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Serie: Deutsche Philosophen: Kant – der klare Geist von Königsberg

VON BERTRAM MÜLLER - zuletzt aktualisiert: 30.12.2009 - 08:17

Düsseldorf (RPO). Unter den Denkern der Neuzeit ist der große Aufklärer Immanuel Kant (1724–1804) der für die Gegenwart bedeutendste. Denn er hat in seiner "Kritik der reinen Vernunft" den Grund für jegliche Art von Wissenschaft gelegt. Auch sein "kategorischer Imperativ" wirkt bis heute fort – als Richtschnur der Sittlichkeit.

Was kann der Mensch wissen, welche Grenzen sind ihm gezogen, wo hört das Wissen auf und beginnt die Spekulation? Auf diese Fragen hat der Königsberger Philosoph Immanuel Kant in der folgenreichsten seiner drei "Kritiken", der "Kritik der reinen Vernunft" von 1781, dauerhaft gültige Antworten gegeben; in einer Begrifflichkeit allerdings, die schon damals mehr Menschen abgeschreckt als für die Philosophie entflammt haben dürfte.

Seitdem hält sich hartnäckig die Vorstellung vom Eigenbrötler, der nie die Stadtgrenze seiner Heimat Königsberg überschritten habe und nach dessen täglichen Spaziergängen man die Uhr stellen konnte.

Richtig daran ist, dass er tatsächlich die allermeiste Zeit seines Lebens in Königsberg verbrachte. Seine weiteste Reise führte ihn in den Herbstferien 1765 auf das Gut eines Generals an der Grenze zu Russland. Auch die Überlieferung von Kants strikter Tageseinteilung entspricht der Wirklichkeit, doch ist sie nicht die ganze Wahrheit.

Kant zog zwar nicht in die Welt hinaus, aber die Welt kam zu ihm. Denn Königsberg war eine aufgeschlossene Stadt – ein Ort, wie der Philosoph in seiner umständlichen, jedoch präzisen Art schrieb, der "eine Universität (zur Kultur der Wissenschaften) und dabei noch die Lage zum Seehandel hat, welche durch Flüsse aus dem Innern des Landes sowohl, als auch mit angrenzenden entlegenen Ländern von verschiedenen Sprachen und Sitten, einen Verkehr begünstigt, – eine solche Stadt (. . .) kann schon für einen schicklichen Platz zur Erweiterung der Menschenkenntnis als auch der Weltkenntnis genommen werden, wo diese, auch ohne zu reisen, erworben werden kann."

In Preußen geboren

In Königsberg, in Preußens Osten, war er geboren, dort war er zur Schule gegangen, hatte studiert, arbeitete als Hauslehrer, wurde dann mit seiner lateinisch abgefassten Schrift "Die Grundprinzipien der metaphysischen Erkenntnis" Privatdozent für Philosophie an der Universität und später ordentlicher Professor. Da war er schon 46.

Zu jenem Zeitpunkt hatte sein Tagesablauf längst eine unumstößliche Ordnung: Um 5 Uhr ließ er sich von seinem Diener wecken, dann bereitete er sich auf seine Vorlesungen vor, die er vormittags hielt. Anschließend arbeitete er bis 13 Uhr an der schriftlichen Fixierung seiner philosophischen Gedanken. Es folgte das Mittagsmahl. Dazu erwartete er stets Gäste, mit denen er oft bis 16, 17 Uhr zusammensaß. Dann meditierte er noch eine Weile, und Punkt 19 Uhr begann sein häufig zitierter Spaziergang – ohne Weggefährten. Nach dem Spaziergang vertiefte sich Kant erneut in Lektüre, und um 22 Uhr ging's ins Bett.

Für eine Frau war in einem solch starren Plan offenkundig kein Platz. Kant, nur 1,57 Meter groß, gründete keine Familie. Berichtet wird jedoch, dass er sich als junger Mann verliebt habe. Auch in fortgeschrittenem Alter sei er kein Feind der Ehe gewesen, habe sogar zweimal den Vorsatz gefasst, "würdige Frauenzimmer" zu ehelichen, doch sei er mit dem Entschluss und dessen Umsetzung so langsam vorangekommen, dass er gegenüber der Konkurrenz ins Hintertreffen geraten sei.

Ein "Weiberfeind" wurde er durch seine Erfahrungen nicht, im Gegenteil: Seine Gabe der leichten, geistreichen und gefälligen Unterhaltung machte ihn zu einem der begehrtesten Gesellschafter Königsbergs. Selbst in der Kochkunst wusste er mitzureden.

In Kants philosophischen Schriften sucht man solche Leichtigkeit vergebens. Darin spricht er eine Sprache, die auf Genauigkeit zielt und in der die Worte nicht fließen, sondern wie in Stein gemeißelt erscheinen.

Versuchen wir, Kants überbordendes Gedanken-Gebäude auf die Stützpfeiler zu reduzieren und solchermaßen die Klarheit zu schaffen, auf die auch der Aufklärer zielte. Kant hat den Begriff der Erkenntnistheorie in die Philosophie eingeführt. Erkenntnistheorie ist die Grenzpolizei gegen alle Anmaßungen und Überschreitungen über das Erfahrbare hinaus, die sich die reine Vernunft zu Erkenntniszwecken zuschulden kommen lässt. Denn Erkenntnisse beruhen Kant zufolge einzig und allein auf Erfahrung, auf Sinneswahrnehmung.

