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Serie Deutsche Philosophen: Hegel – Preußens Staatsphilosoph

VON BERTRAM MÜLLER - zuletzt aktualisiert: 31.12.2009 - 11:59

(RP). Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) schuf eine Philosophie, in welcher der "Weltgeist" waltet und die Geschichte lenkt. Damit formulierte der Berliner Professor die geistigen Grundsätze des preußischen Staates. Auf Hegel beriefen sich bis ins 20. Jahrhundert Konservative ebenso wie Revolutionäre, darunter Karl Marx.

Geboren wurde er in Schwaben, jenem Teil der deutschen Lande, dessen heutige Einwohner selbstbewusst und zugleich mit einer Prise Ironie von sich behaupten: "Wir können alles außer Hochdeutsch." Auch Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831), einer der großen Philosophen des Idealismus, konnte viel, sprach aber noch Schwäbisch, als er längst zu den angesehensten Professoren der Universität Berlin zählte.

Fernab der Heimat mehrte er den Ruhm seiner Landsleute und fand Eingang in eine Redensart, mit der die Schwaben sich nach wie vor gern preisen: "Der Schelling und der Hegel, der Schiller und der Hauff, das ist bei uns die Regel und fällt uns gar nicht auf."

Hegel, Schelling und Hölderlin lernten einander bereits während ihrer Studienzeit in Tübingen kennen. Später schloss Hegel auch mit Goethe und Schiller Bekanntschaft. Gegen Ende seines Lebens gehörte er als preußischer Staatsphilosoph zu den herausragendsten, bekanntesten Köpfen des deutschsprachigen Raums.

Anders als Immanuel Kant, der große Erkenntnistheoretiker, war Hegel in erster Linie Geschichtsphilosoph. "Jeder Einzelne", so formulierte er seine Hauptthese, "ist ein blindes Glied in der Kette der absoluten Notwendigkeit, an der sich die Welt fortbildet. Jeder Einzelne kann sich zur Herrschaft über eine größere Länge dieser Kette allein erheben, wenn er erkennt, wohin die große Notwendigkeit will."

Der Weltgeist

Hegel sah die Welt von einem sogenannten Weltgeist beherrscht, der sich großer, tatkräftiger Persönlichkeiten bedient, um die Geschichte in einem dialektischen Prozess voranzutreiben. Eine Kraft wirkt, eine andere stellt sich ihr entgegen, und auf einer höheren Ebene strebt der geschichtliche Prozess weiter seinem Ziel, einer Idealwelt, entgegen.

Einmal spürte Hegel den Weltgeist, der die Geschicke der Menschheit lenkt, ganz in seiner Nähe. Hegel war gerade Professor in Jena geworden, als Napoleon vor den Mauern der Stadt stand. Der Philosoph hatte davon nichts Gutes zu erwarten, musste Plünderungen erdulden und war dennoch voller Hochachtung für den kleinen, großen Franzosen: "Es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht."

Der Weltgeist, der sich in Gestalt Napoleons so überraschend körperlich zu erkennen gab, war im Übrigen ein recht theoretisches Konstrukt Hegels. Auf der ersten Stufe, so legte er in seiner "Wissenschaft der Logik" dar, befindet sich der Weltgeist im Zustand des An-sich-Seins; dem entspricht als philosophische Disziplin die Logik.

Auf der zweiten Stufe ist der Geist im Zustand der Entäußerung, der Selbstentfremdung, des Anders-Seins; jene Entäußerung des Geistes ergeht in die an Raum und Zeit gebundene Natur; daher entspricht diesem Zustand die Naturphilosophie. Auf der dritten und höchsten Stufe kehrt der Geist aus der Selbstentfremdung zu sich zurück und befindet sich im Zustand des An-und-für-sich-Seins; ihm korrespondiert die Philosophie des Geistes.

Staatsphilosphie in Preußen

Das verstehe, wer will. Überraschend ist, dass auf solchen schwer durchschaubaren Grundlagen eine Philosophie erwuchs, die Preußen als theoretisches Fundament seines Staatswesens anerkannte. Und nicht nur Preußen ehrte Hegel als seinen Staatsphilosophen; auch aus anderen deutschsprachigen Ländern blickte man respektvoll nach Berlin, wo Hegel inzwischen lehrte und nicht nur Studenten, sondern auch die führenden Männer jener Zeit seine Vorlesungen hörten.

