Trilogie "Grimms Wörter": Grass und die Brüder Grimm
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 18.08.2010 - 07:24(RP). Nach "Das Häuten der Zwiebel" und "Die Box" ist dies nun der erklärte Abschluss seiner autobiografischen Trilogie: "Grimms Wörter" von Günter Grass ist die Liebeserklärung an die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm und die deutsche Sprache.
Das Werk soll und möchte keine Kleinigkeit sein. So ist auch der Aufwand: Gesetzt in klassischer, von Giabattista Bodoni (1740–1813) entworfener Antiqua-Schrift, produziert auf 115-Gramm-Papier von Schleipen, gedruckt auf der geschätzten wie bewährten "Roland 700" des Steidl-Verlags, gebunden schließlich in der Kunst- und Verlagsbuchbinderei zu Leipzig.
Grass mag so etwas. Denn für ihn, den bildhauenden wie malenden Literaturnobelpreisträger sind Bücher stets etwas Sinnliches. Und wenn es um das Buch der Bücher in deutscher Sprache geht, um das Wörterbuch der Grimmschen Märchenbrüder, ist solcher Aufwand erste Pflicht. Aber noch ein weiterer Umstand gebietet diese Sorgfalt: Mit "Grimms Wörter" schließt Grass seine autobiografische Trilogie ab: "Beim Häuten der Zwiebel" machte mit dem Geständnis, als 17-Jähriger SS-Mitglied gewesen zu sein, den Anfang; es folgte ein familieninterner Bericht mit "Die Box" – und nun geht es um Worte, nichts als Worte, die Jacob (1785–1863) und Wilhelm (1786–1859) Grimm so akribisch sammelten und in die auch Grass vernarrt ist. "Wortschnüffler" sind alle drei. Doch bittet der 82-jährige gebürtige Danziger die Sprache gerne auch zum politischen Einsatz – und leider ist davon im dritten Band penetrant die Rede.
Das ist auch das Problem von "Grimms Wörter": Grass erzählt zwei Geschichten – die der Brüder Grimm und ihrer philologischen Arbeit am legendären Deutschen Wörterbuch und seine eigene. Und wir ahnen als Leser schrecklich schnell, dass diese Dopplung nicht aus Jux und Dollerei geschieht, sondern weil der Autor hinreichende Gemeinsamkeiten ausgemacht zu haben glaubt. Und an diesem Punkt wird so manche Episode prekär und gerät in historische Schieflage.
Als etwa Jacob Grimm 1848 Mitglied der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche wird, muss Grass geradezu zwanghaft seine eigene Erfahrung von dieser Stätte kundtun. 1997 war das, als er die Laudatio auf Friedenspreisträger Yasar Kemal hielt und darin deutsche Waffenlieferungen an die Türkei geißelte. Die anwesende Elite, so erinnert sich Grass, sei vor Empörung starr gewesen; und er schreckt mit seiner Expertise der vorderen Publikumsreihen nicht davor zurück, Klischees vom "Nadelstreifentuch" und von "fetten Klunkern" zu bedienen.
Auch in Eidesfragen scheint man gleiche Erfahrungen gemacht zu haben. Während aber die beiden Grimmschen Brüder 1837 in der Gruppe der "Göttinger Sieben" gegen die Aufhebung der Verfassung durch den Fürsten protestierten (und deshalb ihre Professorenämter verloren), erinnert sich Grass an einen feierlichen Schwur zu Kriegsende, der ihn erst zum Mitglied der Waffen-SS machte und ihm hernach die Einsicht bescherte, "nie wieder" einen Eid leisten zu wollen. Da wird aus dem Leben der Grimms viel zu viel dienstbar gemacht, um das eigene Agieren in politisch bewegten Zeiten – namentlich für Willy Brandt und dessen Es-Pe-De zu deuten.
So geht das hin und her; eine Erinnerung jagt die andere. Grass hat wieder einmal viel recherchiert, und das meiste will er auch loswerden. Ein Parforce-Ritt durch die Jahrhunderte, wobei es oft durch schweres sprachliches Geläuf geht. Weil Grass viele seiner Assoziationen an den Stichworten des großen Wörterbuchs entzünden lässt, werden Sätze auf unfreundliche Weise widerborstig. Das klingt dann manchmal so: "Sogleich bohrt die Frage, soll er die Vokale und deren Wohllaut ganz für sich beanspruchen, etwa aufs I kommen und irr, irrend, die Irre, den Irrsinn, Irrwitz, Irrweg, den Irrglauben lichten oder nochmal zum Buchstaben A zurück und ihn mit Abendrot und Abendruh feiern, oder soll jetzt schon dem E nachgegangen werden, zumal er auf der Eisesglätte des Flusses Fulda dahingleitet und vom Eis und von eisig zum jüngst geborenen Wort Eisenbahn findet . . ." – so geht das noch eine Zeitlang weiter.
Und als das Werk fast vollbracht ist und wir von der lebenslangen Mühsal der Grimms und dem Kraftakt des Grass'schen Schreibens genügend unterrichtet wurden, da trifft es den Leser fast unverhofft. Ein paar persönlichen Seiten nur eines 82-Jährigen, dem die Zeit knapp wird; den zunehmende Schwerhörigkeit vereinzelt. "Wir genießen die uns zuwachsende Stille, sind Selbstunterhalter, ahnen jedoch, was beiläufig tickt und tickt." Grass trifft Vorkehrungen, zieht Bilanz – wie er schreibt – und räumt auf. Alles bewegende Seiten, große, selbstgewisse Prosa, die auch davon ganz ohne Scheu berichtet, dass gerade "das wahrscheinlich letzte Buch für den Druck fertig" gemacht wird. Und für den letzten ungeladenen, gleichwohl unumgänglichen Gast bleibt die Bitte: "Mach es kurz und schmerzlos." Wir spüren in diesen Passagen, was wir lieber gelesen hätten.
Zum Ende hin setzt Grass die beiden Grimms in einen alten, verrosteten Kübelwagen der Wehrmacht mitten im geliebten Tiergarten. Mörtelstaub überall. Das ist natürlich der Staub deutscher Geschichte, der auch jenes Wörterbuch bedeckt, das über 120 Jahre brauchte, bis es fertig wurde, und das schließlich 32-bändig 1961 als gesamtdeutsches Monument seinen Abschluss fand. Unter diesem Staub ist auch der große Traum von Grass verschüttet, der sich nach dem Mauerfall keine Einheit, sondern eine Konföderation wünschte, und der im wahrsten Sinne des Wortes grimmig hoffte, dass auf deutschem Boden eine Kulturnation zum Leben erwachen könnte.
Am Ende schweigen die Grimms; am Ende weiß auch der Erzähler "nichts mehr zu sagen". "Grimms Wörter" ist eine Liebeserklärung, die viel riskiert, sogar den bitteren Ausgang.
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