Kulturhauptstadt: Istanbul feiert 2010
VON THOMAS SEIBERT - zuletzt aktualisiert: 18.01.2010 - 07:39Istanbul (RP). Bei Schneeregen eröffnete die türkische Kulturhauptstadt 2010 ihr Programm mit Pop. Ministerpräsident Erdogan lobte das reiche Erbe der Metropole am Bosporus.
Die türkische Metropole Istanbul hat viele schöne und faszinierende Seiten – doch beim offiziellen Start ins Jahr als Europäische Kulturhauptstadt machte sie es den Menschen schwer. Bei Schneeregen, schneidendem Wind und Temperaturen nur wenig über Null sollten sich Bewohner und Gäste der Zwölf-Millionen-Stadt an Konzerten, Feuerwerken und Tanzvorführungen erfreuen. Dass trotz der Kälte Zehntausende vor den in mehreren Stadtteilen aufgebauten Freiluftbühnen ausharrten, lag weniger an ihrer Kulturbeflissenheit als daran, dass hier Popstars auftraten, für deren Konzerte man sonst viel Geld hinblättern muss.
In seiner offiziellen Eröffnungsrede beschwor der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan das reiche Erbe Istanbuls vom Römischen und Byzantinischen Reich zu den Osmanen und der modernen Republik. All das habe dazu geführt, dass Istanbul "ein wenig Sarajewo, ein wenig Jerusalem, ein wenig Paris, ein wenig Wien, Madrid, Bagdad, Damaskus und Amman" sei. "Aber vor allem ist Istanbul wie Istanbul", sagte Erdogan – eben unvergleichlich.
Istanbul teilt sich den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt mit Essen und dem Ruhrgebiet und dem ungarischen Pecs, doch der Eröffnungsabend mit einem bombastischen Feuerwerk am Goldenen Horn und einem Programm für umgerechnet rund vier Millionen Euro sollte die Einzigartigkeit der Bosporus-Metropole verdeutlichen. An sieben Orten im Stadtgebiet – das alte Istanbul eiferte den sieben Hügeln Roms nach – gab es Programm, den vier Elementen Wasser, Luft, Feuer und Erde gewidmet. Etwa eine Ballon-Show mit riesigen Figuren, die an "The Wall" von Pink Floyd erinnerten, eine artistische Feuershow und vieles mehr.
Diese Angebote allein hätten vermutlich aber nicht ausgereicht, um tausende bibbernde Istanbuler auf die Plätze zu locken. Es waren die Auftritte von Stars wie der Band Mor ve Ötesi und des auch außerhalb der Türkei bekannten Sängers Tarkan, die als Magneten dienten. Ein Eröffnungsabend vor leeren Rängen wäre schließlich zu peinlich gewesen. So aber dürfen die Organisatoren von einem ansehnlichen Erfolg trotz widriger Witterungsbedingungen sprechen. "Es war kalt, aber es war eine Nacht wie ein Traum", lobte die Istanbuler Zeitung "Radikal".
Zumindest einen Abend lang war auch das Gezänk um das Istanbuler Kulturjahr vergessen. Mitten in der Vorbereitung war 2009 die gesamte Führungstruppe des Organisationsteams zurückgetreten – nach Presseberichten war ein Teil des 170 Millionen Euro umfassenden Kulturjahr-Budgets in einigen privaten Taschen gelandet. Zudem wird der Agentur vorgeworfen, bei den 500 Projekten des Kulturjahres zu viel Wert auf die Erhaltung alter Kulturdenkmäler gelegt und die lebendige neue Kulturszene Istanbuls vernachlässigt zu haben.
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