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magazin, kultur, uecker, günther AP 2005-0309
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Interview zum 80. Geburtstag: Günther Uecker malt mit Nägeln

VON ANNETTE BOSETTI - zuletzt aktualisiert: 11.03.2010 - 20:34

Düsseldorf (RP). Man nennt ihn den Nagelkünstler. Und der Nagel machte ihn international berühmt. Statt Bleistift setzte Günther Uecker in den 50er Jahren den Metallstift ein, um seiner Kunst die Wucht zu geben, die sie benötigte, um durchschlagend zu wirken. Mittlerweile kosten diese Nagelbilder auf Auktionen eine Million Euro.

Günther Uecker lebt und arbeitet in Düsseldorf, wo er auch als Professor an der Kunstakademie gelehrt hat. Am 13. März wird er 80, seine Schaffenskraft ist ungebrochen. Er ist gesund, glücklich, kreativ unruhig. Die Woche hat für Günther Uecker keine Feiertage. Samstag wie Sonntag arbeitet er durch in seinem Atelier. Es liegt am Rhein mit Blick auf das Wasser.

Seine Frau Christine, eine ehemalige Fernsehansagerin, hat Verständnis für ihn. Sie ist die Liebe seines Lebens. Das sagt er, und sie bestätigt es. Weder Handy noch Auto besitzen die Ueckers. Sein Atelier am Kai ist eine Künstlerklause mit Arbeitsräumen, Magazin, Wohn- und Schlafzimmer, Küche, Bad. Zu Fuß legt er allmorgendlich den Weg über die Brücke von Oberkassel in den Medienhafen zurück. Nachmittags geht er essen, meist in Roberts Bistro. Uecker leistet sich wenig Amüsement. Er will immer nur arbeiten.

Annette Bosetti traf den Nagelkünstler kurz vor seinem 80. Geburtstag im Atelier.

Wobei störe ich Sie gerade?

Uecker Ich habe Buchstaben im Kopf. Ich arbeite an den letzten Farbkorrekturen für das Buch mit Christa Wolf, das nächste Woche in Leipzig vorgestellt wird. Wolfs "Störfall" wird mit meinen Aschebildern illustriert, die als Reaktion auf Tschernobyl entstanden. Das war das Jahr, als mein Sohn Jakob geboren wurde. Und es war mein Versuch, die Vergeblichkeit, den Dreck aus der Welt zu schaffen. Für den "Aschemensch" habe ich mich rücklings auf die Leinwand gelegt, wie ein Epileptiker meine Gefühle zum Ausdruck gebracht. Sprachlich konnte man das nicht zum Ausdruck bringen, damals. Das waren Empfindungshandlungen.

Wie geht es Ihnen kurz vorm 80?

Uecker Ich wollte immer alt werden.

Ist der Jahrgang 30 ­eher Fluch oder Segen?

Uecker Das Gute ist, dass meine Jugend stark von der Natur und von den Kriegsereignissen geprägt war. Ich musste zum Glück nicht zur Nazi-Jugend, denn ich galt als schwer erziehbar, wurde in ein Heim eingewiesen. Die Sowjetarmee machte mir Angst. Diese Sorge, dass meinen Schwestern und meiner Mutter etwas hätte passieren können, hat mich veranlasst, das Haus abzusichern, zu verbarrikadieren mit Balken und Stämmen. Von innen habe ich alles zugenagelt, die Fenster und Türen verrammelt.

Das heißt, der Nagel, der Sie als Künstler berühmt gemacht hat, hat eine existentielle Bedeutung?

Uecker Das war sicher eine Schlüsselerfahrung. Eine Verbindung zwischen dem Zarten und Bewahrenswerten der Prävention und der gewaltigen Schutzvorrichtung. Sie haben den Begriff der schleifenden Zeit gesetzt.

Wie sind die vergangenen 79 Jahre bisher verlaufen?

Uecker Meine Illusion war es immer, dass man das, was geschehen ist, verwischen kann, um den Weg der Entdeckungen ungestört zu gehen. Aber es zeigt sich, dass die Spuren, die man hinterlässt, einen einholen.

Wie war das Tempo?

Uecker Ich empfinde alles als einen ganz großen kosmischen Raum, den ich nur schwer strukturieren kann. Es lässt sich fassen in Großereignissen, die etwas auslösen, was den Zwischenraum ausfüllt bis zum nächsten tiefgreifenden Ereignis. Das füllt sich auf in einer Art Meditation der Erinnerbarkeit. Ich bewege mich auf den Spuren der noch sichtbaren Erinnerung. Weil ich auch unterstelle und erlebe, dass so vieles flüchtig ist. Aber das gelebte Leben in der Summe bewahrt doch Ereignisse unbewertet und unselektiert in eindringlicher und aufdringlicher Art und Weise. Thema meines weiteren Schaffens wird sein, dass man so bedenklich wird.

Ihr Vater hat Sie als Kind oft und schwer verprügelt. Waren Sie Ihren eigenen Kindern ein besserer Vater?

