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Besuch in Tschernobyl und Prypjat
Leben nach dem Super-GAU

Bilder aus dem Band "Come bury me"
Bilder aus dem Band "Come bury me" FOTO: Andrej Krementschouk
Düsseldorf (RP). Der Fotograf Andrej Krementschouk reist regelmäßig nach Tschernobyl. Jetzt werden seine Bilder in der Galerie Clara Maria Sels ausgestellt. Der Anlass war der 25. Jahrestag der Reaktorkatastrophe. Doch die Ereignisse in Japan verändern den Blick. Von Arne Lieb

Am 26. April 1986 ereignete sich im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl der bislang schwerste atomare Unfall. 25 Jahre sind seitdem vergangen, und immer noch – oder wieder – leben Menschen im direkten Umkreis des Unglücksreaktors, wo die radioaktive Strahlung noch sehr hoch ist.

Der Fotograf Andrej Krementschouk hat sie in den vergangenen Jahren mehrfach besucht. Er wollte wissen, wie das Leben in den Dörfern nach dem Super-GAU weitergegangenen ist. Und ob die radioaktiv verstrahlte Region immer noch eine Heimat sein kann.

Ausstellung umbenannt

Bis zum 4. Juni werden seine Bilder in der Galerie Clara Maria Sels in der Altstadt gezeigt. Der Termin stand schon vor dem Erdbeben in Japan fest, eigentlich wollte Krementschouk zum 25. Jahrestag an die Unglücksregion an der Grenze zwischen der Ukraine und Weißrussland erinnern, die lange nicht mehr im Fokus der Öffentlichkeit stand.

Nach den aktuellen Ereignissen in Japan ist alles anders: Plötzlich denkt der Betrachter bei Tschernobyl immer Fukushima mit. Das hat auch dazu geführt, dass Galeristin Sels und der Fotograf den Titel der Ausstellung kurzfristig geändert haben. "Going to Tschernobyl" erschien plötzlich unpassend, jetzt lautet der Titel "Heimat – Tschernobyl".

Krementschouk hat auch in der Geisterstadt Prypjat fotografiert, die in den Tagen nach der Katastrophe geräumt wurde. Man sieht Plattenbau-Ruinen, die einst in Eile verlassen wurden und nun verfallen – kein unbekanntes Motiv, die Stadt wurde in den vergangenen Jahren zum Touristenziel. Ungewöhnlicher und wirkungsvoller sind die Bilder, die den Alltag der Menschen in den umliegenden Dörfern zeigen. Viele haben ihre Heimatorte nicht verlassen oder sind bald wieder zurückgekehrt. In dem dünn besiedelten Gebiet leben Bauern, aber auch viele, die als Arbeiter im "Sarkophag", der Kraftwerksruine, ihr Geld verdienen.

Die Bilder wirken duch das Unsichtbare

Die Bilder zeigen einfache Szenen, meist in herbstlicher, morbid wirkender Landschaft. Eine Frau steht auf einem Feld und überwacht ein Laubfeuer. Kinder spielen im Wasser. In einem menschenleeren Zimmer wird Fleisch getrocknet. Krementschouk wollte nichts inszenieren, es sind keine Warnschilder zu sehen oder Krankenstationen. Die Aufnahmen wirken durch das, was sie nicht zeigen, weil es unsichtbar ist: die Strahlung.

Krementschouk, 37 Jahre, kommt aus Russland. Er hat an der Fachhochschule Hamburg studiert und lebt in Leipzig. Um das Thema "Heimat" kreisten auch seine bisherigen Arbeiten. In "No Direction Home" ging es um das Dorf, aus dem seine Familie stammt. Für "Come Bury Me" fotografierte er in einer Unterkunft für Obdachlose.

Nach Tschernobyl kam er durch Zufall. Eigentlich war er für eine Reportage über die weißrussische Küche unterwegs, dann entschied er sich für einen Abstecher. Seitdem hat ihn die Gegend nicht mehr losgelassen. Seit 2008 war er zwei- bis dreimal im Jahr in Tschernobyl, zuletzt vor einer Woche für eine Reportage im "Stern". Ängstlich wegen der Strahlung sei er schon, sagt er, er versuche sich zu schützen, etwa indem er außerhalb des stark verseuchten Gebiets übernachte.

Keine Region wie jede andere

Wie gehen die Menschen mit der Radioaktivität um? "Darüber wird nicht mehr gesprochen", sagt Krementschouk. Die Menschen hätten sich einst entschieden, zu bleiben. Nun wollten sie von den Strahlen nichts mehr hören, zu sehen seien sie ja nicht. Die Menschen würden ihr Leben weiterführen, auch wenn die Strahlenbelastung immer noch stark ist. "Sie sind genauso glücklich oder unglücklich wie andere Menschen", ist der Eindruck des Fotografen.

Trotzdem ist Tschernobyl auch nach 25 Jahren keine Region wie jede andere. Auch Krementschouk hat mit dem Thema noch nicht abgeschlossen: Wenn er wieder Geld gespart hat, sagt er, will er erneut hinfahren und fotografieren.

Andrej Krementschouk
bis 4. Juni 2011
Galerie Clara Maria Sels
Poststraße 3 Düsseldorf

 
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