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Als Zwangsarbeiter nach Essen: Hitler wollte Picasso deportieren

VON BERTRAM MÜLLER - zuletzt aktualisiert: 16.08.2007 - 08:57

Düsseldorf (RP). „Picasso und der Nationalsozialismus“ heißt ein neues Buch, das den Hass des Diktators auf den Maler zum Thema hat. Der Künstler sollte als Zwangsarbeiter nach Essen gebracht werden. Ihn schützte damals nur sein Alter: Er war bereits über 50.

Hitler sah in der modernen Kunst Picassos einen Angriff auf das "gesunde Volksempfinden". Foto: AFP/ddp

Noch immer ist nicht alles gesagt über die Nazi-Zeit. Der Düsseldorfer Historiker Michael Carlo Klepsch hat in seinem Buch „Picasso und der Nationalsozialismus“ das 20. Jahrhundert erneut durchkämmt und sich dabei an zwei Widersachern orientiert, deren gegensätzliche Haltungen weit über die Personen selbst hinausweisen. Picasso verkörpert in dieser Gegenüberstellung die Moderne, Hitler die antimodernistischen Tendenzen der Zeit - ein Kampf auf Leben und Tod.

„Picasso“, so hebt Klepsch im Gespräch mit unserer Zeitung hervor, „erkannte schon in den 30er Jahren, dass man sich gegen die antimodernistischen Tendenzen stellen müsse.“ Kein Wunder, denn die Gegenüberstellung von Hitler und Picasso ist keinesfalls ein wissenschaftliches Konstrukt, sondern eine historische Tatsache. Hitler und seine gefährlich intelligenten Schergen gifteten gegen Picasso, und der Künstler seinerseits unternahm in der Résistance viel, um die nationalsozialistische Gewaltherrschaft über Europa zu brechen und den Diktator vom Thron zu stürzen.

Spannendes Buch

Klepsch lässt in seinem spannenden, teilweise neues Quellenmaterial erschließenden Buch hinter den gegensätzlichen Auffassungen von Kunst einander widerstrebende Auffassungen von Gesellschaft hervortreten.

Hitler sieht in der modernen Kunst einen Angriff auf das „gesunde Volksempfinden“: „Denn das gesunde Volk trägt in seinem Herzen ein viel klareres und kunstnäheres Gefühl und Urteilsvermögen als diese sinnlich und geistig verkrampften Großstadtfiguren, die Intelligenz mit Intellekt verwechseln, Kunst mit Gehirnfatzkerei, Schönheit mit gekünstelter Missbildung, und die es für notwendig halten, durch grün und blau bemalte Gesichter, durch ziegelfarben bemalte Lippen den Beweis zu liefern, dass sie sich wenigstens irgendwie vom Affen unterscheiden.“

Die Künstler der Moderne dagegen - ganz vorne Picasso - betrachteten es als Gebot der Wahrhaftigkeit, den Verlust eines geschlossenen Weltbildes in der Gesellschaft nicht zu verbrämen, sondern ihm Gestalt zu verleihen, wo nötig auch mit ungewöhnlichen Mitteln.

Das waren zwei Haltungen, die sich nicht miteinander vereinbaren ließen: Hitler, der Rückwärtsgewandte, der der Kunst die Funktion der „schönen“ Fassade eines in Wirklichkeit menschenverachtenden Systems zuwies, und Picasso, der Kunst als Ausdruck des unmittelbar Menschlichen verstand, des Fühlens und Sehnens und immer wieder auch der Angst.

Fülle aufregender Details

Klepsch hat in seinem Buch unter anderem Funde im Nachlass von Picasso ausgewertet, dazu die Entnazifizierungs-Akten von Arno Breker, dem Lieblingsbildhauer Hitlers, Material aus dem Besitz von Picassos langjähriger Geliebter Franois Gilot und die von der Pariser Polizei geführte „Akte Picasso“. So bereichert eine Fülle aufregender Details das Werk.

Demnach hatten die Vichy-Behörden - die deutschen Machthaber im besetzten Frankreich - vorgesehen, dass Picasso als Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert werden sollte. Eingesetzt werden sollte er in Essen. Picassos Glück bestand darin, dass er damals das Höchstalter für solchen Arbeitsdienst bereits überschritten hatte: Er war schon deutlich über 50.

Picasso war nicht nur deshalb gefährdet, weil er sich mit seiner „fratzenhaften“ Kunst Hitlers Zorn zugezogen hatte, sondern auch, weil die Nationalsozialisten sein Schaffen immer wieder als „jüdische Kunst“ brandmarkten, obwohl Picasso keinerlei jüdische Wurzeln hatte.

Mit Hilfe von Fakten räumt Klepsch gründlich auf mit der Legende, Picasso sei ein unpolitischer Mensch gewesen. Dabei wendet er sich auch gegen Veröffentlichungen von Werner Schmalenbach, dem Gründungsdirektor der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW. Der vertraute offenbar entsprechenden Worten von Picassos Galerist Daniel-Henry Kahnweiler; Worten allerdings, die auf des Händlers Angst zurückgehen, dass Picassos Werke sich nicht verkaufen ließen. Schließlich bekannte sich der Künstler zum Kommunismus.

Auf die Frage, warum Picasso sich vom Kommunismus selbst dann nicht abwandte, als die Untaten des Diktators Stalin sich längst herumgesprochen haben mussten, gibt Klepsch in seinem Buch keine Antwort - jedoch in unserem Gespräch: Picasso habe einmal darauf hingewiesen, dass auch der Grundgedanke des Christentums keineswegs durch die Inquisition verraten worden sei.

Und später, als Alexander Solschenizyn in seinen auch in Frankreich stark beachteten Romanen das gesamte grausame Ausmaß des Stalinismus aufdeckte? Klepsch merkt dazu lediglich an: „Das hat er nicht rezipiert.“ Jedenfalls habe sich Picasso durch den Korea-Krieg in seiner Haltung sogar bestätigt gefühlt.

Klepsch hat in seinem Buch „Picasso und der Nationalsozialismus“ das fesselnde Porträt einer Zeit gemalt, deren Kämpfe auch auf dem Schlachtfeld der Künste tiefe Spuren hinterlassen haben.


 
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