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Autobiografie fortgesetzt: Günter Grass spricht sich frei

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 25.08.2008 - 16:30

Düsseldorf (RPO). Nach der Waffen-SS- nun die Familien-Reinwaschung: Der 80-jährige Literaturnobelpreisträger hat seine Autobiografie fortgesetzt. In „Die Box“ erfindet Grass Berichte seiner acht Kinder, wie sie ihn als Familienvater wahrgenommen haben.

In "Die Box" setzt Günter Grass seine Autobiografie fort.  Foto: AFP, AFP
In "Die Box" setzt Günter Grass seine Autobiografie fort. Foto: AFP, AFP

Es war einmal ein Schriftsteller, der schrieb über seine Jugend und seine Ausbildung bis zur Zeit seines ersten Romans 1959, der „Blechtrommel“ hieß. Und weil seine Jugend in eine Zeit des Krieges fiel, musste der Schriftsteller sehr spät auch seine Schuld aus Jugendjahren bekennen: Das war seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS.

Es war einmal ein Schriftsteller, der anschließend auch von seinen vier Frauen und seinen acht Kindern erzählen wollte. Aber weil es ein Buch über ihn werden sollte, ließ er seine Kinder fiktiv über den berühmten Papa erzählen, der Reihe nach, Kapitel für Kapitel. So entstand „Die Box“ von Günter Grass, die eine Art Fortsetzung seiner Autobiografie und jetzt im Handel ist.

Fortsetzung der Autobiografie

Schwer zu sagen, was diese 200 Seiten des 80-jährigen Literaturnobelpreisträgers genau sind. Ein Roman jedenfalls nicht, eine echte Autobiografie kaum, und Grass selbst wird mit der ihm eigenen diebischen Freude auf das ganz neue Genre der „Dunkelkammergeschichten“ verweisen. Ein Begriff, der dem Autor als Untertitel zur Hand war und auf Maria Rama verweist, ein gute, alte, 1997 verstorbene Freundin, die das Leben des Autors samt Familie mit ihrer asbach-alten Agfa-Box Nr. 54 über viele Jahre dokumentiert hatte.

Typisch Grass: Die Box hatte im Weltkrieg Nummer zwei Schaden genommen und tickt seither nicht richtig. Zeigt manchmal Traum-, Gedanken- und Zukunftsbilder, die der Erinnerung ungeahnte Seitenwege eröffnen. „Wünschdirwasbox“ wird die Apparatur darum manchmal in der Familie genannt. „Die Box“ ist also die Fortsetzung der Autobiografie mit anderen Mitteln und - in anderen Stimmen.

Denn Günter Grass tut so, als erzählten nun seine Kinder vom „Alten“, in unterschiedlichen Besetzungen und an unterschiedlichen Orten. Manchmal wollen sie nicht, heißt es, manchmal haben sie sogar das Gefühl, vom Phantasie-süchtigen Papa einfach nur erfunden worden zu sein. Irgendwann sind sie es auch nur leid und resignieren: „Lasst doch den Alten“, lesen wir.

Aber: Die von Grass beschriebenen Kinder bekommen nie eine echte Individualität. Alle erzählen in gleicher Tonlage und Klangfarbe und im selben Tempo. Es ist der gewohnte, ein wenig gedämpfte Grass-Sound. Und die wenigen Stellen, an denen er junge Sprache etwa mit dem „waghalsigen“ Wort geil zu imitieren versucht, sind peinlich. Die Kinder als Erzähler über den Patriarchen bleiben stets Geschöpfe des Patriarchen. Und das er einer war und ist, steht auf jeder zweiten Seite. Nein, ein „Spielpapa“ war er nie, heißt es, war eben oft auf Reisen, im Dienste der Literatur etwa oder auf Wahlkampf für die „Espede“ oder auf den Spuren neuer Lieben. Na ja, viel ist daheim auch zu Bruch gegangen.

Grass schreibt sich aus den Blickwinkeln seiner Kinder den Kummer von der Seele - im wahrsten Sinne des Wortes. Also möglichst weit weg. Aber darf man sich darüber überhaupt mokieren, geistert es irgendwann dem Leser durchs Hirn. Ist doch alles Privates, Persönliches, Intimes! Was kann man, was darf man denn überhaupt entgegnen, wenn einer so bereitwillig sein Herz ausschüttet und sein privates Leben zur allgemeinen Beschau darbietet? Aber genau das ist es: Die Veröffentlichung schreit nach Wahrnehmung und fordert gleichzeitig Dezenz. Doch indem wir als Leser Zeugen seiner vermeintlichen Lebensbeichte als Vater werden, sind wir berechtigt, darüber unsere Meinung zu äußern.

"Die Box" macht einen zunehmend ratlos.

„Die Box“ macht einen zunehmend ratlos. Wen eigentlich interessieren die Alltags- und Privatgeschichten aus dem Hause Grass und das dauernde Zitieren der eigenen Werke von „Hundejahre“ bis „Ein weites Feld“ - eine fast schon manische „Intertextualität“, an der allenfalls spätere Germanistik-Oberseminare ihre helle Freude haben werden. Viel literarischer Aufwand, der nur ein Ziel im Auge hat: den Freispruch nach der vermeintlichen Selbstanklage.

Aus dem gespielten Tribunal der Kinder - Obacht: der nachfolgenden Generation also - trieft es letztlich vor Selbstgerechtigkeit. Alles ist nur Schein, die Klagen wie die Anklagen, die Ehrlichkeit, die Offenheit und Selbstlosigkeit. Denn immer ist es Grass, der die Fäden souverän in seinen Händen hält, der seine Kinder zur Wortmeldung bittet und sie damit zu Marionetten macht; sie werden erbarmungslos in den Dienst des Alten gestellt.

Missbrauch von allem Märchenhaften

Was schon mit der verzagten und viel zu späten „Bekanntmachung“ zur Mitgliedschaft in der Waffen-SS zu funktionieren schien, wird nun auch auf das Private übertragen. Und wenn dann die Schelte zu arg oder zu lästig zu werden droht, kann man ja immer noch sagen: Ätsch, ätsch, vielleicht ist dies oder jenes ja doch nur erdacht, von der magischen Foto-Box und ihren Wunschbildern oder vom frei vagabundierenden Geist des Dichters. Die Fiktion wird so probates Mittel, sich der Verantwortung zu entziehen. Und das ist dann die letzte, unerhörte Indienstnahme der Literatur. Sie ist der Missbrauch von allem Märchenhaften: „Es war einmal.“


 
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