Abenteuerliche Ausstellung in Wolfsburg: „Interieur – Exterieur” – die Kunst des Wohnens
VON BERTRAM MÜLLER - zuletzt aktualisiert: 30.11.2008 - 23:02Wolfsburg (RP). Wohnen kann eine Kunst sein; dann jedenfalls, wenn Künstler es sich bequem machen oder unbequem. Die Ausstellung „Interieur – Exterieur”, die zurzeit in Wolfsburg zu erleben ist, verfolgt nur vordergründig dokumentarische Ziele. In Wirklichkeit führen Künstler darin selbst Regie und stellen das Thema Wohnen zuweilen auf den Kopf.
Im Panik-Raum zumindest wäre wohl niemand gern zu Hause, und die aufdringliche Kuscheligkeit einer Phantasie-Wohnlandschaft aus Schaumstoff schlüge dem Bewohner rasch aufs Gemüt. Auch wenn der Architekt und Künstler Hans Hollein keine goldene Miniatur-Couch samt Sessel beigetragen hätte, wäre unverkennbar, dass der Geist von Sigmund Freud die Schau beflügelt.
Rund 140 Ausstellungsstücke und Installationen führen vor, wie sich die Seele eines Menschen in dessen unmittelbarer Umgebung spiegelt und wie sich gerade in der Moderne Außen- und Innenwelt immer wieder ineinander verschränken. Wer mag, kann schon in Caspar David Friedrichs Gemälde „Böhmische Landschaft mit dem Milleschauer” von 1808 erkennen, wie Menschen mit romantischem Blick selbst im Freien danach streben, sich einzuigeln, eins zu sein mit ihrer Umwelt ein Hang zum „Cocooning”.
Umgekehrt zeigt gleich nebenan Georg Friedrich Kerstings 19 Jahre später entstandenes Interieur „Am Stickrahmen”, wie sich der Mensch aus Räumen hinaus sehnt: Die Stickerin arbeitet vor einem weit geöffneten Fenster, hinter dem eine womöglich verheißungsvolle Ferne beginnt, die lockende Liebe. Wer drinnen ist, den zieht‘s hinaus; wer draußen ist, der sucht Geborgenheit das ist eine These dieser Ausstellung.
Darüber hinaus veranschaulicht sie mit ungewöhnlich hohem Aufwand, wie Menschen sich einrichten; zu Hause und damit zugleich in ihrem Leben. Einzelne Möbel verbinden sich mit wandfüllenden fotografischen Hintergründen zu Innenansichten, viele Sessel laden überraschend zum Verweilen ein, und sogar ganze Räume fordern die Besucher auf, sie zu betreten und am eigenen Leibe zu spüren, wie es ist, vereinzelt, verdunkelt, gefangen zu sein.
Auf dem Spaziergang durch Räume des 20. und des 21. Jahrhunderts trifft man früh auf einen Nachbau des Pariser Ateliers von Piet Mondrian. „Das Bild will Interieur werden”, so lautet der Titel der zuständigen Abteilung. Es folgt „Die klassische Moderne”, das Bauhaus vor allem mit seinem ganzheitlichen, weltverbessernden Ansatz; dann ein „Rendez-vous unterm Nierentisch” mit seiner kuriosen Suche nach einem unbeschwerten Dasein, das den gerade überstandenen Zweiten Weltkrieg bis zur Unkenntlichkeit überstrahlen soll.
Je weiter sich die Ausstellung der Gegenwart nähert, desto stärker greift sie in den Raum aus. In der Abteilung „Flirten in der Kuschelhöhle. Die 1960er- und 1970er-Jahre” lädt Verner Pantons farbstrotzende Schaumstoff-Höhle zur Entspannung ein. Neben solchen Installationen erzählt eine Fülle von Gemälden und Fotografien die Geschichte des Wohnens in neuerer Zeit, darunter ein großformatiges Bild von Eric Fischl aus seinem „Krefeld Project”: Ein nackter Mann steht am Fenster und blickt sinnend hinaus, während hinter ihm eine Frau lasziv auf der Couch verharrt; eine jener Szenen, die Fischl im Haus Lange, dem heutigen Museum und einstigen Wohnhaus einer Fabrikantenfamilie, von Schauspielern aufführen ließ und malte.
Drinnen und draußen das ist hier ebenso Thema wie auf einer Fotografie des Amerikaners Julius Shulman: Ein Esszimmer ist vom angrenzenden Carport samt Ami-Schlitten lediglich durch eine vom Boden bis zur Decke reichende Glasscheibe getrennt. Zuweilen gründet sich der Drinnen-draußen-Effekt allein auf die Wahl des Materials. Marc Newsons „Lockheed Lounge” ist eine Liege, die sich aus genieteten Aluminiumblechen eines Flugzeugs zusammensetzt.
Zwischen Thomas Schüttes „Ferienhaus für Terroristen” und dem „Öffentlichen Platz für eine geschlossene Anstalt” von Tobias Rehberger gibt es noch manches zu entdecken auf diesem überdachten Abenteuer-Kunstplatz mitten in Wolfsburg. Die nachhaltigste Irritation stellt sich ein im „Schlafzimmer”, einem unheimlichen Interieur von Alexandra Ranner.
In der Abteilung „Panic Room” bittet Ranner die Besucher in einen dunklen Vorraum, von dem aus sie in ein Zimmer mit zerwühltem Bett schauen. Eine Verdopplung der Tür, durch die man eingetreten ist, verleitet zu dem Schluss, dass man sich einem Spiegelbild gegenübersehe. Das allerdings umfasst bei näherem Hinschauen nicht den gesamten Raum. Man ist allein mit einem ausgeschalteten Fernsehgerät, das aber dennoch belebt scheint, denn auf seiner Mattscheibe flimmert undefinierbares Licht.
Drinnen zu sein – das zeigt sich hier überdeutlich – bedeutet nicht immer Geborgenheit, so wenig wie draußen zu sein stets Freiheit verspricht. „Interieur – Exterieur” erschließt dieses weite, kaum überschaubare Themenfeld durch eine Fülle großartiger zwei- und dreidimensionaler Bilder, die jeden auch auf dem Weg nach Hause noch hartnäckig verfolgen.
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