Zuvor hatte sich auch Kant schon einmal auf dem Wege zum Staatsphilosophen befunden, als theoretischer Begleiter der Ära Friedrichs des Großen. Doch dessen Nachfolger Friedrich Wilhelm II. sah durch Kants kritische Philosophie die Grundlagen des Christentums gefährdet und erwirkte, dass Kant zum heiklen Thema Religion fortan schwieg.

Gegenüber Kants Denkgebäude hatte Hegels Philosophie aus staatlicher Sicht den Vorzug, dass sie dem Christentum nicht im Wege stand, genauer: dem Protestantismus, auf den Preußen sich gründete und von dem es seine Moral herleitete. "Der Geist", so schrieb Hegel, "hat aber in der Religion vielmehr seine Befreiung und das Gefühl seiner göttlichen Freiheit; nur der freie Geist hat Religion, und kann Religion haben."

Der Weltgeist hat bei Hegel in der Tat etwas Göttliches. Und da der Weltgeist auf die "List der Vernunft" setzt, indem er eigennützige Individuen für seine übergeordneten Ziele arbeiten lässt, gelangt Hegel zu dem gewagten Schluss: "Was vernünftig ist, das ist wirklich, und was wirklich ist, das ist vernünftig." Das war eine Rechtfertigung nicht nur des preußischen Staates, sondern auch der Welt insgesamt.

Und jeder sah, dass diese Feststellung angesichts des Leids auf Erden nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmte. Allerdings wusste auch Hegel: "Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks. Die Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr." Wieder so ein Satz, dem eher die Mächtigen zustimmen werden als diejenigen, die unter Krieg, Unterdrückung und anderen Zwängen unmittelbar zu leiden haben.

"Professor der Professoren"

Als "Professor der Professoren" in Berlin hatte Hegel die beschwerlichen Phasen seines Lebens längst hinter sich: seine Zeit als Hauslehrer, Direktor eines Gymnasiums, als Redakteur einer Zeitschrift und nicht zuletzt als einer, der einen unehelichen Sohn zu unterstützen hatte. In Berlin dagegen lebte er mit einer 22 Jahre jüngeren Ehefrau und zwei gemeinsamen Söhnen unter der besonderen Gunst von Friedrich Wilhelm III.

Ganz unerwartet starb er am 14. November 1831 an Cholera. Hegel war auf dem Gipfel seines Ruhms sanft dahingegangen, blieb aber noch Jahrzehnte über seinen Tod hinaus der unbestrittene Herr der Philosophie des 19. Jahrhunderts. Kein Philosoph hat seitdem mehr eine ähnlich beherrschende Stellung eingenommen.

Hegels Schülerschaft teilte sich in eine "Hegelsche Rechte" und eine "Hegelsche Linke". Die konservativen Althegelianer verteidigten das Recht alles historisch Gewordenen auf politischem, philosophischem und theologischem Gebiet. Der linke Flügel dagegen beanspruchte die dialektische Methode, deren sich der Weltgeist Hegel zufolge bedient, für sich und erhob sie zum revolutionären Prinzip. Im 19. Jahrhundert herrschte der Rechtshegelianismus vor mit seinem Bekenntnis zu Liberalität, Bildung und Bürgertum. Zugleich aber begann Karl Marx damit, Hegel – wie man später behauptete – "vom Kopf auf die Füße" zu stellen und die Philosophie des Schwaben in den Dienst tatkräftiger Weltverbesserung zu spannen.

Hegel glaubte, dass mit seiner Philosophie eine Art geschichtlicher Endzustand heraufgezogen sei – das "Ende der Geschichte", wie es einige Denker nach Ende des Kalten Krieges im 20. Jahrhundert noch einmal ausriefen, wiederum zu Unrecht.

Marx hielt dagegen, dass im preußischen Staat seiner Zeit das Ziel der Weltgeschichte noch nicht erreicht sei. Darin jedenfalls hat er recht behalten.

Quelle: RP

 
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