kalaydo.de Anzeigen stellen auto immobilien kleinanzeigen tiere ferienwohnungen inserieren
  RP Providing |  RP Shop |  PremiumCard |  RP Reise
       
  Newsletter |  RSS |  Mobil |  Apps
Abo & Service | Anzeigen | ePaper | Schulprojekte  
 
       
 
  Gast
Kommentare ()

Zwei Kapitel bereits online: Jelinek stellt Roman ins Internet

VON FRANK DIETSCHREIT - zuletzt aktualisiert: 07.05.2007 - 21:52

Wien (RP). Nichts scheint für Elfriede Jelinek unerträglicher als die Vorstellung, als Roman- und Theater-Autorin eine öffentliche Person zu sein. Dem Geraune der Medien und der Neugier der Leser entzieht sich die österreichische Schriftstellerin seit Jahren konsequent.

"Neid" heißt das jüngste Werk von Elfriede Jelinek. Foto: RPO

Selbst zur Übergabe des Literaturnobelpreises erschien sie nicht persönlich, sondern nur vermittels einer Video-Botschaft. Was lag also näher, sich jeden Kontakt zu Verlegern, Leser und Kritikern ganz vom Halse zu schaffen und den Dialog zwischen Autorin und Öffentlichkeit in die virtuelle Welt zu verbannen?

Nur wer auf der Homepage www.elfriedejelinek.com den Abschnitt „Aktuelles“ anklickt, findet die ersten beiden Kapitel eines neuen Textes, er trägt den Titel „Neid“ und die Bezeichnung „Privatroman“. Die bisherigen, am 3. März und am 7. April ins Netz gestellten 106 Seiten des Romans, der vielleicht bald, vielleicht auch nie weitergeschrieben und vollendet wird, sind umrahmt von Bildern des Malers Hieronymus Bosch. Es sind allegorische Darstellungen der „sieben Todsünden“, zu denen auch der Neid gehört, sowie der „letzten Dinge“: Das Auge Gottes sieht alles. Oder, behelfsweise, Elfriede Jelinek. Die Warnung der vermeintlichen Literaturgöttin lautet: „Sämtliche hier wiedergegebenen Texte sind urheberrechtlich geschützt und dürfen ohne ausdrückliche Erlaubnis in keiner Form wiedergegeben oder zitiert werden.“ Wer sich also nicht an die Spielregeln hält, den erwartet nicht der Himmel, sondern Tod, Gericht und Hölle. Versuchen wir es, mit aller gebotenen religiösen und juristischen Vorsicht, trotzdem.

Das können wir schon deshalb ohne Sorge vor einem gerichtlichen Nachspiel, weil der neue Text nur eine Variation alter Jelinek-Themen ist. Es geht also im bekannt monologischen Ton um zerstörte Bergwelten und den Terror des Tourismus, um die Massenverdummung des Sports und um Dörfer und Städte, die allesamt in der Globalisierungsfalle gefangen sind. Es geht um Fernsehkonsum und Hauseigentümer, Renten und Renditen, Bach-Sonaten und Mozart-Konzerte, Erinnerungslücken und Vergangenheitsverdrängung, um ehemalige Nazi-Größen und heutige Wirtschaftsbosse. Und um das Schreiben als Arbeit und Hobby. Der Text ist in mehrfacher Hinsicht eine Kopfgeburt: Gedanken und Schlagzeilen, Assoziationen und Lektürefrüchte rieseln, nein: nicht aufs Papier, sondern ins Internet, ohne je mit der Wirklichkeit in Berührung kommen zu müssen. Sie fallen mit Hilfe der Geigenlehrerin Brigitte K., deren Gatte sich mit seiner Sekretärin vergnügt, direkt und ohne doppelten Boden aus dem Kopf ins virtuelle Netz.

Eine ironische, ja beinahe selbstkritische Note erhält das beharrlich vor sich hin mäandernde Lamento durch eingeschobene Zwischenbemerkungen. Sie gleichen einem Zwiegespräch mit dem Leser, signalisieren ihm: Ich bin nicht ich und schon gar nicht die, für die du mich hältst. Sie sagen aber auch, unausgesprochen: Genauso wie du, wenn du keine Lust mehr zum Lesen hast, mir den Strom abstellen kannst, kann ich, wenn ich keine Lust mehr zum Schreiben habe, den Datenstrom versiegen lassen.

