| 06.21 Uhr

Serie: Junge Künstler Im Rheinland (4)
Große Kunst in Negativen

Das sind die Arbeiten von Sebastian Riemer
Das sind die Arbeiten von Sebastian Riemer FOTO: Sebastian Riemer
Düsseldorf . Der Düsseldorfer Sebastian Riemer verändert Bilder berühmter Künstler so, dass sie dem Betrachter bekannt vorkommen und zugleich etwas Unerwartetes bieten. Wichtig ist ihm, dass seine Fotografien keine Botschaft vermitteln. Von Bertram Müller

Sebastian Riemer kann aus allem etwas machen. Gleichgültig, ob er auf einem Trödelmarkt eine sepiafarbene Fotografie erstanden hat und sie schwarz-weiß ins Großformat setzt oder eine Reproduktion des wandfüllenden Gemäldes von Jackson Pollock aus der Kunstsammlung NRW verfremdet - perfekt ist jedes Stück, das sein Atelier verlässt. Als Meisterschüler von Thomas Ruff hat er an der Düsseldorfer Akademie auch verinnerlicht, dass die Handschrift des Fotografiekünstlers vor dem fertigen Bild liegt: im Prozess, der dorthin führt.

Riemers Akademiebrief, sein Abschluss, ist nun bereits fünf Jahre alt. Erst seit einem Jahr aber konzentriert der Künstler sich ganz auf seine Kunst. Zuvor hatte er sich finanziell mit kunstnahen Jobs über Wasser gehalten: als Reprograf für Maler, als Führer in der Kunstsammlung NRW oder als Betreuer einer ministerialen Sammlung. Schon seit 2004 präsentiert er seine Werke in Ausstellungen. In Düsseldorf lässt er sich von Setareh vertreten, in Paris von der Galerie Dix9.

Wir treffen Riemer in seinem Atelier zu einem Zeitpunkt, da einige der Bilder an der Wand hängen, die anschließend im Essener Kunstraum "Baustelle Schaustelle" zu sehen sein werden. Man glaubt, die Motive zu kennen und ist doch verstört. Denn sie sind durch einen Kunstgriff verfremdet: Riemer hat sie fotografisch ins Negativ verkehrt. Die Marionettenmenschen von Oskar Schlemmer scheinen also in anderen Farben auf. In den Schwarzweiß-Bildern ist hell, was im Original dunkel ist, und umgekehrt. Ein gewendeter Kandinsky sieht dann Riemer zufolge aus "wie eine Eisdiele aus den 80ern". Der Pollock aus der Kunstsammlung NRW, den er in diesem Jahr im "Parkhaus" des Düsseldorfer Malkastens zeigte, bekommt als Negativ ebenfalls eine andere Gestalt. Auch Caspar David Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer" wirkt in seiner Bekanntheit seltsam fremd.

Die Idee zu solcher Veränderung kam dem Künstler in Moskau, als er vor Malewitschs berühmtem "Schwarzen Quadrat" stand. Was wäre, wenn man das umdreht, fragte er sich. Und was ist, wenn das Unerwartete womöglich als richtig erscheint? Was Riemer beim Betrachter bewirken will, ist dies: Er kommt mit seinem "mind palace", seiner Seele und seinem Geist, und erblickt etwas anderes als das, was ihn die Erfahrung lehrt. Was ist das Authentische in einer Zeit zunehmender Unsicherheit, in der man das meiste lediglich durch mediale Vermittlung kennt? Daran sollen die Betrachter denken, wenn sie den üblicherweise hellen Schlemmer auf einmal als düsteres Trauerbild erleben. Botschaften sind in diesen Bildern nicht enthalten.

Im Falle der Negativbilder hat Riemer in Serie gearbeitet, doch im Prinzip ist das nicht seine Arbeitsweise: "Für mich ist es nichts, ein Thema zu finden und das dann durchzunudeln." Die Wände seines Ateliers zeugen denn auch davon, dass er zwar Serien herstellt, aber auch wieder neue Wege betritt. Riemer hat mit Hilfe seines Smartphones und eines einfachen optischen Geräts vergilbte Porträts fotografiert und daraus Polaroids gemacht. Ja, so etwas gibt es noch - dank eines niederländischen Unternehmens. Da reihen sich nun diese im 21. Jahrhundert entstandenen Polaroids von Menschen aneinander, die längst tot sind - erneut eine Irritation, wie Riemer beabsichtigt, diesmal durch die zeitliche Dimension eine doppelte.

"Ein Teil meiner Arbeit ist die Maßstabverschiebung", sagt Riemer. Das gilt auch für diejenigen seiner Fotografien, die aus Pressefotos der 20er bis 50er Jahre hervorgegangen sind. Damals wurden Zeitungsfotos durch maltechnische Eingriffe nachbearbeitet, ähnlich wie im digitalen Zeitalter durch Programme wie Photoshop. Fotos wurden auf diese Weise "nachgeschärft", teilweise auch in ihren Motiven verändert. Unter Riemers Händen entsteht daraus erneut etwas anderes.

"Die Dinge müssen hundertprozentig sitzen", sagt er. Und das tun sie. Das Kunstmuseum Bonn und das Museum Kunstpalast in Düsseldorf haben bereits Arbeiten von ihm erworben, und Galerien scheinen seine Kunst aus der Spanne zwischen 200 und 25.000 Euro gut zu verkaufen. Angefangen hatte er vor dem Studium denkbar bescheiden: "Ich hatte Fotos gemacht und zu ,dm' gebracht."

Quelle: RP
 
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