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Philisophen (12): Gadamer – Ergründer des Verstehens

VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 11.01.2010 - 15:23

Düsseldorf (RP). Was geschieht, wenn wir einen Text begreifen? Darüber hat sich der Heidelberger Philosoph Hans-Georg Gadamer Gedanken gemacht und den Verstehensprozess als "hermeneutischen Zirkel" beschrieben. Angewandt hat er sein Denken auch: Berühmt ist etwa seine Interpretation von Paul-Celan-Gedichten.

Wer sich schon einmal durch einen schwierigen Text gekämpft hat, kennt diese Erfahrung: Plötzlich erschließt sich der Sinn, fügen sich die Einzelteile, geht dem Leser ein Licht auf. Was uns ergreift, wenn wir begreifen, danach hat der Philosoph Hans-Georg Gadamer gefragt. Er gilt als wichtigster Vertreter der philosophischen Hermeneutik – der Wissenschaft vom Verstehen des Verstehens.

Gadamer hat sich nicht nur mit der Interpretation von Texten beschäftigt, sondern etwa auch mit der Deutung von Kunstwerken, Lyrik oder Musik. So hat er das Verstehen zu einer universalen Bewegung des Daseins erhoben, zu etwas, das den Menschen ausmacht.

1960 erscheint sein Hauptwerk "Wahrheit und Methode", in dem Gadamer unter anderem den Verstehensprozess beschreibt als eine Erkenntnisbewegung, in deren Zuge ein Mensch Verständnisentwürfe entwickelt, die sich sinnvoll in ein Ganzes fügen. Diese Entwürfe sind aber immer nur so lange gültig, bis neue Informationen neue Entwürfe nötig machen, die noch besser in den Verstehenskontext passen.

Dieser als "hermeneutischer Zirkel" berühmt gewordene Prozess ist also kein logischer Kurzschluss, wie das Wort Zirkel nahelegen könnte, sondern eher eine Spiralbewegung, durch die sich der Mensch in seinem Verstehen voranarbeitet. Nach Gadamer hat Verstehen also etwas mit Einklang, mit Übereinstimmung zu tun. Die deutsche Sprache verrät das, wenn man sagt, eine Deutung "stimme" – sie ist stimmig zu allem anderen, was wir über einen Gegenstand schon wissen.

Anders als andere Philosophen der Hermeneutik vor ihm, Schleiermacher etwa oder Dilthey, versteht Gadamer den hermeneutischen Zirkel allerdings nicht als Technik oder Methode, die man anwenden könnte wie ein Werkzeug. Vielmehr betont Gadamer, dass der Mensch selbst Teil des hermeneutischen Zirkels ist, dass seine Persönlichkeit in den Verstehensprozess einfließt, weil er tief in der Deutungsgeschichte steht, stets mit bestimmten Erwartungen und Vorurteilen an einen Gegenstand herantritt.

Und so schreibt Gadamer über sein Hauptwerk "Wahrheit und Methode": "Der Sinn meiner Untersuchung ist nicht, eine allgemeine Theorie der Interpretation und eine Differenziallehre ihrer Methoden zu geben, sondern das allen Verstehensweisen Gemeinsame aufzusuchen, um zu zeigen, dass Verstehen niemals ein subjektives Verhalten zu einem gegebenen Gegenstande ist, sondern zur Wirkungsgeschichte, und das heißt: zum Sein dessen gehört, was verstanden wird."

Gadamer, der 1900 als Sohn eines Chemieprofessors in Marburg geboren wurde und in Breslau aufwuchs, wendet sich damit gegen eine Tendenz der Geisteswissenschaft, die das Jahrhundert vor seiner Geburt bestimmte. Damals versuchten zum Beispiel Historiker, aus ihrer Disziplin eine exakte Wissenschaft zu machen. Durch Faktenanhäufung wollten sie zu einem möglichst objektiven Verständnis der Geschichte gelangen.

Der Forscher sollte sich möglichst genau in die Vergangenheit einfühlen, seine Persönlichkeit im Gegenstand auslöschen. So wollte man, wie es etwa der preußische Historiker Leopold von Ranke formulierte, "zeigen, wie es eigentlich gewesen ist".

Gadamer hält das für unmöglich. Im Anschluss an seinen Lehrer Martin Heidegger betont er die radikale Geschichtlichkeit jedes Verstehens. Für ihn ist der eigene Standpunkt niemals auszulöschen, sondern er bestimmt, wie wir verstehen. Gadamer schreibt: "In Wahrheit gehört die Geschichte nicht uns, sondern wir gehören ihr. Die Selbstbesinnung des Individuums ist nur ein Flackern im geschlossenen Stromkreis des geschichtlichen Lebens."