Aber was, bitteschön, ist daran neu? Immer schon hatte der Leser die Freiheit zur selbst bestimmten Beendigung der Lektüre, immer schon war die Autorin frei in ihrer Entscheidung, einen Text zu schreiben oder einfach stumm zu bleiben. Die Freiheit der virtuellen Welt wird zur digitalen Selbsttäuschung. Selbst die Absicht Elfriede Jelineks, sich als öffentliche Person zu verflüchtigen, wird durch das Buch, das kein Buch sein will, untergraben. Denn das Internet ist heute der denkbar öffentlichste Marktplatz der Eitelkeiten.


 
weitere Artikel
 
Links zu diesem Artikel
 

 
Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung:

       
Anzeige:

Aktuell bei RP Online
Eine Legende in 3D

"Star Wars: Episode 1"

Eine Legende in 3D

Der "Krieg der Sterne" ist zurück: Die Story ist bekannt, Altmeister George Lucas bringt sie erstmals dreidimensional ins Kino. mehr 

Angelina Jolie zeigt ihre Stärke

Berlinale-Blog 2012

Angelina Jolie zeigt ihre Stärke

Wer glaubt, Angelina Jolie habe nur mal ausprobieren wollen wie es sich anfühlt, im Regiestuhl zu sitzen, wird eines Besseren belehrt. mehr 

mehr Kultur
Aus der Region

"Star Wars: Episode 1"

Eine Legende in 3D

Berlinale-Blog 2012

Angelina Jolie zeigt ihre Stärke

Berlinale-Blog 2012

Jake Gyllenhall ist der Schönste

"Extrem laut und unglaublich nah" auf der Berlinale

Großes Gefühlskino von Stephen Daldry

Videos

Ringerin aus Krefeld trainiert für Olympiaqualifikation

Aline Focken ist 20 Jahre alt und träumt von Olympia. Die Krefelderin hat die Chance sich für die olympischen Spiele 2012 in ... mehr 

Alstereisvergnügen lockt nach Hamburg

Hamburger und Hamburg-Besucher können sich auf das langersehnte Alstereisvergnügen freuen. Das Event findet von Freitag bis Sonntag statt. ... mehr 

Mehr Nachrichten Kultur Kunst

Künstler vermisst seine Vorlagen

2000 Euro für zwei 22 Jahre alte Pommes

Es dürften die teuersten vertrockneten Pommes der Welt sein: Das Oberlandesgericht München hat dem Künstler Stefan Bohnenberger am Donnerstag 2000 Euro plus Zinsen zugesprochen, weil in seiner ehemaligen Galerie zwei 22 Jahre alte Pommesstäbchen ... mehr

 

Trotz Wirtschaftskrise

Weltweit boomt der Kunstmarkt

 
 

Japanischer Foto-Altmeister

Ishimoto Yasuhiro ist gestorben

 

Kunstprojekt in Trier

Roboter hat die Bibel abgeschrieben

 
Top-Services
Möbel aus Turngeräten
Möbel aus Turngeräten
Die Möbel der Firma "Zur schönen Linde" sind .. mehr 
 
Möbel aus Turngeräten
Möbel aus Turngeräten
Die Möbel der Firma "Zur schönen Linde" sind ..
mehr 
Angelina Jolie strahlt in Berlin
Angelina Jolie strahlt in Berlin
Angelina Jolie stellt ihren Film "In the Land ..
mehr 
Berlinale 2012: Glanz und Glamour auf dem roten Teppich
Berlinale 2012: Glanz und Glamour auf dem roten Teppich
Berlin ist wieder Hauptstadt des Films: Zur Eröffnung ..
mehr 
Bisher unveröffentlichte Bilder von Marilyn Monroe
Bisher unveröffentlichte Bilder von Marilyn Monroe
Marilyn Monroe ist eine Hollywood-Legende. Sie prägte ..
mehr 
Szenenbilder aus "Hugo Cabret"
Szenenbilder aus "Hugo Cabret"
Martin Scorseses erster 3D-Film ist eine ..
mehr 
Szenen aus "Star Wars Episode I - Die dunkle Bedrohung"
Szenen aus "Star Wars Episode I - Die dunkle Bedrohung"
Es war klar, dass sich George Lucas den 3D-Hype nicht ..
mehr 
Neu im Kino: Der Junge mit dem Fahrrad
Neu im Kino: Der Junge mit dem Fahrrad
"Der Junge mit dem Fahrrad" ist der neue Film ..
mehr 
Super Bowl: Madonnas Show und ein Skandälchen
Super Bowl: Madonnas Show und ein Skandälchen
US-Popdiva Madonna hat mit einer überwältigenden Show die ..
mehr