Literatur-Nobelpreis: Herta Müller ist überrascht und sprachlos
zuletzt aktualisiert: 08.10.2009 - 17:54Berlin (RPO). Die Vergabe des Literaturnobelpreises an Herta Müller ist in Deutschland mit Begeisterung aufgenommen worden. Die Autorin selbst zeigt sich überrascht und sprachlos über die Auszeichnung. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat es als "wunderbares Signal" bezeichnet, dass 20 Jahre nach dem Mauerfall die Berliner Autorin ausgezeichnet wurde.
Mit Blick auf Müllers Herkunft aus Rumänien sagte Merkel am Donnerstag in Berlin, das "hervorragende" Werk der Literatin sei aus einer Lebenserfahrung gespeist, "die von Diktatur, Unterdrückung, von Ängsten, aber auch von unglaublichem Mut spricht". Die Kanzlerin fügte hinzu: "Wir freuen uns, dass sie eine Heimat in Deutschland gefunden hat, und ich gratuliere ihr von ganzem Herzen."
Auch Bundespräsident Horst Köhler gratulierte der 56-Jährigen. Immer wieder habe Müller nach den Erfahrungen, die sie selbst in ihrem Geburtsland Rumänien mit der kommunistischen Diktatur gemacht habe, "gegen das Vergessen angeschrieben" und so an den hohen Wert der Freiheit erinnert, hob Köhler in einem Glückwunschschreiben hervor.
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) gratulierte der in Berlin lebenden Autorin zu ihrem "einzigartigen Erfolg". "Es macht uns alle stolz, dass eine Autorin, die 2005 den Berliner Literaturpreis verliehen bekam, jetzt die höchste Ehrung in der Welt der Literatur erhält." Kulturstaatssekretär André Schmitz nannte Herta Müller eine "würdige Nobelpreisträgerin".
Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, feierte die Entscheidung der Schwedischen Akademie als "großes Ereignis" für die deutsche Sprache und Kultur. Sie mache deutlich, wie stark die Wirkung deutscher Literatur über die Ländergrenzen hinweg ist.
Die Preisträgerin ist sprachlos
Müller selbst reagierte nahezu sprachlos. "Ich bin überrascht und kann es noch immer nicht glauben, mehr kann ich im Moment nicht dazu sagen", sagte sie am Donnerstag in einer ersten Reaktion. Am Telefon habe die 56-Jährige "gelacht und geweint", berichtete eine Sprecherin des Carl Hanser Verlags, bei dem auch Müllers aktuelles Buch "Atemschaukel" erschienen ist.
Sie habe diese Ehrung nicht nur nicht erwartet, sondern sei sich sogar sicher gewesen, "es passiert nicht". "Ich kann noch gar nicht darüber reden, es ist irgendwie noch zu früh", bat Müller um Verständnis. "Ich glaube, ich brauche noch Zeit, um das einzuordnen", erklärte sie und verwies darauf, dass es eigentlich nicht sie sei, um die es gehe, "sondern es sind die Bücher".
Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) lobte Müller als "eine Schriftstellerin von großer poetischer Kraft". Er selbst habe sie bei einer Lesung im Kanzleramt erlebt und sei "von ihrer Persönlichkeit und ihrer Literatur" tief beeindruckt gewesen.
Der Generalsekretär des P.E.N.-Zentrums Deutschland, Herbert Wiesner, nannte die Wahl der Akademie eine "großartige Entscheidung". Müller habe diese Auszeichnung verdient. Er verwies zudem darauf, dass durch diese Ehrung indirekt auch ein weiterer Schriftsteller gewürdigt werde, nämlich der 2006 verstorbene, rumäniendeutsche Autor Oskar Pastior, dessen Schicksal Müller in "Atemschaukel" schilderte.
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Klaus Reichert, reagierte ebenfalls erfreut. Auch mit ihrem neuen Roman "Die Atemschaukel" habe Müller "Weltliteratur" geschrieben, sagte der Präsident Klaus Reichert. In "Atemschaukel" schreibt Müller über die Deportationen von in Siebenbürgen lebenden Deutschen nach Russland im Jahr 1945.
Dass jemand dieses Thema aufgegriffen habe, nannte der Bundesgeschäftsführer des Verbandes der Siebenbürger Sachsen, Erhard Graeff, "wichtig und eine große Leistung". Peter-Dietmar Leber von der Landsmannschaft der Banater Schwaben sagte, er freue sich, dass Müller mit ihren Büchern die Geschichte ihrer Volksgruppe einer breiten Öffentlichkeit zugänglich mache.
Dass mit Herta Müller zum 13. Mal ein deutschsprachiger Autor mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wird, zeigt nach Ansicht des Geschäftsführers des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, "die Bedeutung der deutschsprachigen Literatur für die Weltliteratur".
Der Präsident der Freien Universität (FU) Berlin, Dieter Lenzen, sagte, er freue sich über die große Auszeichnung für Herta Müller, die 2005 als erste Heiner-Müller-Professorin an die Hochschule berufen worden sei.
Verlag druckt Bücher nach
Der Münchner Hanser-Verlag will sämtliche bei ihm erschienenen Bücher der Autorin nachdrucken lassen. Wie Verlagssprecherin Leonie Obalski am Donnerstag der Nachrichtenagentur AP sagte, sind von dem erst im August erschienenen Roman "Atemschaukel" bislang 40.000 Exemplare verkauft worden. Jetzt werde nachgedruckt, so dass die Auflage insgesamt 100.000 erreiche.
Verleger Michael Krüger sagte, mit Müller werde eine Autorin ausgezeichnet, "die auch 20 Jahre nach dem Ende des Ost-West-Konflikts darauf beharrt, die unmenschlichen Seiten des Staatskommunismus in Erinnerung zu behalten." Ihre "hochliterarische Trauerarbeit" sei ein eindrückliches Beispiel einer engagierten europäischen Literatur, "die mit analytischer Schärfe und poetischer Genauigkeit unsere Geschichte zur Gegenwart macht".
Nachgedruckt werden Verlags-Angaben zufolge auch die anderen vier im Hanser-Verlag erschienenen Bücher Herta Müllers, also der Essayband "Der König verneigt sich und tötet" (Erscheinungsjahr 2003), die Collagen "Die blassen Herren mit den Mokkatassen" (2005) sowie die Romane "Herztier" (2007) und "Der Fuchs war damals schon Jäger" (Neuauflage 2009). Zudem soll der 1997 zunächst bei Rowohlt erschienene Roman "Heute wär ich mir lieber nicht begegnet" von Hanser neu verlegt werden.
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