Allerdings hält Gadamer die Tradition nicht nur für unentrinnbar, er hält sie darüber hinaus für vernünftig. Er glaubt, dass in allem Überlieferten etwas Wahres liege, gerade weil es die Zeit überdauern konnte. Gadamer geht so weit, von der "namenlos gewordenen Autorität" der Tradition zu sprechen. Außerdem hält er seine These von der Relativität allen Verstehens selbst für absolut gültig. Die Erkenntnis, dass jede Deutung geschichtlich gebunden ist, will er also selbst der Geschichte entheben, sie soll überzeitlich gelten.

Natürlich hat das Kritiker hervorgerufen. Der schärfste ist Jürgen Habermas, mit dem Gadamer ab 1967 eine Jahre anhaltende Debatte führte. Habermas zielte auf die Ideologieanfälligkeit der philosophischen Hermeneutik, indem er etwa darauf hinwies, dass sich Gadamers Verstehensentwürfe auch in einen verblendeten Zusammenhang einfügen können. Schließlich trifft Gadamer gerade keine Aussage darüber, wie wahre und falsche Deutung, gute und schlechte Tradition voneinander zu unterscheiden wären. Habermas hielt seinem Kollegen die eigene Theorie vom herrschaftsfreien Diskurs entgegen, eine Sprechstrategie, die wahre Aussagen zu Tage fördern und Menschen vor Ideologien schützen soll.

Auch über die Haltung Gadamers während der Nazi-Zeit ist gestritten worden. Er war Schüler Heideggers, habilitierte sich 1929 bei ihm und fühlte sich eine Zeit lang so erdrückt von der geistigen Überlegenheit seines Lehrers, dass er an das bereits mit Promotion abgeschlossene Studium der Philosophie noch ein Studium der klassischen Philologie anschloss. Er wollte ein Terrain gewinnen, in dem er Heidegger überlegen war. Mit seinen Studien zum Verstehen fand Gadamer dieses Terrain und trat aus dem Schatten seines Lehrers.

Anders als Heidegger hat er auch nicht mit den Nazis sympathisiert. Doch stellte er sich auch nicht gegen sie. Mehr noch: Seine Karriere begann er 1934 als Vertretungsprofessor in Kiel – an Stelle seines jüdischen Kollegen Richard Kroner, der vor den Nazis fliehen musste. Auch als er 1937 einem Ruf an die Universität Marburg folgte, ersetzte er dort einen jüdischen Kollegen. 1939 wurde Gadamer Direktor des Philosophischen Instituts in Leipzig, 1947 wechselte er nach Frankfurt. In jenen Jahren widmete er sich vor allem Studien zur unverdächtigen Antike.

Nach dem Krieg wurde Gadamer in der Nachfolge des Philosophen Karl Jaspers Professor an der Universität Heidelberg, wo er bis zu seiner Emeritierung 1968 blieb. Danach setzte er sich keineswegs zur Ruhe, sondern begann eine rege Reisetätigkeit, lehrte noch bis 1985 jedes Jahr in Nordamerika und bezog auch in Deutschland immer wieder öffentlich Stellung zu aktuellen Fragen. Etwa noch zum Anschlag am 11. September 2001 auf das World Trade Center. Sein Leben hat mehr als ein Jahrhundert überspannt: Mit 102 Jahren ist Gadamer 2002 in Heidelberg gestorben.

Geblieben ist von Gadamer neben seinen Einsichten in die Bewegung des Verstehens die ästhetische Anwendung dieser Erkenntnisse. Er hat Kunst und Literatur interpretiert, berühmt ist etwa seine Deutung der Gedichtfolge "Atemkristall" von Paul Celan. Kafkas Romane, so meinte er, enthielten mehr Wahrheit über das Leben in der Moderne als jede wissenschaftliche Abhandlung.

Außerdem haben seine Gedanken zur Sprache der Linguistik viele Anregungen gegeben. Gadamer sah in Sprache die "Inkarnation des Denkens", hielt Denken und Sprechen also für untrennbar und Sprache damit für "das Allerdunkelste, was es für das menschliche Nachdenken gibt". Selbst das Unaussprechliche ist für Gadamer auf Sprache angewiesen – wenn uns die Worte fehlen, ringen wir doch schmerzlich nach ihnen.

Trotzdem bleibe Sprache immer hinter dem zurück, was zu sagen wäre, schreibt der Philosoph. Zwar sehne sich dieses innere Mehr an Meinen danach, Wort zu werden, aber das Meinen bleibe dem Sprechen immer voraus. Da rührt Gadamer an Absolutes, hat er doch gezeigt, dass die Grenze der Sprache so unüberwindlich ist wie der Tod.

Quelle: RP

 
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