Das Jahr mit neuem Intendanten Willy Decker: Hiob rettet die Ruhrtriennale nicht
VON REGINE MÜLLER - zuletzt aktualisiert: 05.10.2009 - 07:29Bochum (RP). Mit der Musiktheater-Collage "Autland" und der szenischen Version von Joseph Roths Roman "Hiob" geht der Premierenreigen des Festivals im Ruhrgebiet zu Ende. Der erste Jahrgang unter dem neuen Intendanten Willy Decker hatte seine Längen.
Ob das Absicht war? Bei den letzten beiden Premieren der Ruhrtriennale drehte sich in der Bochumer Jahrhunderthalle jeweils ein Karussell: ein sehr großes in Form der Drehbühne, auf dem das Publikum mitsamt den Mitwirkenden im Musiktheaterstück "Autland" (Regie: Beate Baron) kreiste, und ein kleines Kinderkarussell, das auf ansonsten leerer Bühne in Johan Simons Adaption des Joseph-Roth-Romans "Hiob" meist still stand. Beide Produktionen stehen beispielhaft für eine durchwachsene Bilanz dieser ersten Triennale-Saison unter Leitung von Willy Decker: So großartig der von den Münchener Kammerspielen eingekaufte "Hiob" ist, so nebulös und unausgegoren bleibt "Autland".
Musikalisch ausgehend von Johannes Ockeghems 36-stimmigen Kanon "Deo gratias" sollte die neuzeitliche Reizüberflutung und deren psychopathologisches Symptom des Autismus thematisiert und zum Musiktheater verdichtet werden. Dazu befragte man Autisten, sammelte Texte aus entlegenen Ecken, und das Komponistenduo Sergej Newski und Genoël von Lilienstern komponierte für Solisten, Chor und Elektronik. Das Ergebnis ist tatsächlich eine Reizüberflutung, aber eine, die weder irritiert noch wirklich berührt. Zu bruchstückhaft und beliebig wirken die Versatzstücke, zu abgenutzt sind die Effekte durch die Akteure, die übers Publikum verstreut sind, zu schwach ist der Sog der Handlungs-, Text- und Musiksplitter. Wundersam in der Wirkung allerdings der von den VocaalAB Nederland-Solisten und dem Vocalensemble Kassel betörend rein gesungene Kanon Ockeghems, zu dem sich das Gewusel endlich beruhigt. Doch dann fahren auch noch die Seitenwände hoch, um den Blick in die Industriekathedrale schweifen zu lassen. Echter Weihe-Kitsch.
Schnörkellos dicht dagegen erzählt Johan Simons mit "Hiob" die Geschichte vom frommen Juden Mendel Singer, der zum Gotteslästerer wird, weil der ihm alles nimmt, bevor er ihm zuletzt ein Wunder beschert. Auf ein hochprozentiges Konzentrat eingedampft, erwacht der Roman mit Simons' fabulösem Ensemble zu herzzerreißendem Bühnenleben. Roths Kleine-Leute-Personal entwickelt Shakespearesche Fallhöhen. André Jung entwickelt den Zweifler Mendel vom frommen Naivling über den stotternd-verlegenen Entwurzelten zum donnernden Gottverflucher, der sich schließlich in eisigen Sarkasmus rettet, ohne jemals den armen Teufel abzuschütteln.
Penibel choreografiert ist das Ensemble, jede Geste, jeder Blick sitzt, weniger ist mehr in Simons kluger Regie, die Wucht der lakonischen Sprache zieht unmittelbar hinein in die kleine, große Tragödie.
Arbeiten auf diesem Konzentrationsniveau waren diesmal selten bei der Triennale. Seit Gerard Mortier nicht mehr die Geschicke leitet, setzen seine Nachfolger auf inhaltliche Befriedung durch Motti. Das Konzept knirschte schon unter Jürgen Flimms Leitung, auch unter Willy Decker fügte es sich nicht. Auf der Suche nach "Urmomenten" will man den Impuls des Religiösen aufspüren und die Verbindungen von Kunst und Spiritualität beleuchten. Politik und gesellschaftlicher Diskurs bleiben draußen. Mitten in der Krise ist Eskapismus Programm.
Freilich entwickelte Schönbergs "Moses und Aron" mit fahrbaren Publikumstribünen und Rundumprojektionen spektakuläre Raumwirkung und musikalische Überzeugungskraft, doch blieb das Ergebnis glatt. Auch "Sing für mich, Tod", als "Ritual" angekündigtes Musiktheater, kam über Konzepttheater zu dräuender Musik nicht hinaus. Exemplarisch scheiterte auch "Tamar". Die erste Hälfte war nichts anderes als ein Konzert mit Tanzeinlage, während in der zweiten mit Rupert Hubers "Tamar" ein halbszenisches Ereignis zur Uraufführung kam. Dabei mussten die Sänger des ChorWerks Ruhr eine in der Mitte thronende Dattelpalme ansingen. Es kam einem vor, als beobachte man eine in der Bewusstseinserweiterung fortgeschrittene Selbsterfahrungsgruppe.
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