Uecker Ich habe ihnen den Freiraum gegeben, damit sie vollwertige Menschen sein können. Man wird nicht durch den Bildungsprozess zum Menschen, sondern durch die Akzeptanz des anderen. Das fordernde Kind ist es, das einen betört und herausfordert, liebevoll begleitet zu werden in all den Möglichkeiten die der Mensch hat.

Haben Sie als Kind schon gezeichnet?

Uecker Immerzu. Deshab dachte mein Vater, ich sei missraten und nicht ganz normal. Wir hatten zuhause keine Bücher und Bilder, wir waren der Landwirtschaft zugewandt. Von einfacher Herkunft.  Alles was ich tat, das zeichnerische Gekritzel, war für mich ein Geheimnis. Kunst ist für mich bis heute ein zu entdeckendes Geheimnis, das man mit sich trägt. Vergleichbar mit den ersten Liebesbriefen, die man einer Schulfreundin zustecken wollte auf einem in der Tasche verknüllten Zettel und dann doch zu scheu war, um ihn ihr zu übergeben. Das sind verdeckte Liebesbegehren, die sich notieren in meinen frühesten Schülerarbeiten. Daraus erwuchs so etwas wie bildnerisches Gestammel, die einfache Art des Ausdrucks, die sich als kompliziert herausstellt.

So entwickelten Sie also Ihre bildnerische Handschrift?

Uecker Aus dem Zeichnen, aus dem Experimentieren heraus. Aus dem Wunsch, Realität zu fassen, mit dem Bleistift als Linie auf dem Papier erkannte ich aber zugleich, dass ich damit unglücklich war, weil es an der Realität gemessen nicht ausreichte. Es reichte immer nur nach innen. So entstand die Herausforderung, den Bleistift in das Papier einzuschlagen, die Faust zu erheben. So wird die Realität des Handelns bildnerischer Ausdruck. Ansttat eines Bleistifts habe ich dann einen Nagel eingeschlagen, der auch Schatten bildete, so dass es eine kosmische Verbindung gab wie mit einer Sonnenuhr. Dadurch konnte ich mich bildnerisch hervorstammeln ­ vor die Augen der anderen.

Wo ist Zuhause und wo Heimat?

Uecker Mein Studium habe ich in Düsseldorf fortgeführt, getragen von einem wunderbaren Lehrer und Menschen: Otto Pankok, der mir sehr viel bedeutet hat. Mein Lebenswerk ist hier vorangetrieben worden, hier im Rheinland, in Düsseldorf ist meine künstlerische Heimat. Die Herkunft und die Sehnsucht aber sind gebunden an die Insel, wo ich herkomme.

Sie haben alleine in diesem Jahr sieben internationale Ausstellung, warum nicht in Düsseldorf?

Uecker Ich habe hier noch nie ausgestellt. Aber ich habe auch sehr viel abgesagt in diesem Jahr. Den ganzen Sommer über kann ich hier arbeiten. Das ist der größte Luxus, den der Künstler sich schenken kann zum Geburtstag. Sie schufen die Aschebilder nach Tschernobyl, den schwarzen Berg für die Indianer, den Andachtsraum für den Bundestag und Gebetstücher.

Tut man Ihnen unrecht, wenn man Sie als Nagelkünstler bezeichnet?

Uecker Nein. So etwas ist zur Identifikation nötig. Menschen brauchen ein Zeichen, ein Emblem. Man bekennt sich, das ist mein Zeichen, bei mir ist es der Nagel oder der Speer. Das hat mythischen Charakter.

Wie politisch ist Uecker?

Uecker Das hängt davon ab, wo man seine Polis ortet. Bin ich in der westlichen Zivilisation zuhause oder einer, der entrückt andere Wahrnehmungen auf sich vereint? Politisch zu sein, heißt, eine Position einzunehmen. Mich zu stellen, ist wohl meine Art.

Und wieviel Poesie leistet sich Uecker?

Uecker Majakowski hat nach der Russischen Revolution gesagt, die Revolution wird mit dem Hammer gemacht. Auch ich meine: Widersprüche im Menschen vereint, sind Ausdruck seiner Poesie. Der Mensch ist das einzig befähigte Wesen, das Widersprüche in sich vereinen kann, ohne zu kollabieren. Malerei muss so sein wie Klänge hören, sagen Sie.

Steht also die Musik noch über der Bildenden Kunst?

Uecker Das gilt für meine optischen Partituren und Aquarelle, dass ich Empfindungen fließend notieren kann auf dem Papier, so wie in das Gesehene hinein weinen. Musik ist erstrebenswerter, die Malerei war immer erstürmenswert, und so habe ich eine Reihe von Palisaden und Objektkonstruktionen hergestellt, um die Malerei zu erstürmen. Aber alles scheiterte. Und das Scheitern, das sich da zeigt, ist meine Kunst. Kürzlich haben Sie ein Spiralbild für JEKI (Jedem Kind ein Instrument) gespendet.

Wollten Sie damit pädagogisch stimulieren?