Alles ist zweierlei

Doch halt: Wie kommen wir dazu, Dinge zu denken, die wir zum Beispiel nicht sehen, die wir uns aber gut vorstellen können? Wenn auch mancher nicht an Gott glaubt, so hat er doch eine Idee davon. Erfahrung kann also nicht alles sein – sagt Kant. Erfahrung, so führt er aus, wird geformt durch die im Geiste vorab ("apriori") bereitliegenden Anschauungsformen des Raums und der Zeit und die Denkformen der Kategorien. Alles, was wir erkennen, können wir nur innerhalb dieser Vorgaben erkennen. Alles, was wir erkennen, ist deshalb auch stets zweierlei: die Folge der äußeren wie auch unserer inneren Welt.

Die "Dinge an sich" dagegen bleiben uns verborgen. Unsterblichkeit der Seele, Entstehung der Welt, die Existenz Gottes – das sind Kant zufolge Themen nicht der Wissenschaft, sondern allenfalls einer Scheinwissenschaft.

Dabei steht er dem Christentum schon aufgrund seiner Biografie – seiner pietistischen Erziehung – gar nicht so fern, zumindest in Fragen der Moral. In Kants zweiter Kritik, der "Kritik der praktischen Vernunft" (1788), gelangt er zu folgendem Schluss: Zwar ist es der Vernunft unmöglich, Gegenstände apriori zu erkennen; wohl aber kann sie den Willen des Menschen und sein praktisches Verhalten bestimmen. Dabei stellt sich heraus: Der Mensch steht seinem "empirischen", in der Erfahrung wurzelnden Charakter nach unter dem Naturgesetz, folgt den Einflüssen der Außenwelt, ist unfrei. Seinem "intelligiblen" Charakter gemäß aber ist er frei und nur nach seiner (praktischen) Vernunft ausgerichtet.

Das Sittengesetz, dem er dabei folgt, ist ein kategorischer Imperativ: Nicht ein auf äußere Güter gerichtetes Streben nach Glück (also kein Absahnen von Gewinnen), nicht Liebe oder Neigung machen ein Tun moralisch, sondern allein die Achtung vor dem Sittengesetz und die Befolgung der Pflicht.

Kant unterscheidet zwischen einem hypothetischen Imperativ (den er verwirft) und jenem bekannten kategorischen, der ein unbedingtes Sollen ausdrückt: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." Diese Ethik ist keineswegs eine rein gesellschaftliche Vereinbarung, sondern sie gründet sich auf die Überzeugung von der Freiheit des sittlichen Tuns, von der Unsterblichkeit des sittlich Handelnden sowie von Gott als dem Garanten der Sittlichkeit und – nicht zu vergessen! – ihres Lohns.

Kant, der Aufklärer, war also keinesfalls ein gottloser Philosoph; nur wies er die einst selbstherrliche, scholastische Theologie in ihre Schranken. In seiner Schrift "Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" (1793) stellt er fest, Religion sei nichts als der Inbegriff aller unserer Pflichten, die uns göttliche Gebote auferlegen, und Gott so viel wie das höchste Ideal. Alle religiöse Organisation dagegen, Dogmatik und bloß äußerliche Religionsausübung, sei lediglich Religionswahn und "Afterdienst". Wen wundert's, dass die Kirche sich nur mühsam mit Kant anfreundet?

Kants drittes kritisches Werk, die "Kritik der Urteilskraft" (1790), befasst sich vor allem mit der Ästhetik – besonders des Schönen, des Erhabenen und des Genies. Alle drei Kritiken wirken bis in die Gegenwart, im Grunde in der Rangfolge ihrer Entstehung. Die "Kritik der reinen Vernunft" wendet sich an Forscher; die "Kritik der praktischen Vernunft" könnte zum Rettungsanker werden in einem Jahrhundert, das zunehmend über den Verfall von Werten klagt. Und die "Kritik der Urteilskraft" bietet Orientierung in einer Zeit, in der Schönes und Hässliches in Kunst, Mode und Architektur immer schwerer voneinander zu unterscheiden sind.

An der Spitze der Künste sah Kant die Dichtung; den untersten Platz dagegen hatte er der Musik zugewiesen. In Kant-Deutsch klingt das so: "Außerdem hängt der Musik ein gewisser Mangel an Urbanität an, dass sie vornehmlich nach Beschaffenheit ihrer Instrumente, ihren Einfluss weiter, als man ihn verlangt (auf die Nachbarschaft), ausbreitet und so sich gleichsam aufdrängt, mithin der Freiheit anderer, außer der musikalischen Gesellschaft, Abbruch tut."

Kurzum: Kant fühlte sich zuweilen von Tanzmusik, die aus einem Nachbarhaus zu ihm drang, im Philosophieren gestört; ein menschlicher Zug eines Denkers, dessen Erkenntnisse fast übermenschlich in die Gegenwart strahlen.

Quelle: RP

 
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