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Pro & Contra zum Fall Hegemann: Ist Abschreiben zeitgemäß?

zuletzt aktualisiert: 21.02.2010 - 12:13

Düsseldorf (RP). Die 17-jährige Autorin Helene Hegemann hat sich an 41 Stellen ihres viel diskutierten Debüt-Romans „Axolotl Roadkill” bei fremden literarischen und privaten Quellen bedient: allein 20 mal aus Airens Blogger-Roman „Strobo”, außerdem aus Malcolm Lowrys „Unter dem Vulkan” sowie aus „Rave” von Rainald Goetz. Zudem hat sie Zeilen von Jim Jarmusch, Kathy Acker, Valérie Valère, David Foster Wallace und Maurice Blanchot verwendet. Die Quellen sollen nach Angaben des Ullstein-Verlags in der vierten Auflage des Romans aufgelistet werden. Eine Frage aber bleibt: Ist das legitim?

Helene Hegemann freut sich darüber, dass sie noch mehr Schmäh-Kritiker hat als unser Autor. Foto: ddp

Pro: Zeitgemäß

Sie hätte ihre Quellen benennen müssen, schon aus Höflichkeit. Aber ob Hegemann Einfälle anderer Autoren und Ideen aus Filmen kopiert hat oder nicht ­ ihr Roman „Axolotl Roadkill” bleibt ein bemerkenswertes Kunstwerk. Es hat sich allein unser Blick darauf verändert.

Hegemanns Text ist in seiner Radikalität konsequent und neu. Er wagt nicht nur inhaltlich eine Zustandsbeschreibung der digitalen Bohéme, sondern auch in der Form. Der Remix gehört seit den 80er Jahren zu den selbstverständlichen Kulturtechniken. Das Vermischen und Neuordnen von Eigenem und Fremdem als ästhetisches Prinzip wurde in der Musik eingeführt, allmählich von bildenden Künstlern und Autoren übernommen. Das Verdienst des Remixens ist es, dass Altes tradiert und im neuen Zusammenhang vor dem Vergessen bewahrt wird.

Was Thomas Mann „höheres Abschreiben” nannte, erläutert Hegemann im Roman so: „Es ist egal, woher ich die Dinge nehme, wichtig ist, wohin ich sie trage.” Dass sie aus anderer Leute Erfahrungen geschöpft hat, um Figuren glaubhaft zu machen, ist legitim, und das Gelingen zeugt von Talent. Wer möchte ihr vorhalten, den Exzess nur aus zweiter Hand zu schildern? Sie ist Autorin, keine Selbstmörderin.

Wer der Autorin dennoch Verrat an der Authentizität, Mangel an Erleben vorwirft, ist Romantiker, kein Realist. Wenn der Text gut ist, kann es dem Leser gleichgültig sein, ob der Verfasser alles erlebt hat. Die Vorwürfe an Hegemann gehen über das Urheberrechtliche hinaus. Sie spiegeln die Enttäuschung darüber wider, dass die Autorin doch nicht so wild ist wie gehofft. Und sie werden aus Angst vor Kontrollverlust erhoben. Dabei ist Kontrolle längst nicht mehr möglich. Anything Goes. Hegemann wendet das der Zeit von Digitalisierung und Globalisierung gemäße Verfahren an: Wenn alles verfügbar ist, darf man alles benutzen. Philipp Holstein

Contra: Leider Zeitgemäß

Vielleicht ist der Roman „Axolotl Roadkill” ohne das Internet nicht vorstellbar. Also ohne diese unermessliche wie unersättliche Text- und Info-Maschine, gegen die die legendäre Bibliothek im antiken Alexandria das Ausmaß einer Puppenstube hat. Die Welt ist, was das Internet ist; in ihm ruht eine Geisteshaltung: Denn wir lesen nicht im Netz, um überrascht oder angeregt zu werden, sondern wir suchen nach dem, was nützlich und kopierfähig erscheint. Es reicht der Besitz einer Tastatur, um Autor oder auch Verleger zu werden.

Helene Hegemann hat nicht abgeschrieben, sie hat sich bloß Textmaterial besorgt. Und darum ist ihr Buch im gewohnten Sinne auch kein Plagiat, weil es ein Spiel mit Textfragmenten ist, das offenbar so selbstverständlich zum Schreibprozess gehört, dass der demnächst Volljährigen eine Kennzeichnung gar nicht notwendig erschien. Ein Buch als Sampler, das die Welt im Zitat verdoppelt und dadurch kein originäres Werk sein kann. Hegemanns Buch meint: Alles schon mal dagewesen. Es beschreibt so den Verlust des Eigentlichen, Schöpferischen. Und es dürfte sich auf künftige Autoren auswirken: Welcher junger Erzähler wird jetzt noch unverdächtig bleiben können?


Ein Remix beschreibt die Wiederholung, weniger eine Entwicklung. Und es löst sich mit seinen Erzähl-Bausteinen aus einer Gesamtverantwortung für den Text. Ist es Zufall, dass gerade in solchen Zusammenstellungen Übertretungen –­ wie pornographische Episoden – leichter fallen.

Vladimir Nabokov (1899-­1977) hat einmal beklagt, dass Cervantes seinen Don Quijote literarisch nie gegen seine Fälschung antreten ließ. Wer von beiden, so fragte er in seiner Gastvorlesung vor Harvard-Studenten, sollte dieses Duell gewinnen? Natürlich die Fälschung! Weil in der Moderne das Geistvolle stets dem Mittelmaß unterliegt. Lothar Schröder

Quelle: tim

 
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