Uecker Ich tat es nur aus Leidenschaft für die Musik. Weil ich selber so gerne Musik höre und mir wünsche, dass viele Kinder dafür sensibilisiert werden. Die Preise Ihrer Nagelreliefs aus den 60er Jahren explodieren derzeit auf dem internationalen Kunstmarkt.

Freut Sie das?

Uecker Es erschreckt mich erstmal, weil einige treue Sammler, die Wegbegleiter sind und mein Werk mitgetragen haben, mir jetzt nicht mehr folgen können. Das hat eine gewisse Tragik. Aber es ist auch Bestätigung. Nur: Wenn der Künstler bei der Arbeit daran denkt, was es kostet, dann kann er nicht arbeiten. Das steht außerhalb meiner Empfindungswelt. Preise sind vielleicht so etwas wie Applaus. Sie waren als Kind sehr arm.

Wie wichtig ist Ihnen heute Wohlstand?

Uecker Wenn man von außen benannt arm ist, merkt man das nicht. Wenn man Nahrungsmittel kaufen kann, die einen gesundheitlich begünstigen, dann tut das gut und ist Wohlstand. Ich habe mal über 70 Paar Schuhe gesammelt, weil man als Kind barfuß lief und nur im Winter, wenn die Ernte gut war, ein paar Schuhe kaufen konnte. Und wenn man im Sommer barfuß über die Stoppelfelder laufen musste, das war schon fast eine Kunst. Das hat sich körperlich eingeprägt. Das zu lieben, was einen umkleidet. Die Lust am Verschwenderischen ist da, aber ich habe keine Zeit und keine Gelegenheit dazu. Weil ich doch jeden Tag arbeite, habe ich kaum Gelegenheit, Geld auszugeben. Als ich meine erstes Stipendium bekam an der Düsseldorfer Akademie, da gab es 200 Mark fürs Semester, da habe ich mir bei Heinemann einen schwarzen Anzug gekauft, weil ich nicht immer im Pullover ins Theater gehen wollte. Das war für mich wichtig und begehrenswert. Da bin ich dann der Frau Flickenschildt nachgestiegen, die große Schauspielerin verehrte ich damals sehr. Doch für den Rest des Semesters hatte ich kein Geld mehr.

Haben Sie unerfüllte Träume?

Uecker Wenn ich Zeit und Raum genug habe, werde ich alle meine Träume erfüllen. Es ist erst nur eine Ahnung und ein Sehnen und findet dann doch mit der Zeit bildnerischen Ausdruck. Ich habe keine vorgefassten Bilder im Kopf. Es drängt da etwas hervor. Und solange sich das in mir befindet, vorhanden ist und sich verdichtet und zum bildnerischen Ausdruck drängt­ diese Unerschöpfliche, Manische, mich Bedrängende ­wird das wie eine Inspiration empfunden und gibt mir schöpferische Kraft. Ich wünsche mir, dass das nicht abreisst. Denn das Eigentliche ist noch nicht getan. Ich betrachte das, was ich gemacht habe als eine Vorarbeit für das Eigentliche, was zu tun wäre. (tiefes Schweigen)

Das Eigentliche ist ... ?

Uecker Tja. Das einem zutiefst zu eigen ist, das man durch Bloßstellung bildhaft machen kann, das aber so tief zueigen ist, dass es vielleicht wie ein Kuss ist aus der Geschichte der eigenen Werdung. Ein Kuss, der damit verbunden wurde, dass man geboren wurde, dass man ist. Der große Kuss in der Vermählung mit dem sich verlierenden Sein. So!

Wenn Sie das malen würde, käme vielleicht ein altmeisterliches Werk dabei heraus?

Uecker Das Bild wird nie gemacht wie die sprachliche Umschreibung es andeutet. Wo die Sprache versagt, beginnt das Bild. Wovor fürchten Sie sich? Uecker Schon als Kind fürchtete ich mich vor der Fünf mit dem offenen Maul und dem wehenden Schopf... (lacht dröhnend).

Aber heute doch nicht mehr?

Uecker Nein. Aber man könnte annehmen, dass sich etwas in einem vermehrt, das man nur ahnbar in sich trägt, das einen überwältigt. Wäre ich kein Künstler, wäre ich ein Krimineller. Soviel Kraft und Gewalt drängen aus mir heraus, dass man Furcht davor haben muss.

Was ist Glück für Sie?

Uecker Ein gelungenes Werk. Und noch mehr als das: Wenn ein Werk in einer Ausstellung auf Wahrnehmung trifft, das wie ein erhaltener Liebesbrief seine Wirkung nicht verfehlt. Ich bin den ganzen Tag alleine im Atelier. Das Liebesbegehren bezieht sich auf Menschen. Sie sind überraschend vital? Uecker Ich lese Zeitung ohne Brille. Ich arbeite ja immer, es gibt gar keinen Gedanken, etwas anders zu machen. Ich denke: Der jüngste Tag ist immer jetzt. Und es ist der erste, der jüngste, im Gegensatz zu den gelebten Jahren.

Quelle: RP

 
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