauben - wirklich die besten Geschichten meines Lebens erzählt, und auch die habe ich schon bis aufs Äußerste gedehnt. Das ist eben das Problem, wenn man keine Fiktion schreibt und nicht auf fremdes Material zurückgreifen kann. Bei den „Korrekturen“ wusste ich von Anfang an, dass der Roman sehr dick würde. Aber ich kann wirklich nicht über viele hundert Seiten über einen Charakter schreiben.

Wie war denn die literarische Begegnung mit sich und der eigenen Vergangenheit?

Franzen Das Buch fühlt sich für mich wie die Geschichte einer fremden Person an. Die sieht aus wie ich, ähnelt meinem Charakter und heißt wie ich. Aber dann habe ich das Gefühl, dass diese Person eine ziemliche Comic-Version von mir ist.

Haben Sie eine Ahnung, woher das kommt?

Franzen Die Welt ist - auch weil wir viel von ihr wissen - so kompliziert geworden. Und es ist eine hoffnungslose Aufgabe, dieses komplexe Gebilde auch nur halbwegs darstellen zu können. Das Einzige, was bleibt, ist, die Welt so zu zeigen, wie sie sich in den einzelnen Menschen widerspiegelt.

Sie haben deutsche Literatur studiert. Gibt es einen deutschsprachigen Autor, der Ihr Schreiben maßgeblich beeinflusst?

Franzen In meinem Roman „Die 27ste Stadt“ finden Sie ganz viel Karl Kraus. Und Franz Kafka taucht praktisch überall bei mir auf. Früher habe ich einmal versucht, Thomas Mann zu imitieren, aber wie groß der Einfluss war, weiß ich nicht. Ich musste nämlich erst älter werden, um das Große an ihm erkennen zu können; und ich habe erfahren, was das Wort „Dichter“ meint: das radikale Streben nach Romantik. Diese Autoren haben mir geholfen, die Welt besser zu verstehen.

Im Buch outen Sie sich als leidenschaftlicher Vogelbeobachter. Warum machen Sie das?

Franzen Warum fragen Sie das?

Weil ich mir denken könnte, dass dies vielleicht Ihr Verhältnis zur Natur verändert hat.

Franzen Eine schwierige Sache. Mich faszinieren die verschiedenen Persönlichkeiten der Vogelarten. Sie alle sind sehr unterschiedlich. Es macht Spaß, sie zu beobachten, wie sie wirklich sind. Wir haben in Amerika 650 verschiedene Vogelarten - und das sind 650 verschiedene Comic-Charaktere. Glauben Sie mir, Vögel sind wirklich wie Cartoons. Manchmal sind mir die Vögel näher als Menschen oder andere, kompliziertere Tiere. Der Kontakt zu Vögeln ist dagegen viel einfacher. Man kann sich durch die Vogelbeobachtung leichter mit der Natur identifizieren.

Das aktuelle Buch von Franzen: "Die Unruhezone. Eine Geschichte von mir.", Rowohlt, 19,90 Euro


 
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